Romweh, das: Von der unbändigen Lust, das Leben zu genießen.

Auf den Titel bin ich gekommen, als ich diesen wunderschönen Gastbeitrag lesen durfte. Ich leide unter Romweh.
Und ihr nach dieser Lektüre bestimmt auch.


 

In Kirchen gehen, um der Hektik der Stadt zu entkommen. Die Immatrikulationsbescheinigung von Architektur mit Paint faken, um viermal die Woche kostenlos in Museen und Ruinen zu kommen.  Trotz nicht vorhandenem Leistungsdruck verzweifeln, weil die größte Uni Europas einfach so ein Chaos ist. Sich im Restaurant unglaublich betrinken, weil der Hauswein in den Literkaraffen runter geht wie Wasser. Nicht rumreisen an den Wochenenden, weil die Stadt selbst mehr zu bieten hat, als man in drei Leben erkunden könnte.
So ungefähr war mein Erasmussemester in Rom.

Largo di Torre Argentina: hier wurde angeblich Cäsar vor 2070 Jahren ermordet. Heute wohnen hier ein Haufen Katzen und man kann mit gefühlt jeder zweiten Buslinie in eine andere umsteigen.
Largo di Torre Argentina: hier wurde angeblich Cäsar vor 2070 Jahren ermordet. Heute wohnen hier ein Haufen Katzen und man kann mit gefühlt jeder zweiten Buslinie in eine andere umsteigen.

 

Rom ist verrückt. Die dreieinhalb Millionenstadt ist unglaublich laut und chaotisch – was in einer Stadt dieses Ausmaßes wohl nicht besonders überrascht, vor allem weil sie doch recht weit im Süden liegt. Diese Lage trägt vermutlich auch maßgeblich zu einer Kultur bei, die mir manchmal nicht europäisch vorkam und Machos ohnegleichen hervorbringt.
Mehr gibt’s nicht vom anstrengenden Part. Nur so viel: Wer wie ich Ruhe und Zurückhaltung mag, sollte nicht nach Rom ziehen.
Wer – auch wie ich – Kunst, imposante Ruinen, schöne Häuser, gutes Essen, guten Kaffee, guten Wein und Spazieren in der schönsten Altstadt der Welt mag, ist in Rom allerdings goldrichtig.

Essen

Lasst uns beim Essen beginnen. Oder Trinken. Ehrlich – die Italiener verstehen was von der Kunst des Kaffeekochens. Und sie haben eine Kultur daraus gemacht: cappuccino (kommt von “cappuccio”, dt.: Häubchen) ist das flüssige Frühstück. Den Rest des Tages gehen sie immer mal wieder in die Bar ihres Vertrauens, holen sich erst einen scontrino (Beleg) und trinken dann im Stehen an der Bar ihren kleinen Energiebooster names caffé (nie, nie “Espresso” bestellen).

Das gekürzte Frühstück kompensieren die Römer mit umso größerer cena (Abendessen) ab 21 Uhr – vorzugsweise mit Wein in Literkaraffen. Um bis dahin nicht zu verhungern, haben sie sich den wunderbaren aperitivo ausgedacht: in den Bars, in denen es tagsüber caffé gibt, holt man sich einen Drink und darf dann ans Snackbuffet. Nach aperitivo und cena ist die Basis gut – und der Pegel auch. Aber mehr geht immer!

11_Bucatini all'Amatriciana
Bucatini all’Amatriciana (bei Il Podista).Das allerbeste römische Gericht. Das allerbeste Gericht überhaupt, wenn ich es mir überlege. Es gibt nur eine Sache, die es noch besser macht, als es eh schon ist: Karaffe(n) Wein.

Geschichte(n)

Largo Torre Argentina, der Ort, an dem angeblich Cäsar ermordet wurde, ist ein Busumsteigeplatz, am Kolosseum fährt die Tram vorbei. Auf der Tiberinsel liegt ein Krankenhaus, das laut Legende auf die Heilkräfte der Insel zurückgeht. Auf dem Kapitol, wo die Vorfahren der ersten Römer siedelten und wo DIE Statue der Wölfin auf die beiden kleinen Jungs aufpasst, befindet sich das Rathaus. Und auf der Piazza Navona mit dem Vierströmebrunnen von Bernini und der Kirche seines Rivalen Bramante jagten sich in der Antike junge Kerle mit Pferdewagen bis in den Tod.

Das war im Dezember. Es hatte 25° - und auf der Säule eines Palastes im Foro Romano seh ich doch echt eine Kaltschmohnblüte.
Das war im Dezember. Es hatte 25° – und auf der Säule eines Palastes im Foro Romano seh ich doch echt eine Klatschmohnblüte.

Rom hat nicht nur eine Vergangenheit. Es ist ein jahrtausendealtes Geflecht vieler einzelner Geschichten. Immer, wenn ich über Straßen und Plätze flaniert bin, mich in kleinen Gassen verloren habe oder über die großen Steine unter dem Trajansbogen gehüpft bin, haben meine Gedanken angefangen, umherzuschwirren: Welche Menschen sind schon über diese Steine gelaufen? Was haben diese Säulen schon gesehen? Wer hat hier den Imperatoren zugejubelt? Und wie haben sich die Menschen gefühlt, die unter dem Triumphbogen hindurchgezerrt wurden?

So viele Geschichten haben sich hier zugetragen, weltbewegende Geschichten, tragische Geschichten, lebensgefährliche Geschichten, Liebesgeschichten, kleine Momente, einige Sekunden, ein Blick, der den Alltag eines einzelnen Menschen aufgehellt hat.

Wenn man hinhört, flüstert jede schöne Hausfassade, jeder Kircheneingang, jede Statue und jede antike Ruine von längst vergangenen Zeiten. Das ist magisch.

Kunst

Die Kunstmuseen Roms sind voller Klassiker, die ich in der Schule nach Bildkomposition und Pinselduktus analysiert habe – und sie sind fast alle von Italienern: Michelangelo Buonarotti steht da, Raffaello Sanzio da Urbino, Michelangelo Merisi da Caravaggio und Parmigianino. Aber es sind nicht nur die Museen, die Kunstschätze beherbergen.

Einer der faszinierendsten Aspekte Roms ist, dass man nicht nur in den großen Museen in die Welt der Kunst abtauchen kann – viele der 950 Kirchen Roms können ganz gut mithalten. Im Petersdom steht die Pietà von Michelangelo, Caravaggios Gemälde findet man in den Kirchen San Luigi dei Francesi, Sant’Agostino und Santa Maria del Popolo. Dort steht auch eine Statue, die selbst Skeptiker umhaut: Ein Engel, der einen Mann (Habakuk) an den Haaren zieht und dabei verschmitzt lächelt. So süß! Nachdem ich mich in die Statue verliebt habe, habe ich sie im Film Illuminati wiederentdeckt. Promi ist sie auch noch!

 

An meinem vorletzten Tag in Rom habe ich dieser großartigen und ziemlich versteckten Statue ein bisschen wehmütig zum Abschied über den Knöchel gestrichen. Einerseits war ich zwar ganz froh, das Chaos der italienischen Großstadt nun vorerst hinter mir zu lassen. Andererseits gibt es in Rom noch so unglaublich viele Geheimnisse, die locken, verborgene Schätze, die entdeckt werden wollen und die ewige, große Schönheit, von der man nie genug bekommt.

Habakuk und der Engel vermissen mich sicher schon. Ende Mai werde ich sie mal wieder besuchen. Tja, die Engelsburg und das MAXXI werde ich vermutlich auch dieses Mal nicht schaffen. Aber Tatsache ist: Ein Leben ist eh zu kurz für Rom!

13: Zur Beruhigung ein Bierchen (Peroni ist das Beste) in San Lorenzo. Also eigentlich eher drei oder mehr, wenn man an die Preise denkt. Nach 22 Uhr darf man keine Gläser oder Glasflaschen mehr auf der Straße haben, deshalb die Plastikbecher. Dabei stößt man leicht mit den Fingerknöcheln an.
Zur Beruhigung ein Bierchen (Peroni ist das Beste) in San Lorenzo. Also eigentlich eher drei oder mehr, wenn man an die Preise denkt. Nach 22 Uhr darf man keine Gläser oder Glasflaschen mehr auf der Straße haben, deshalb die Plastikbecher. Dabei stößt man leicht mit den Fingerknöcheln an.

 

Diese Kreuzung sagt viel aus über Rom. Autos, Transporter, Motorini - alle fahren durcheinander. Links eine Kirche, Dann ein etwas schräger und halbkaputter Turm aus dem Mittelalter, dahinter das Trajansforum. Dazwischen Palmen und noch etwas weiter hinten la scrivania (dt.: die Schreibmaschine) das monumentale Gebäude zu Ehren der italiensichen Krieger.
Diese Kreuzung sagt viel aus über Rom. Autos, Transporter, Motorini – alle fahren durcheinander. Links eine Kirche, dann ein etwas schräger und halbkaputter Turm aus dem Mittelalter, dahinter das Trajansforum. Dazwischen Palmen und noch etwas weiter hinten la scrivania (dt.: die Schreibmaschine) das monumentale Gebäude zu Ehren der italienischen Krieger.

 

 

12_Pantheon
Pantheon – ich bin dort ab und zu rein, hab nach oben geschaut, mich währenddessen ein paar Mal gedreht, und den Rest des Tages in einer Art glückseliger Überwältigung geschwelgt. Die Kupfertüren sind übrigens noch original von 25 v.Chr.

 

9_Ein Obelisk
Einer der dreizehn Obelisken, die die Römer in Einzelteile zerlegt aus Ägypten eingeschifft haben. Um sie dann in der Stadt zu verteilen und ab und zu später ein Kreuz oben drauf zu setzen.

 

Piazza di Spagna mit der Kuppel des Petersdoms im Hintergrund. Der Brunnen am Fuß der Treppe ist auch von Bernini. Steht halt hier draußen rum seit ein paar hundert Jahren.
Piazza di Spagna mit der Kuppel des Petersdoms im Hintergrund. Der Brunnen am Fuß der Treppe ist auch von Bernini. Steht halt hier draußen rum seit ein paar hundert Jahren.

 

Das Kolosseum. Dahinter geht die Sonne unter, und nachts ist es besonders eindrucksvoll.
Das Kolosseum. Dahinter geht die Sonne unter, und nachts ist es besonders eindrucksvoll.

 


Tipps:

 

Caffé:

Sant’Eustachio

 

Aperitivo:

Black Market Monti

Freni e Frizioni

Magnebeve

 

Essen:

Il Podista

Pizzeria ai Marmi

Supplizio

 

Bars:

Celestino

Black Market San Lorenzo/Monti

Am Brunnen “Fontana dei Catecumeni” auf der Piazza della Madonna dei Monti

(Alte) Kunst:

Kapitolinische Museen

Nationalmuseum der Etrusker in der Villa Giulia

La Galleria Borghese

 

Moderne Kunst:

MACRO (Via Nizza)

MAXXI

La Galleria Nazionale d’Arte Moderna

Buch:

111 Gründe, Rom zu lieben: Eine Liebeserklärung an die großartigste Stadt der Welt (Matthias Raidt)

Filme:

Vacanze Romane (William Wyler)

To Rome with Love (Woody Allen)

La Grande Bellezza (Paolo Sorrentino)


Na, treffen wir uns auf einen caffé in bella italia, hm?

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9 comments

  • Oh, jetzt habe ich auch Romweh <3

  • Beeindruckend! Wer will da nicht gleich nach Rom?

  • So nennt sich das also, was mich seit meinem ersten Urlaub (letztes Jahr) in Rom befallen hat…..ich leide so stark an diesem Romweh!!!! 😉

  • Oh. Das kann ich zu 100% nachvollziehen! Ich war leider nicht so lange wie du in Rom aber das hat für eine massive Romweh-Infektion schon gereicht. Ich hab mir nach dem Urlaub letztes Jahr erstmal HBOs “Rome” und “Spartacus” reingezogen und diverse Bücher über die römische Antike gelesen. Und letztes Wochenende habe ich mir erst das Geo Epoche “Altes Rom” gekauft 🙂
    Ich hab übrigens mein Erasmus-Jahr in Granada verbracht. Eine Stadt die zwar deutlich kleiner ist aber Rom in Punkto Magie und Schönheit in nichts nachsteht!

  • Hallo! Dein Romweh ist ein guter Begriff. Bei mir heißt der Sehn-Sucht nach einer Stadt, die ich fast 10 Jahre mein Zuhause nennen durfte. Ich habe meine Teenie-Zeit dort verbracht, Motorino fahren gelernt mit 14, mit 18 meinen Führerschein in trastevere gemacht (tolle Idee!) und stolz mein erstes Auto, einen kanarigelben 500 über di San Peitrini gedonnert – die Rückbank war immer besetzt mit 2 Mega-Boxen für die Stereo meines Bruders, mit dem ich das Auto teilte. So viele Erinnerungen, und ja, ich liebe auch Ammatriciana und Pasta mit Ceci oder Cacio e Pepe (kennst Du die?). Mein Lieblingsbier dort ist aber Birra Morretti und das mit dem gläserverbot nachts gab es in den Neunzigern auch noch nicht.

    Eine Anmerkung: Die Wagenrennen waren vor allem Circo Massimo, und Piazza navona wurde dichtgemacht und geflutet für Schiffskämpfe (Navona, nave, navis, navigare oder so lat.) Wir hatten in der Schule Romkunde: das beste Schulfach der Welt. Da lernten wir etwa die Inschriften zu lesen.

    Ganz liebe grüße, von einer Amante di Roma x sempre – ich freue mich sehr Deinen tollen blog entdeckt zu haben.
    Verena

    • Hi Verena,

      danke dir für deinen lieben Kommentar! Der Artikel ist zwar ein Gastbeitrag von Isabelle, die in Rom studiert hat, aber ich gebe deine Worte mal weiter 🙂
      Liebe Grüße!

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