#Kaffeesätze (15): Von Kreativität in Zeiten von „House of Cards“

Gina und ich sind beide große Fans von Kaffeedates. Deswegen gibt es unsere #Kaffeesätze. Wenn eine von uns etwas beschäftigt und ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach. Und trinkt dabei ihren Kaffee.

Wir sprechen uns weder ab, noch wissen wir, welches Thema auf uns zukommt. Das Resultat sollen zwei kleine Kolumnen sein, auf die sowohl Leser als auch wir selbst gespannt sind. Unter dem Hashtag könnt ihr uns finden und mitreden. Diesmal: Vom Kreativsein.

Liebe Ani,

Ich weiß nicht, wann ich aufgehört habe, mir die Seele aus dem Leib zu schreiben. Irgendwann um drei Uhr morgens, wenn die Welt still ist, ein Lieblingslied im Kopf und ein Glas Wein zu viel im Blut. Wenn die Gedanken wild sind, waghalsig manchmal, und sich Sätze formen, die man am nächsten Morgen mit einem Kopfschütteln quittiert, und man den Rotstift ansetzt, aber verzückt ist von dem Quäntchen Wahrheit, das sich in der nächtlichen Unverblümtheit und im Rhythmus des Basses von „Time is Dancing“ auf das Papier bequemt hat.

Vor vielen, vielen Jahren war ich mal ein junges Mädchen, mit strubbeligen braunen Haaren und viel Zeit, die ich am liebsten mit Büchern und Malzeug in unserem Ferienhaus in Dänemark verbrachte, während die gleichaltrige Tochter von Freunden meiner Eltern alle paar Minuten neugierig den Hals durch den Türspalt steckte und fragte, wann ich endlich spielen kommen wolle. Wollte ich nicht. Fand ich doch die Gesellschaft imaginärer Gestalten und erdachter Geschichten um Längen spannender als alles, was mir ein Sommernachmittag in Gesellschaft der Nachbarskinder verheißen konnte.

Ich schrieb Bücher voller unsinniger Geschichten, Gedichte, die meine Oma bis heute in einer Kladde im Schreibtisch bewahrt. Die waren oft ziemlich schlecht, aber mit viel Enthusiasmus verfasst.Am Liebsten schrieb ich nachts, wenn alle schliefen und die Welt endlich die Klappe hielt. Ich hatte so viel Zeit in meinen Händen und keinen Ort, an dem ich am nächsten Tage sein musste.

Gina war die Woche mit Blumenkronenbasteln beschäftigt, um die letzte Hochzeit der Saison vorzubereiten ... danach gab es erstmal einen Kaffee und der steht neben den Resten des Kranzes, der ein schicker Strauß wurde.
Gina war die Woche mit Blumenkronenbasteln beschäftigt, um die letzte Hochzeit der Saison vorzubereiten … danach gab es erstmal einen Kaffee und der steht neben den Resten des Kranzes, der ein schicker Strauß wurde.

Wann also hab ich aufgehört, mir die Seele aus dem Leib zu schreiben? Mit Herzblut an einer Geschichte zu arbeiten, auch auf die Gefahr hin, dass sie nie das Licht der Welt erblickt? Meine Nachmittage beim Theater zu verbringen, nicht, weil es als außerschulische Aktivität den Lebenslauf aufpoliert, sondern weil es sich gut anfühlt auf eine Art, die man nicht beschreiben, aber deutlich fühlen kann?

Und das soll gar nicht so dramatisch klingen, liebe Ani, und auch nicht bemitleidenswert. Ich bahne mir meinen Weg durch das Leben, baue ein paar Irrwege ein, ringe mit der Vernunft und der Intuition und bin dabei ziemlich oft sehr zufrieden. Es ist nur so, dass in der Ecke meines Wohnzimmers eine blaue Gitarre steht, die ich seit Monaten nicht angerührt habe. Dass ich immer weniger schreibe, weil ich in anderen Bereichen viel weniger dafür kämpfen muss, vernünftig bezahlt zu werden.
Dass der Terminkalender manchmal so voll ist, dass ich kreativ bin für Projekte, die vor der Tür stehen, aber kaum für mich selbst. Weil Kreativität auch die Bereitschaft bedeutet, Fehler zu machen und Fehler sind nicht effizient. Und wer Studium und Einkommen und das Anstoßen von Herzprojekten miteinander verbinden will, der taktet seine Tage mit der Akribie eines Feldmarschalls. Und kriegt dann irgendwie alles hin, aber in freien Minuten ist dann keine Zeit für wilde Gedanken, sondern höchstens für den Zombieblick aufs Smartphone und eine Folge „House of Cards“ vorm Schlafengehen.

Der gute Vorsatz, liebe Ani, der ist gefasst – aber wie bekomme ich das jetzt nur hin, ohne gleich alles über den Haufen zu werfen?

Mit einem Kratzen am Kopf und einem Winken in die Ferne,

deine Gina


Liebe Gina,

mit deinem ersten Satz hast du mich direkt getroffen. Mir geht es gerade ähnlich und ich bin immer wieder verblüfft, wie viele Parallelen sich in unseren Leben abspielen, obwohl wir manchmal so wenig voneinander mitbekommen.

Meine Kindheit habe ich zwar nicht in Dänemark in einem schönen Ferienhaus verbracht (jetzt wird mir auch klar, woher du deinen Sinn für Ästhetik hast!), dafür aber ähnlich mit dem Schreiben um des Schreibens Willen. Kreativ sein, weil kreativ sein so unglaublich viel Spaß und Befriedigung bringt. Und es war gut so, denn alles, was an Feedback, als eine Antwort darauf gereicht hat, war ein liebevolles Streichen über meinen Kopf, ein stolzes Lächeln meiner Eltern oder, wie eben bei dir, das Wissen, dass diese Gedichte irgendwo aufbewahrt sind – weil sie jemandem sehr viel bedeuten. Und es ist total egal, ob das, was da steht, künstlerisch hochwertig ist oder du es gar verkaufen konntest. Es bleibt stehen, für sich, und deshalb ist es gut.

Ich glaube, wovon du redest, ist das Überangebot an Selbstoptimierung. Wir beide haben unsere Leidenschaften zum Beruf gemacht, da bleibt manches auf der Strecke, und manchmal genau das, womit wir doch eigentlich angefangen haben: Das einfache, schöne, ungebundene, schnörkellose Kreativsein.

Der Herbst kam ohne Ankündigung, ich verkroch mich letzte Woche zu einer Portion Pasta in Salbeisahne (unglaublich lecker im "Tafel&Schwafel, München) und einem Espresso Macchiato ins Café.
Der Herbst kam ohne Ankündigung, ich verkroch mich letzte Woche zu einer Portion Pasta in Salbeisahne (sehr lecker im Tafel & Schwafel, München) und einem Espresso Macchiato ins Café.

Wenn ich heutzutage nachts etwas schreibe, ähnlich wie du, mit ein bisschen mehr Mut und ein bisschen mehr Zeichnen über die Linien hinaus, dann lese ich es am nächsten Morgen und es wandert, in sehr vielen Fällen, in den Papierkorb. Wenn der Text Glück hat, darf er in einem Ordner bleiben. Allerdings, und ziemlich sicher für immer, offline. Weil das Schreiben um des Schreibens Willen plötzlich nicht mehr reicht, weil ich plötzlich so einen hohen Anspruch an mich selbst habe und ein Text nicht einfach nur ein Text bleiben darf.

Ich muss ganz ehrlich sagen, dass ich sie in den letzten Wochen sehr vermisst habe, unsere Kaffeesätze. Weil es eins der wenigen Dinge ist, die ganz ungezwungen passieren, an denen ich schlichtweg Spaß habe. Ein Projekt, das ich nicht monetarisiere und das für sich stehen darf. Als das, was es ist: Ein Austausch.

Es ist wohl immer eine Frage der Prioritäten. Für was nehme ich mir ganz bewusst Zeit, was kriege ich hin, was will ich wirklich? Wenn ich ehrlich bin, dann kribbelt es nach spätestens zwei faulen Tagen, an denen ich keine Zeile geschrieben habe. Dann möchte ich einfach nur das neue Bon Iver-Album hören und einen Text schreiben. Einen, der sein darf, der vielleicht ausgedruckt und in die Schublade gesteckt wird. Dafür braucht es jedoch Zeit und noch mehr Muse. Aber so sehr ich „House of Cards“ liebe, so schnell schaue ich mich nach einer neuen Serie um, sobald die eine vorbei ist. Obwohl ich selbst, mittendrin in diesem Suchen, kreativ sein könnte. Anstelle anderen beim Kreativsein zuzusehen.

Ebenfalls kopfschüttelnd,

Ani.


Alle weiteren Kaffeesätze zum Nachlesen gibt es hier.

Alle Merken

Merken

Merken

Merken

2 comments

  • Liebe Gina, liebe Ani,

    ich schicke euch ein dickes DANKE für diese Kaffeesätze! Ich bin so erleichtert, dass jemand die Sehnsucht nach dieser Art von Schreiben teilt – und dankbar, dass ihr nicht gleich drei Aufmerksamkeitsübungen hintendranpappt, mit denen angeblich alles besser wird (und ich soll dann zusehen, wie ich die in meinen Tag gequetscht kriege ;-)). Stattdessen probiere ich jetzt mal aus, was passiert, wenn ich mir ein paar eurer Sätze abschreibe und an die Wand pinne.

    Ich schreibe heutzutage übrigens manchmal in der U-Bahn so ungezwungen drauf los wie damals. Denn da unten hab ich eh nichts zu tun, die Menschen drumherum schert nicht, was ich tue, und zack, spuken sie mir als Figuren durch den Kopf. Aber eben nur manchmal. Und dann fällt mir wieder ein, dass ich diese Zeit doch effizient nutzen könnte, um x, y oder z vorzubereiten. Gehört das am Ende dazu – wir sollen uns nur genug drüber ärgern, und dann schreiben wir wieder drauflos?

    Schönen Gruß
    Petrina

Join the discussion

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.