Wagah Wagah? | Die skurrile Flaggenparade

 

Einmal auf indischer Seite an der Grenze zu Pakistan stehen, im Norden des Landes, im Punjab, und herausgeputzten Soldaten dabei zusehen, wie sie dem gegnerischen Land den Kampf ansagen und dabei von Tausenden Indern und Pakistaner angefeuert werden?

Klingt irrsinnig? Ist es auch. Und seitdem ich dort war, ist es für mich ein absolutes Muss, wer Indien in vollen Zügen erleben möchte:
Es geht nach Wagah, an die indisch-pakistanische Grenze zwischen Amritsar (Indien) und Lahore (Pakistan):

Wir waren zu spät dran. Als wir in Amritsar losfuhren, reihte sich unser Auto ein in unübersehbar vielspurige Straßen und schlängelte sich vorbei an Traktoren, Bussen, deren Dächer mit Menschen vollgepfercht waren, Kleinlastern mit Ladeflächen voller Leute und den üblichen Hindernissen auf indischen Straßen, beispielsweise allen Kühe des Landes, Tuk-Tuks und Rollerfahrern.

In Wagah angekommen, hatte ich das Gefühl, ich würde auf ein Festival gehen. Vom Parkplatz aus lief man noch gut 20 Minuten entgegen der Abendsonne und folgte den Menschenmassen, die mit Tröten und Fahnen uns den Weg wiesen. Von Weitem konnte ich schon das indische Tor sowie die Tribüne erkennen, die bis auf den letzten Platz restlos besetzt war und in den schillerndsten Farben der Saris erstrahlte.
Für mich war der Ansturm kaum nachvollziehbar, schließlich fand dieses Spektakel jeden Abend statt – wo kamen all die Menschen her? Ach ja, wir waren doch in Indien.

tribüne

Die Tribüne war geschlossen. Es gab allerdings einen kleinen Zugang für Touristen, der auf die gegenüberliegende Straßenseite führte. Dort wollten wir hin, in die erste Reihe. Wer konnte schon ahnen, dass wir genau dafür unsere Reisepässe brauchten, denn keiner glaubte uns ohne die Ausweise, dass wir Europäer – oder zumindest Nicht-Inder – waren. Nach viel Überzeugungsleistung und der Hilfe meines Dropbox-Ordners auf dem Handy, in dem die Pässe gespeichert waren, durften wir noch als zwei der letzten Touristen rein und quetschten uns an den Straßenrand, während die Menge bereits tobte und wir nach drüben lugten. Dort, auf die andere Seite, hinter dem großen Tor. Da lag tatsächlich Pakistan.

Ich war absolut fasziniert von dem Schauspiel. Die indischen Gesänge glichen dem Anfeuern in ausverkauften Fußballstadien, während auf der pakistanischen Seite die Euphorie komplett überschwappte und uns (wir waren an diesem Abend stolze Inder mit noch stolzer geschwällter Brust) fast in den Schatten stellte: Der Anfeuerer musste her. Ein komplett in weiß gekleideter Mann – den gab es übrigens auf beiden Seiten – der die ohnehin schon trunkene Masse noch mehr dazu ermutigte, vollkommen durchzudrehen.

Und dann kamen sie, die Soldaten, einer adretter als der andere, mit hübsch gestutzten und formierten Bärten und dieser unfassbar aufwendigen und einzigartigen Uniform. Sie steuerten so voller Stolz und Ernsthaftigkeit auf das Tor zu, das Indien von Pakistan trennte, indem sie beim Gehen die Beine in die Luft schleuderten, sodass ich mir ein Lächeln kaum verkneifen konnte. Nicht umsonst wird diese Zeremonie mit Monthy Pythons „The Ministry of silly walks“-Sketch verglichen.

Ich war komplett in den Bann gezogen und konnte mir mittlerweile vor Lachen kaum den Bauch halten, während mich gleichzeitig eine vollkommene Harmonie erfüllte: Zwei Länder, die sich so lange bekriegt hatten, schaffen es, an diesem Örtchen Platz zu machen für ein bisschen Frieden. Auch wenn die Flaggenparade angeblich zeigen soll, wie kampfbereit man zu jeder Zeit sei, so sah es für mich eher nach einer friedlichen Kampfansage an.
Da mischte sich Leichtigkeit unter die Menschen. Und während die Fotoapparate der Touristen klickten, ging die Sonne unter und wir warteten alle gespannt auf den Moment, wo das Tor aufging, die Flaggen heruntergenommen wurden und sich die beiden Majore die Hand gaben.

So kurz, so schnell, dass man es übersehen hätte, hätte man nur ganz kurz geblinzelt.

 

Ein Video, das die Zeremonie sehr gut zeigt:

 

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