Karibik, baby! | Tayrona Nationalpark

Für mich ist es ganz wichtig, wo ich eine Reise beende. Ich versuche, mir immer etwas ganz Besonderes für den Schluss aufzuheben und tendiere dazu, von einem einsamen Strand direkt nach Hause zu fliegen, anstatt die letzten Tage in großen Metropolen zu verbringen. Zwar ist dadurch der Kulturschock bei der Rückkehr größer, aber ich trage in der deutschen Ankunftshalle ein bisschen mehr Ruhe im Herzen.

Meine letzte Woche in Kolumbien habe ich deshalb an der Karibikküste verbracht. Alleine schon deshalb, weil das Wort Karibik so traumhaft und weit weg von allem, was man kennt, klingt, wollte ich es mir bis zum Schluss aufheben. Ich wusste einfach, dass ich dort Strände sehen werde, wie ich sie vorher noch nicht gesehen habe und so wurden sie der Abschluss einer Reise, der ich schon im Flugzeug hinterhertrauen sollte.

Angekommen sind der Andere und ich in Cartagena. Ein bildhübsches Städtchen, das, wie mir fast jeder vorher augenzwinkernd erzählt hatte, so schön anzusehen ist, dass es schon fast künstlich erscheint. Die Gässchen waren malerisch und die Menschen wirkten perfekt platziert, quasi direkt hineingepflanzt in eine Umgebung aus prachtvollen Blüten, atemberaubend-kitschigen Balkonen und einem leichten Duft von Meersalz, der in der Luft lag.

cartagena
Die Straßen von Cartagena.

In Cartagena kann man sich treiben lassen, durch die Straßen laufen, das Getümmel beobachten und vor allem nachts in einer Romantik, die durch die indirekte Beleuchtung der Straßen und vorbei ratternder Pferdekutschen verstärkt wird, einfach ertrinken.
Etwas fernab der zuckersüßen Altstadt ist es allerdings so, wie in jedem hübschen Städtchen Südeuropas: Entfernt man sich vom Kern, steht man in abgelegenen Straßen, in denen sich der Müll häuft, man den Dialekt der Menschen nicht mehr versteht und sich dürre Kätzchen durch den Müll suchen. Auch in Cartagena ist das so und der Schein, der für den Tourismus so herzzerreißend aufopfernd gewahrt, ja fast schon erbaut wurde, zerfällt hinter den Mauern wie riesige Tetris-Bausteine – und verschwindet.

Nach zwei Tagen kaum zu ertragender Hitze fuhren wir knappe fünf Stunden in einem überklimatisierten Bus nach Santa Marta und kamen dort in der Dunkelheit an. Aus Zeitgründen und einem fehlenden Interesse an einer weiteren Stadt, fuhren wir die letzten 10 Kilometer mit dem Taxi nach Taganga, einem Mini-Dörfchen, welches früher Anlaufpunkt von Hippies und Aussteigern war, mittlerweile aber aufgrund des angrenzenden Tayrona Nationalparks vor allem von Backpackern überlaufen ist.

Hier in Taganga gibt es nach wie vor einige Aussteiger, allen voran Amerikaner, die mit was auch immer versuchen, ihr Geld zu verdienen. Neben Tauchschulen und dem sehr einfachen An- und Verkauf von Kokain finden sich hier auch Menschen ein, die sich mit Gitarre in die Bars setzen und für ein wenig Trinkgeld spielen.

Während wir unser sagenhaft schlechtes und einziges vegetarisches Gericht auf der Karte hungrig hinunterwürgten und an der Käsemasse zu ersticken drohten (irgendwie mag ich das), sang ein mürrischer Johnny-Cash-für-Arme vor sich hin, traf dabei eher keinen Ton, konnte schon gar keine Gitarre spielen und zog beleidigt und ohne Pesos in der Tasche von dannen.

Bei Tageslicht erschien Taganga leider gar nicht mal so schön. Der herumstehenden Einwohner, die im Akkordtakt Drogen anboten, indem sie die Auswahl ins Ohr flüsterten, nervten mich extrem. Die Promenade hatte außer den vielen schlechten Restaurants und touristischen Geschäften nicht viel zu bieten.

Vom kleinen Hafen legt jeden Tag ein Boot ab, das eine der vielen Buchten des Nationalparks ansteuert. Andere, wesentlich kleinere Boote bringen Touristen für Tagesausflüge an die näheren Sandstrände, die erschreckender Weise ziemlich hässlich sind und mit den vielen Touristen, der Liegeplatz-Vermietung und dem omnipräsenten Dosenbier ernüchternd wirken. Das Ausflugsziel der Einheimischen, ja, das merkt man.

Ich konnte es nicht erwarten, ich wollte sofort in den Tayrona Nationalpark.

boot

Nachdem uns sowohl der Rezeptionist unseres Hotels als auch ein deutscher Tauchlehrer unabhängig voneinander erzählten, dass das Boot, das jeden Morgen im Hafen ablegt, dieses Jahr schon zweimal umgekippt war, weil die Strömung extrem stark sei und die Kapitäne lediglich Gas und Stopp kennen würden, rieten sie uns dringend davon ab. Lediglich die Rückfahrt, bei der man mit der Strömung auf dem offenen Meer fahren würde, könnten wir ruhigen Gewissens machen. Also fuhren wir in einem Kleinbus mit anderen Reisenden über den Landweg zum Haupteingang und liefen von dort aus ca. eine Stunde durch den Dschungel ans Meer, begleitet von Hunderten von Geckos und einer unbändigen Hitze, welche sich wie ein schwerer Schleier auf meine Haut legte und ich das Gefühl hatte, mich gleichzeitig in Luft aufzulösen.

tourist

Der erste Blick auf eine unberührt scheinende Bucht war atemberaubend. Hier im Nationalpark, wo kein Müll herumlag, keine laute Musik gespielt wurde, jeder Besucher die Natur wohl zumindest ansatzweise zu respektieren wusste, fühlte ich mich angekommen. Kein Handyempfang, kein WLAN, nur das Rauschen des kräftigen Meeres, das gegen die Felsen peitschte, begleitete unsere Schritte, und ich wollte hier bleiben, genau hier, mich von der Sonne küssen lassen, meine Füße durch das kristallklare Wasser beobachten und Kokosnusswasser trinken.

Auf das Zelten hätte ich allerdings gut und gerne verzichten können, denn ich hasse zelten, ja, da habe ich es gesagt, ich hasse es wirklich.

Aber die sogenannten Ecohabs, die es im Tayrona gibt, waren absolut nicht im Budget und so war die Schere weit aufgespannt zwischen den Hotels und den Zelten beziehungsweise dem Schlafen in Hängematten. Der Campingplatz von Arrecifes, der mir von einigen Travellern empfohlen wurde, enttäuschte mich sehr. Er war dreckig und wirkte nicht einladend, die Gestalten, die herumlungerten und ihr Geld mit dem Vermieten der Schlafplätze verdienten, wirkten nicht vertrauenswürdig, schon gar nicht freundlich gesinnt.

Am Ende des Tages war mir das allerdings egal, denn wir waren in einem der schönsten Nationalparks des Landes und so erkundeten wir die umliegenden Buchten, wanderten von der einen zur anderen durch den Dschungel, mal am Wasser entlang, mal durch enge Passagen im Wald, vorbeigedrängt an Eseln und Pferden, die entweder mit Lebensmitteln vollbepackt waren oder die Arbeiter im Park von A nach B brachten.

La Piscina, ein Traum. Cabo San Juan, kaum in Worte zu fassen. Da steht man in den Buchten, die Google einem genau so vorgestellt hatte, und kann die Schönheit trotzdem kaum fassen.

wasser

Und da fiel auch schon die Kokosnuss herunter, eine Machete lag bereit und der Geschmack des Fruchtfleisches breitete sich im Mund aus, während die Palmen sich selbst sanft im Wind hin und her schaukelten.

Ich wollte nicht zurück. Weder nach Taganga, noch nach Medellín und schon gar nicht nach Hause.

Vielleicht glich deswegen die Bootsfahrt zurück einem Höllenritt. Vollgepfercht bis auf den letzten Platz klammerte ich mich bei 400 PS (!) unter dem Hintern an mir selbst fest, während das eiskalte Wasser der offenen See mir ins Gesicht peitschte, ich nach ein paar Minuten durchgefroren und klatschnass war und meine Gesichtsfarbe wohl schwankte zwischen Hellgrün und einem matten Blauton.
Das Ende vom Ende, es musste wohl mit einem Paukenschlag abgeschlossen werden.

Zurück in Taganga fanden wir das wohl einzige leckere Restaurant, inklusive Blick über die Bucht. Wir bestellten alle vegetarischen Gerichte auf der Karte, tranken Wein und schleppten uns zurück in die weißen Laken, schliefen zumindest noch dort eine letzte Nacht, wo man das Meeresrauschen hören und sich leise einreden konnte, dass man schon bald wieder hier sein würde. Oder irgendwo anders, wo das Geräusch gleich war, irgendwo, ach, die Auswahl ist doch so groß.

 

 

Die Fotos hat Deniz geschossen. Ich war mit Hitze, Campen und der Bootsfahrt beschäftigt.

Reiseroute und Tipps:

  • Direktflug von Medellín nach Cartagena (verhältnismäßig teuer, ca 70 Euro einfach für 45 Minuten, nur über Avianca möglich, alle weiteren Fluggesellschaften fliegen über Bogota, was überhaupt keinen Sinn macht)
  • In Cartagena kann ich nur empfehlen, ein schönes Hotel in der Altstadt zu buchen. Unseres möchte ich nicht unbedingt weitergeben, denn es lag etwas abseits und die vielen positiven Bewertungen auf booking.com sind meiner Meinung nach nicht der Wahrheit entsprechend. Auch hier immer mehrere Portale checken, evtl. Stadtkarte auf Google Maps vorher anschauen etc.
  • Taganga – als Ausgangspunkt für den Tayrona und zum Tauchen absolut zu empfehlen. Tolles Hotel mit leckerem Frühstück (Pancakes und sehr nettem Service: das Casa d’mer Taganga
  • Das besagte Restaurant: Bar Babaganoush
  • Der Tayrona-Nationalpark: Eintritt ca. 14 Euro (für Kolumbianer nicht mal fünf), gilt so lange, wie man drin bleiben möchte (und man kann aufgrund der vielen möglichen Wanderungen und Angebote sehr lange bleiben). Den Landweg per Sammeltaxi kann ich empfehlen, Bootsfahrten bleiben aus meiner Sicht einfach Geschmacksache. Wer nicht seefest ist, sollte das lieber lassen, ich hatte ja keine Ahnung, wie stürmisch die karibische See sein kann)

Hast du andere wertvolle Tipps, Anregungen, Feedback zur Karibikküste oder generell Kolumbien?

 

13 comments

  • In Taganga gibt es ein Hostel, das wird von einem Franzosen geführt. Dort kocht ein ebenfalls französischer Koch. Ich habe in ganz Kolumbien nicht so gut gegessen wie dort! Es heißt La Casa De Felipe.

    Gruß!
    stefanie

  • […] Weilchen gedauert, bis ich in Weihnachtsstimmung war. Erst hing ich wochenlang meinem Fernweh nach weißen Sandstränden hinterher, dann habe ich es verpennt, mir einen hübschen Adventskranz zu kaufen (basteln, da […]

  • […] eine Jacke anziehen zu müssen, wenn man nach draußen möchte? Man bucht einen Flug zurück nach Kolumbien und schwelgt währenddessen in Erinnerungen an einen der schönsten Tage in diesem Land: Mein […]

  • […] Cartagena & Tayrona Nationalpark, Kolumbien […]

  • […] wäre beispielsweise der Tauchlehrer, den ich an der kolumbianischen Karibikküste im Hippiedörfchen Taganga kennengelernt hatte. Er war seltsam, einerseits der typische Aussteiger – wenn man dieses Wort […]

  • […] Viel Gutes hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon über das Land gehört. Tatsächlich scheint sich zu bestimmten Zeiten mein gesamtes Umfeld in Thailand zu befinden, war gerade dort oder plant den nächsten Trip. Wer kann es ihnen verübeln – Winter in Deutschland gegen Palmen und Sandstrände. […]

  • […] meines Herzens habe ich an Kolumbien, vor allem an Cartagena, verloren. Die Stadt versorgt mit einem unglaublich ansteckenden Karibikfeeling und verliebt habe […]

  • […] gewesen. Medellín war da nie dabei gewesen, im Gegenteil, ich hatte mich jahrelang nicht mit Kolumbien beschäftigt. Noch vor 10 Jahren ist hier die Armee mit Panzern durch die Straßen gefahren. 10 […]

  • Hallo Anika,

    in wenigen Tagen geht es für uns nach Kolumbien und wir hängen noch ein bisschen an der Planung. Cartagena wird natürlich definitiv besucht, aber bei Taganga sind wir noch sehr unsicher. Ich habe schon viel schlechtes darüber gehört, ähnlich wie du das beschreibst. Den Tayrona Nationalpark wollen wir aber auf jeden Fall machen und auch das Tauchen rund um Taganga könnte uns interessieren, allerdings haben wir nicht so wirklich Lust auf eine reine Party-Destination…Besteht denn die Möglichkeit von Santa Marta direkt in den Nationalpark zu gehen oder muss man den Zwischenstopp in Taganga zwingen machen?

    Liebe Grüße aus Panama
    Chris

    • Hi Chris,

      nein, zwingend ist ein Stopp nicht, so weit ich das noch weiß. Von Santa Marta fahren auch Busse, ich meine mich nur zu erinnern, dass ich damals noch schnell nach Taganga bin, um bereits am frühen Morgen in den Nationalpark zu fahren. Allerdings habe ich Taganga nicht unbedingt laut oder partymäßig in Erinnerung, war halt generell einfach nicht der Hit. Viel Spaß in Kolumbien!

  • Hallo Anika!
    Auch wenn deine Reise schon ein Weilchen zurückliegt, erinnerst du dich bestimmt immer gerne an die zeit zurück!
    Ich war gerade in Cartagena und finde deine bzw Deniz Fotos echt super klasse. Da schwelge ich direkt gerne in Erinnerungen. Die Stadt hat mich mit ihren alten Häusern und den vielen kleinen Cafes direkt gefesselt.
    Lass es dir gut gehen und viel Erfolg mit deinem ersten Roman! Martin

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