„Ich brauche Reibung“ – Interview mit Mockemalör

Ich habe sie vor zwei Wochen in München gesehen und sie haben mich in ihren elektronisch-experimentellen Bann gezogen. Die Rede ist von Mockemalör. Mocke-, was? Ja, das klären wir auch noch gleich, denn ich habe mich gestern mit der charmanten Sängerin Magdalena zum Interview getroffen und über ihren Heimatdialekt, Nina Simone und therapeutische Maßnamen geplaudert.

Vorhang (endlich mal wieder) auf für das große Kino:

Liebe Magdalena, ich habe mich innerhalb von Sekunden in eure Musik verliebt, weil sie so eigen und neu ist. Kannst du eure Musikrichtung beschreiben und erzählen, wie sie entstanden ist?

Wir haben uns selbst ein Genre verpasst, und zwar den „alemannischen Elektro-Indie“. Alemannisch ist mein Heimatdialekt und elektronisch rührt daher, dass wir ziemlich viel mit Synthesizern und Delay-Geräten arbeiten. Independent sind wir auch in jedem Fall. Unsere erste Platte haben wir in kompletter Eigenregie aufgenommen. Der Freiheitsgedanke, unsere Musik alleine zu formen, ist uns sehr wichtig.

Entstanden ist das Ganze, als wir uns 2010 bei einem Theaterprojekt kennengelernt und super verstanden haben. Am Anfang hatten wir gar kein Ziel, eine Band zu sein, sondern es war eher ein kreativer Prozess. Da war die Musik noch gar nicht elektronisch, wir haben lediglich von mir komponierte Lieder weiterentwickelt. Mittlerweile schreiben wir meistens die Stücke zusammen.

anidenkt

Euer Name „Mockemalör“ heißt so viel wie „Schönes Missgeschick“. Steckt da eine Philosophie drin, dass aus einem Fehltritt etwas Tolles entstehen kann?

Unbedingt. Der Drang nach Perfektion stört mich und auch, wenn einfach alles zu glatt ist. Ich brauche Reibung, auch in einer menschlichen Begegnung. Das spiegelt unsere Musik wider, denn sie fordert eine Bereitschaft, sich drauf einzulassen und sich zu öffnen. Widersprüchliche und neue Wege zu gehen und nicht die nächstliegende Lösung zu wählen. Das steckt in dem Namen.

Du hast bereits angesprochen, dass die Texte auf alemannisch sind. Wie kam es dazu?

Ich habe an der UdK Berlin „Tanz, Gesang und Schauspiel“ studiert und hatte dort ein Abschlussprojekt, was Teil meiner Diplomprüfung war. Ich musste mich selbst inszenieren, dabei haben mich die Jungs musikalisch begleitet. Einige Passagen waren im alemannischen Dialekt, meinem Heimatdialekt, was ihnen sehr gut gefallen hat. Am Schluss meinte Martin, unser Schlagzeuger, dass ich den Dialekt doch auch mal für unsere Songs nutzen könnte. Die Lieder haben dadurch einfach etwas sehr Eigenes bekommen.
Harry, unser Gitarrist, ist Grieche und hat, wenn er Zweit- oder Drittstimme gesungen hat, am Anfang gar nicht verstanden, was er da so gesungen hat. Ich habe dann viel übersetzt und erklärt. Mittlerweile haben alle ihren Spaß dran (lacht).

Im Song „Schwarzwald“ singst du darüber, dass er dunkel und kalt ist. Trotzdem habe ich das Gefühl, dass es ein Liebesbrief an die Heimat ist. Wie passt das zusammen?

Stimmt, es ist eine liebevolle Hommage an meine Heimat. Das Stück ist entstanden, als ich mich weder im Schwarzwald noch in Berlin daheim gefühlt habe. Wie das so ist, wenn man erwachsen wird, ein gewisses „Verloren-Sein“. Ich liebe den Schwarzwald sehr und er ist meine Kraftquelle, aber phasenweise kam ich mir verloren vor. Deswegen hat das Stück eine melancholische Note. Das mag ich gerne, weil Melancholie für mich etwas von Innehalten und Reflektieren hat.

Ich finde, dass du eine große Bühnenpräsenz hast und habe erst nach dem Konzert gelesen, dass du eben nicht nur Gesang, sondern auch Tanz und Schauspiel studiert hast. Bist du bei einem Auftritt von Mockemalör auch irgendwo Schauspielerin?

Ich kann das nicht trennen. Ich stehe immer wieder als Schauspielerin auf der Bühne, allerdings eher im Musiktheater. Das fließt auf jeden Fall mit ein, weil ich das Handwerk gelernt habe, wie man Bühnenpräsenz aufbaut. Manchmal sind die Auftritte auch theatralisch, das kommt immer auf den Text an. Und mir macht einfach so viel Spaß zu spielen (lacht)!

An welchem künstlerischen Ausdruck hängt dein Herz am meisten?

Ich bin vom Herzen her Musikerin und mich in der Musik auszudrücken, ist meine erste Wahl. Überhaupt finde ich es genial, wenn man die Möglichkeit hat, sein Inneres nach außen zu kehren. Mitzuteilen, was in einem vorgeht, ist sehr therapeutisch…

… und auch noch so kostengünstig…

… ja, stimmt!

Welchen verstorbenen Musiker hättest du gerne getroffen und was hättest du ihm/ihr gesagt?

Ich hätte gerne Nina Simone getroffen. Ich hätte sie einfach gerne beobachtet und wahrscheinlich gar nichts gesagt. Sie ist unglaublich inspirierend, weil sie so eine Stärke ausstrahlt. Lauryn Hill fand ich auch immer super, aber mittlerweile ist von der wohl nicht mehr so viel übrig, außer einer Hasch-Wolke.

Foto

Was sind eure nächsten Pläne?

Wir produzieren gerade Videomaterial. Im „grünen Salon“ in Berlin hatten wir ein Konzert, von dem wir drei Stücke zusammenschneiden. Im Herbst gehen wir nochmals auf eine Tour, allerdings wird die klein ausfallen, weil wir schon am nächsten Album arbeiten, welches im Oktober 2015 veröffentlicht werden soll. Die neuen Sachen werden übrigens wesentlich freudiger und heller. Ein bisschen bunter. Auch optisch! Am Anfang sind wir oft in schwarz aufgetreten, jetzt sind wir bunter (lacht).

Zum Ende, ganz schnell:

Stadt oder Land?

Stadt!

Großes Festival oder kleines Konzert?

Großes Festival.

Bier oder Wein?

Wein!

Heimweh oder Fernweh?

(lange Pause) Beides.

Suchen oder Finden?

Suchen.

Tag oder Nacht?

Tag.

 

Danke, Magdalena & Mockemalör!

magdalena
Copyright Felix Groteloh

 

Join the discussion

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.