#Kaffeesätze (14): Vom Heiraten und der Frage nach dem Warum.

Gina und ich sind beide große Fans von Kaffeedates. Deswegen gibt es unsere #Kaffeesätze. Wenn eine von uns etwas beschäftigt und ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach. Und trinkt dabei ihren Kaffee.

Wir sprechen uns weder ab, noch wissen wir, welches Thema auf uns zukommt. Das Resultat sollen zwei kleine Kolumnen sein, auf die sowohl Leser als auch wir selbst gespannt sind. Unter dem Hashtag könnt ihr uns finden und mitreden. Diesmal: Vom Heiraten.

 

Ani schreibt:

Weil meine Kamera durch Deutschland reist, ein Erinnerungsfoto: Frühstückskaffee in Malawi
Weil meine Kamera durch Deutschland reist, ein Erinnerungsfoto: Frühstückskaffee in Malawi

Liebe Gina,

die Hochzeitsaison ist eingeläutet, um nicht zu sagen, sie ist in vollem Gange. Und mich würde wirklich interessieren, wie du zu dem Thema stehst, wo du doch mit Chris zusammen diese hübschen Momente einer Hochzeit in noch bezaubernderen Fotos festhältst? Ehrlich, wenn ich eure Bilder sehe, frage ich mich immer, wie Brautpaare noch ernsthaft ein klassisches Fotoshooting hinlegen, mit schmachtenden Blicken, der Braut, die vom Bräutigam getragen wird (oder auf der Motorhaube des Hochzeitswagens abgelegt) oder, nun ja, diese Sache mit Sepia. Du weißt, was ich meine.

Bildschirmfoto 2016-06-28 um 08.38.04
Copyright: Gina & Chris @awildescape

Ich hole mal etwas aus, um zu erklären, warum ich dieses Thema anschneide: Ich habe eine große Schwäche für alles, was Heiraten angeht, und weiß Gott warum. Ich liebe kitschige Hochzeitsfilme genauso sehr wie die Folgen aus Sex And The City, wo Hochzeiten verteufelt werden und die vier sich als die Hexen von Eastwick bezeichnen. Mein eigenes Traumkleid habe ich vor sieben Jahren aus einem Schaufenster in Alicante abfotografiert und einer meiner Lieblingsabschnitte aus einem Buch von Steffi von Wolff ist:

„Und übrigens, was ich gern noch mal wissen wollte: Fragt mich jemand, ob ich ihn heiraten möchte, wenn ich verspreche, nein zu sagen? Hallo? Hallo …?“

Seit ein paar Jahren heiraten plötzlich die Menschen, die ich so kenne. Jeden Sommer geht es irgendwann los, dieses Jahr überkam mich bereits in Malawi die Panik, nicht rechtzeitig ein paar neue, passende Kleider aufzutreiben, sodass ich mir ein riesiges Zalandopaket an meine italienischen Nachbarn zuhause schicken ließ. Aber nicht nur ich bin dieses Jahr mordsmäßig gut vorbereitet, es scheint, die Bräute ebenso. Die einen stecken dich in Whatsapp-Wer-backt-welchen-Kuchen-Gruppen, die anderen geben die Sitzordnung zwei Monate vor der Trauung ab – Spontanität muss draußen bleiben. Und ich frage mich – wie schwierig ist es eigentlich, diesen Tag zu planen, ohne dabei verrückt zu werden?

Wie geht es dir, wenn du auf den Auslöser drückst, während die Mutter ihrer Tochter ein paar Minuten vor der Trauung ins Kleid hilft? Bist du restlos glücklich? Möchtest du selbst auf der Stelle geheiratet werden? Siehst du es rein beruflich?

Ich finde Heiraten einfach extrem spannend. Nicht nur, weil die Menschen die unterschiedlichsten Gründe dafür haben und der Tag sowohl unter Wasser, als auch in einem verwilderten Garten stattfinden kann, sondern, weil man sich etwas verspricht, was man theoretisch nicht versprechen kann: Man kann nicht in die Zukunft blicken, man kann nicht wissen, was in zehn Jahren ist. Man kann lediglich versprechen, es zu versuchen, und dieser Versuch dauert dann bis zum Happy End. Oder eben nicht.

Obwohl wir also angeblich Generation Beziehungsunfähig sind, beobachte ich eine ganz andere Entwicklung: Immer mehr Menschen heiraten und zwar pompös und groß und oftmals sogar richtig konservativ. Keine Ahnung, ob das an Instagram und den glatt polierten Blogs mit ihren perlweißen Oberflächen liegt, aber alle heiraten und daran teilhaben darf soll jeder.
Ich weiß noch nicht, wie ich das finde. Ich bin sehr gerne sehr lange einfach nur Beobachter. Trends finde ich spannend, die Gründe dahinter umso mehr. Und es gibt sie ja dann, die Momente an diesem Tag, wenn (fast) jeder sein Handy weglegt und zu Tränen gerührt ist. Weil man plötzlich beim Anblick zweier Menschen, deren Ausstrahlung sich mal eben dupliziert hat und einen ganzen Raum einnimmt, sein ganzes Leben in Frage stellt. Zumindest einen schönen Tag lang, voll klebriger Torte und Champagner-Schluckauf.

 

Gina schreibt:

kaffeesaetze14

Liebe Ani,

das Geschichtenerzählen liegt uns beiden ja sehr nah – doch der Beruf des Hochzeitsfotografen wäre mir bei einer Aufzählung kreativer Berufe früher nie wirklich in den Sinn gekommen. Überhaupt, eigentich ging’s mir da ganz anders als dir: Hochzeiten haben für mich früher gar keine große Rolle gespielt. Klar ist das rührend, wenn im Film dann endlich die Hochzeitsglocken läuten. Natürlich hat man mit Freundinnen über einem Glas Wein schon darüber gesprochen, wie man sich das irgendwann mal vorstellt. Und ja, da gab’s auch ein Pinterest Board, auf dem ich fleißig Bilder von wild wuchernden Blumenkränzen und langen Tafeln mit hübsch angerichteten Flohmarktunikaten sammelte.

Für irgendwann mal, versteht sich.

Seitdem hat sich einiges verändert. Chris und ich stecken mit „A Wild Escape“ mitten in unserer ersten Hochzeitssaison. Wir treffen uns mit Paaren, die ihren großen Tag planen. Jubeln mit den besten Freunden beim Getting Ready. Und werden von ganzen Familien für einen wunderbaren, aufregenden Tag adoptiert.

Bis es soweit kommen konnte, mussten ein paar Dinge passieren. So etwa mussten wir feststellen, dass wir die Hochzeitsfotografie auf unsere ganz eigene Art interpretieren können. Und dass es Paare gibt, die genau diese Herangehensweise schätzen. Die mit uns losmarschieren, die High Heels Zuhause lassen und lieber den Wind in den Haaren spüren.

Es ist Wahnsinn, wie eng man mit Paaren über diese intensive Zeit zusammen wächst. Wir begegnen uns als Fremde und gehen häufig als Freunde auseinander. Liebe Ani, ich glaube wir sind beide Menschen, die sehr viel von sich selbst in ihre Arbeit stecken. Wenn du also fragst, ob wir das rein beruflich sehen: Nein. Das geht auch nicht. Unsere Herangehensweise ist super informell und sehr persönlich. Ich glaube aber auch, dass es die Voraussetzung ist, um wirklich großartige Momente einzufangen. Dass man nah dran ist.

Zudem mag man über Hochzeiten sagen, was man möchte – zu viel Tamtam, zu viel Cremetorte, zu viel Kitsch. Zyniker mögen gar die Augen verdrehen und fragen: „Was ist denn heute bitte noch für immer?“ Denen entgegne ich dann aber gerne dieses Zitat aus einem meiner absoluten Lieblingsbücher „Alice im Wunderland“.

Alice: How long is forever?
The White Rabbit: Sometimes, just one second.

Zeit ist relativ. Und wenn man sich all die aufregenden Faktoren um den Hochzeitstag herum wegdenkt, dann bleiben da zwei Menschen, die sich so großartig finden, dass sie einander eine Ewigkeit versprechen wollen. An diesem Tag. An diesem Ort. Ungeachtet, was da noch kommt. Wie abgefahren ist das bitte?

Und zu wissen, dass man an diesem Tag Bilder einfängt, die auch noch Jahrzehnte später gezeigt werden, wenn die Kinder wissen wollen, welche Frisur der Papa mal hatte, oder wenn ein naher Verwandter gestorben ist – das ist schon eine riesige Ehre. Da kann man am besagten Tag auch schon mal ein Tränchen verdrücken. Oder zwei.


Alle weiteren Kaffeesätze gibt es hier.

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6 comments

  • Hey ihr beiden 🙂
    Ich mit meinen 18 Jahren habe mir noch recht wenige Gedanken dazu gemacht – insbesondere weil ich in der Hinsicht auch lieber Beobachter bin. Ich organisiere gerne. Brunches und Mädelsabende. Aber Hochzeiten? Hmm eher zu stressig.
    Was den Aspekt mit dem „Für Immer“ angeht, sehe ich das so wie ihr. Mag sein, dass es nicht für immer halten wird; in diesem Moment sind beide dennoch der festen Überzeugung – wieso diesen Moment nicht feiern, wenn man mag?
    Ich finde es ziemlich schön, dass es heutzutage einfach kein Muss mehr ist! Wenn man gerne richtig groß feiern will, ist das fantastisch! Wenn man aber nicht der Typ dafür ist oder lieber anders investiert, dann finde ich das genauso gut. Momentan denke ich eher, dass mir Hochzeiten und der Traum in Weiß etwas over the top sind. Das kann sich aber jeden Moment ändern und dann ist es cool, dass es das Thema Hochzeiten heute in so vielen verschiedenen Farben und Sorten gibt.

    Bin jetzt offiziell Leser bei euch – ihr habt mich überzeugt 😉 Lese grade, dass Anika bald ein Buch veröffentlicht? Welches Genre, wenn ich fragen darf?

    xx Ana http://www.disasterdiary.de

    • Hi Ana,

      schön, dass du hergefunden hast und danke für deinen ausführlichen Kommentar. Ich sehe das ganz genauso wie du.

      Das Buch ist ein erzählerisches Sachbuch und geht um meine Reisen. Der Blog hier erzählt vordergründig Reisegeschichten, die Kaffeesätze gibt es in unregelmäßigen Abständen und ist einer der wenigen Bausteine auf dem Blog, der nicht unbedingt etwas mit dem Reisen zu tun hat.

      Alles Liebe,
      Anika

  • Wenn das mal keine Gedankenübertragung ist: Heute in den Morgenstunden sind wir von einer Hochzeit wiedergekommen (übrigens ohne Champagner und Tamtam), die mich meine skeptische Haltung doch nochmal überdenken lässt. Genau die Momente, in denen alle ein Tränchen verdrücken, sind für mich auch immer die, in denen alle meine vernünftigen Gründe gegen das Heiraten in den Hintergrund treten und ich diesen wunderbaren Moment anschmachte. Viele Grüße, Saskia

  • <3 Aus aktuellem Anlass und überhaupt, weil ich auch wie Du, liebe Ani, Hochzeiten liebe!

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