Interview: Über Kunstrasen und Vollkornbrötchen – der „Journeyman“

Die Walz hatte ihn inspiriert. Junge Gesellen, die auf Wanderschaft gehen und für Kost und Logis arbeiten. Das wollte er ausprobieren, Fabian, Innenarchitekt, Designer, Fotograf. Im Herzen aber Weltenbummler.
Er startete mit 255 Euro auf dem Konto und arbeitete mehr als zwei Jahre lang auf fünf Kontinenten in verschiedenen Jobs. Sein Buch Journeyman: 1 Mann, 5 Kontinente und jede Menge Jobs steht seit Monaten auf der Spiegel-Bestsellerliste. Ich habe ihn mir bei seiner Lesung in München geschnappt und ihn zum großen Kino gebeten.
Vorhang auf:

Fabian, ist es zuhause wirklich am schönsten?

Habe ich das irgendwo mal gesagt?

Nein, aber das sagt man doch so.

(erleichtert) Ach so. Nein, glaube ich nicht. Zumindest nicht für mich. Aber ich denke, dass es viele Leute gibt, die ja sagen würden. Für mich war der Ort, in dem ich aufgewachsen bin, einfach zu klein, zu eng. Das Dorfgerede ging mir sehr auf die Nerven, sodass ich relativ früh weg gegangen bin. Es ist natürlich auch immer die Frage, wie man Zuhause definiert: Ist es dort, wo man gerade ist? Ist es da, wo man aufgewachsen ist? Ist zuhause da, wo man sich wohl fühlt? Dann ist es am schönsten, ja.

Die Heimat von Fabian, Bremthal in Hessen.
Die Heimat von Fabian, Bremthal in Hessen.

Du hast geschrieben, dass du als Journeyman Grenzen ausgetestet hast, und zwar bewusst und unbewusst – kannst du eine davon nennen?

Ja, zum Beispiel die Tatsache, dass ich mich den Leuten ausgeliefert habe, für die ich gearbeitet habe, indem ich gesagt habe, dass ich für Kost und Logis arbeite und sie schauen mussten, wo ich schlafen konnte und dass sie mir was zu Essen gaben. Das ist insofern für mich eine Grenze gewesen, weil ich gerne innerhalb meiner eigenen „Intimdistanz“ bin. Ich bin nicht der Typ, der komplett offen auf Menschen zugeht, ich bin eher zurückhaltend und fühle mich nicht immer wohl, wenn ich in neue soziale Gefüge gerate. Von daher war das für mich eine Grenze, die ich jedes Mal neu überschreiten musste.

Würdest du sagen, dass du dabei immer du selbst warst?

Hmm… also ich glaube, dass mein Verhalten gegenüber Leuten sehr auf Empathie gegründet ist. Ich stelle mich immer auf mein Gegenüber ein. Vielleicht kann es mal so aussehen, als ob das nicht immer ich bin, aber ich bin es im Endeffekt immer, weil meine Reaktionen auf der Aktion meines Gegenübers basieren. Und wenn ich merke, dass ich keine Lust habe, auf jemanden zu reagieren, dann ziehe ich mich meist aus der Situation zurück.

Hast du etwas aus Deutschland besonders vermisst, als du unterwegs warst? Vielleicht den Kunstrasen (Anm.: Fabian ist, um Geld für die Reise zu sparen, in ein ganz kleines Zimmer gezogen, dessen Boden mit Kunstrasen ausgelegt war)?

(lacht) Ne, den hab ich auf keinen Fall vermisst!
Mit den sozialen Kontakten war es gar nicht so problematisch, weil ich finde, dass Skype ein guter Ersatz ist. Ich bin nicht der Telefon-Typ, weil ich die Gesichtsausdrücke brauche. Deswegen wird mir am Telefon immer langweilig und ich weiß nicht, ob ich die Sachen richtig interpretiere, weil mir die Mimik fehlt. Mit Skype hat es sich daher in Grenzen gehalten, dass ich Freunde und Familie sehr vermisst habe.
Vermisst habe ich oftmals Selbstverständlichkeiten, die von der deutschen Kultur ausgehen. Dass ich weiß, wie und wo ich mich bewegen kann sowie Angewohnheiten, beispielsweise, was Essen betrifft. Mal schnell zum Bäcker gehen und ein Vollkornbrötchen holen…

… Brot ist doch das, was man meisten außerhalb Deutschlands vermisst, oder?

Auf jeden Fall. Und Apfelschorle!

Was würdest du Menschen raten, die auf Reisen sind und überlegen, abzubrechen und nach Hause zu kehren?

Sollen sie tun. Auch das ist ein relativ großer Schritt, wenn man viel Geld für eine Reise ausgegeben hat. Wenn man an dem Punkt ist, dass man abbrechen will, dann ist das Erfahrung genug. Man weiß, dass es einem nicht liegt und dann kann man guten Gewissens nach Hause fahren.

In Havana. Copyright Daniel Castro
In Havana. Copyright Daniel Castro

Jetzt, wo du auf die zwei Jahre zurückblicken kannst – hättest du irgendetwas anders gemacht?

Kleine Details und Fehltritte, ja, da wüsste ich nun einfach besser Bescheid. Was die Planung angeht, nein, das fand ich gut. Im Laufe der Reise hat es sich ergeben, dass ich ein paar Ausrüstungsgegenstände, die ich nicht gebraucht habe, zurückgeschickt oder verschenkt habe, aber so generell war der Lernprozess, der stattgefunden hat, gut so, wie er war.

Welches Land oder welche Stadt hat dich am meisten nachhaltig beeindruckt und warum?

Malaysia, Kuala Lumpur. Ich war schon häufig in Südostasien gewesen, aber dort noch nicht gewesen. Es ist kein Begriff unter den meisten Backpackern, weil es ein bisschen teurer ist, als der Rest Südostasiens und es ist muslimisch, daher gehen nicht so viele dorthin und bleiben oftmals eher in buddhistisch geprägten Regionen.
Man geht ja mit Vorurteilen in ein Land, weil man sich im Voraus eine Meinung bildet. Die Änderung meiner Meinung, welche die Stadt Kuala Lumpur dann hervorgerufen hat, hat mich nachhaltig beeindruckt. Dass beispielsweise der muslimische Glaube so anders ausgeübt wird, als ich das durch Medien kannte, fand ich ebenfalls beeindruckend. Auch hat natürlich die Gastfreundschaft und das Essen eine Rolle gespielt, alles zusammen.

Wie geht es bei dir weiter? Neue Reise? Neues Buch?

Reisen sowieso. Ich war mittlerweile wieder unterwegs gewesen und hatte den größten Teil des Buches im Ausland geschrieben. Ich war in Simbabwe und ein paar Monate in Indonesien. Seit Erscheinung des Buches letzten November hatte ich nur zwei Wochen Urlaub gemacht und ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich das letzte Mal zuvor wirklich Urlaub gemacht habe und nicht einfach auf Reisen war. Ich wollte auch den Prozess nach dem Buch, also Interviewphasen etc., einfach mitnehmen, weil ich das total spannend fand und nicht kannte.
Im Herbst werde ich nun für zwei Monate nach Sri Lanka gehen und dort eine Doku drehen, wenn ich das Equipment zusammenhabe…

… über Elefanten!

… nein, leider nicht, aber die kommen bestimmt auch drin vor. Es wird um den Surf-Tourismus gehen.

Auch schön. Aber es muss mindestens ein Elefant durchs Bild laufen.

Bestimmt!

Die schnellen Fragen und noch schnelleren Antworten:

Fernweh oder Heimweh?

Fernweh

Tag oder Nacht?

Nacht

Bier oder Wein?

Wein

Stadt oder Land?

Land

Berge oder Strand?

Strand

Fabian Sixtus Körner oder Journeyman?

Fabian Sixtus Körner.

 

Vielen Dank, Fabian!
www.fabsn.com

 

Merken

2 comments

  • Ich habe mein solo Thailand-Trip nach bereits 8 Tagen abgebrochen und es ist wirklich nicht leicht diese Entscheidung zu treffen, nachdem man viel Geld für die Reise ausgegeben hat und noch wichtiger endlich seinen Traum verwirklicht. Doch wenn man zum falschen Zeitpunkt verreist (mit privaten Problemen), dann ist es eben sinnlos. Diese kurze Reise lehrte mich einiges, aber nicht dass das Reisen selbst mir nicht liegen würde 😉

    • Hey Aylin,

      da hast du Recht, es ist echt nicht leicht, eine Reise abzubrechen. Ich stand auch schon ein mal vor dieser Entscheidung, hab zwar letztendlich weitergemacht, aber ich glaube, ich weiß, wie schwer der Schritt ist. In deinem Fall war es sicherlich die richtige Entscheidung 🙂

      Lieben Gruß

Join the discussion

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.