Wortmanifest

Ich glaube an den Zauber des ersten Satzes zwischen zwei Menschen, die noch nicht wissen, dass sie sich gleich ineinander verlieben werden. Ich glaube daran, dass Kommunikation der Schlüssel zu allem ist. Ich glaube, dass auch nur ein einzelnes Wort Berge versetzen kann. Ozeane überqueren.

Ich glaube, dass in den schlimmsten Momenten die schönsten Buchstaben zusammengefügt und in den schönsten Momenten die hässlichsten Dinge gesagt werden. Weil Worte manchmal schneller sind als Gedanken. Ich glaube, dass das Wort sehr mächtig ist. Mystisch, bezaubernd, argwöhnisch, verletzend und sternenklar. Ich glaube, dass es alles retten kann und die Kraft hat, barbarisch zu wüten. Ich glaube, dass Deutsch eine wunderschöne Sprache ist, von der wir alle nie genug kriegen sollten. I

Ich glaube, dass Poesie den Herzschlag bestimmt.

Ich glaube, dass wir viel zu selten denen zuhören, die etwas zu sagen haben. Und unsere Zeit mit denen vergeuden, die den Worten keinen Raum geben und die Zeilen dazwischen nicht mal kennen. Ich glaube, dass wir alle mehr miteinander reden sollten und ich glaube, dass wir Menschen besser verstehen würden, wenn wir den Mut hätten, jedem einzelnen ohne Vorbehalt entgegenzutreten. Ich glaube, dass wir regelmäßig an den Sprachen dieser Welt scheitern werden und gleichzeitig am meisten an den Barrieren wachsen können. Ich glaube, dass ein nettes und ehrliches Wort ohne Verzögerung heilen kann. Und ich glaube, dass das jeder von uns zu können vermag. Ich glaube, dass man sich Sätze in Büchern unterstreichen sollte. Ich glaube, dass Kitsch nicht in der Sprache entsteht, sondern in der falschen Betonung.

Ich glaube, dass man sich an Worten festhalten kann, wenn alle anderen Stricke reißen. Aber ich glaube auch, dass man sich an jeder einzelnen Silbe aufhängen kann.

Ich glaube, dass es einen Zeitpunkt gibt, an dem man alles in Worte fassen kann, einfach, weil sie so schön sind, immer da, und man nur nach ihnen greifen muss. Ich glaube, dass die gewaltfreie Kommunikation ein Segen ist. Ich glaube, dass viele Wörte kleine Schätze sind, die wir mit uns tragen, nur mit uns teilen, bis wir uns zu trauen, sie in die Welt zu schicken. Ich glaube, dass Wortgirlanden und Sprachknoten Begriffe sind, die man versteht, auch wenn man sie noch nie gehört hat. Ich glaube, dass das Sich-in-Worte-Verstricken das Beste ist, was einem passieren kann, um herauszufinden, was man überhaupt sagen will.

Ich glaube, dass schöne Sätze Lichter anknipsen.

Ich glaube, dass man manches nicht verstehen muss, um es zu begreifen, genauso wenig, wie nicht alles Sinn ergeben muss, um logisch zu sein. Ich glaube, dass die richtige Mischung aus Reden und Schweigen einer Erleuchtung gleichgesetzt werden kann. Ich glaube, dass Worte entdeckt werden wollen und man mit ihnen gemeinsam Abenteuer jagen kann. Ich glaube, dass jeder Mensch mindestens einen neuen Begriff erfinden sollte, am besten für eine Absurdität, die durch eine Benennung auf einmal vollkommen realistisch erscheint.

Ich glaube an das Wort. Und ich glaube, dass es niemals, niemals, niemals aufhören wird zu leuchten.

Anika_018

(Fotocredit: Helena Gunnare, thank you very much for your permission.)

 

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