Lieber lesen! Buchempfehlungen von Adichie bis Herrndorf

Ich lese lange nicht so viel, wie ich gerne würde. Aber wenn ich vom Fernweh geplagt zuhause im Bett liege und mich vor der Welt Realität verstecke oder, ganz das Gegenteil, am Strand liege und Zeit habe, dann lese ich extrem gerne.

Deswegen stelle ich euch hier ein paar Perlen meiner Bibliothek dar. Der Fokus liegt natürlich auf Reiselektüren. Nachkaufen nahegelegt!


Americanah – Chimamanda Ngozi Adichie*

Eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund von Rassismus, dem Gefühl von Fremdsein und der Frage nach Heimat. Ifemelu zieht während der Zeit der Militärdiktatur von Nigeria an die Ostküste der USA, fängt an einem Ivy-League-College an zu studieren und zieht einen (teilweise inhaltlich nervigen) Blog auf, in dem sie ihre Beobachtungen aus Sicht einer Schwarzafrikanerin in den USA niederschreibt. Zeitgleich wird der Leser auch mit nach London genommen, wo Ifemelus Jugendliebe Obinze als illegaler Einwanderer strandet. Beide kehren letztendlich zurück nach Nigeria.

Mich haben vor allem die Einblicke in Nigerias Hauptstadt Lagos interessiert. Hier wird sehr klar deutlich, was ich selbst in Entwicklungsländern beobachte: Afrika ist nicht nur barfuß laufen und in Lehmhütten wohnen, Afrika ist auch buntes Treiben und Leben in Großstädten, wo sich Macht und Korruption abspielen, genauso wie Klassengesellschaften und ein Zusammenleben von Arm&Reich. Ich mochte das Buch, empfehle allerdings die deutsche Version hier, auch wenn ich das Originalcover (s. Titelbild) extrem ansprechend finde.

 

Am Ende bleiben die Zedern – Pierre Jarawan

“Alles pulsiert, alles leuchtet. Beirut bei Nacht, diese funkelnde Schönheit, ein Diadem aus flirrenden Lichtern, ein Band aus Atemlosigkeit. Schon als Kind liebte ich die Vorstellung, einmal hier zu sein. Doch jetzt steckt mir dieses Messer zwischen den Rippen, und der Schmerz schießt in meinen Brustkorb, dass ich nicht mal schreien kann.”

Mit dem Prolog hatte er mich sofort. Pierre Jarawan, der dem ein oder anderen vielleicht als Poetryslammer bekannt ist, erzählt in seinem Romandebüt, wie der Sohn, der in Deutschland geboren ist, in den Libanon reist, um den verschwundenen Vater zu suchen. Es werden nicht nur geschichtliche Einblicke in den Bürgerkrieg von 1992 in die Erzählung verwoben, es wird nicht nur in Rückblenden von einer engen Vater-Sohn-Beziehung erzählt, es entstehen vor allem Bilder eines wunderschönen und unbegreiflichen Landes, das Land der Zedern.

 

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The Travel Episodes: Geschichten von Fernweh und Freiheit – herausgegeben von Johannes Klaus

Wer von euch The Travel Episodes noch nicht kennt, klickt jetzt bitte erstmal auf den Link und darf später zurückkommen. Die Seite, auf der so einige Multimediaschätze, die für Fernweh und Freiheit stehen, zu finden sind, gibt es auch seit Anfang des Jahres als Buch.

Per Anhalter durch Pakistan, ein Liebesbrief an Indien, einmal in die Antarktis oder verloren in Vietnam – es heißt so schön: “Die Autoren von The Travel Episodes sind da unterwegs, wo für andere das Reisen oft schon zu Ende ist.” Und diese Geschichten sind nicht nur spannend und unterhaltend, sie sind gefühlvoll, sie sind überraschend und sie sind manchmal herzerwärmend komisch. Wer an einem verregneten Sonntag im Bett liegt und dringend eine Portion Fernweh braucht oder wer in einem Bus durch Kambodscha fährt, der sollte das Buch als Reiselektüre zur Hand nehmen und überall hin mitnehmen. Eine meiner Lieblingsgeschichten ist übrigens die von Marianna: Leben und Sterben im Reich der Tiger.

 

 

Tschick – Wolfgang Herrndorf

Tschick ist mein Lieblingsbuch. Ich habe mich Hals über Kopf in die leichte Erzählweise und den Witz Herrndorfs verliebt. Sein Jugendbuch über zwei Außenseiter, die unterschiedlicher kaum sein könnten, und vielleicht genau deshalb gemeinsam in einen geklauten Lada steigen, um einen Roadtrip zu machen, ist witzig und tragisch zugleich, sodass ich mich der Sogwirkung überhaupt nicht entziehen konnte. Einziger Nachteil: Dadurch ist der Roman viel zu schnell gelesen.

Ich habe es mittlerweile so vielen Menschen empfohlen und verschenkt, unter anderem meinem Vater, der nicht viel liest, und mir jedes Mal, wenn wir uns sehen, von Tschick vorschwärmt. Und ich glaube, das ist das größte Geschenk für einen Autor. Als ich kürzlich in Herrndorfs Arbeit und Struktur gelesen habe, wie Tschick entstand, wuchs es mir noch viel mehr ans Herz. Und ach ja, mein Lieblingssatz im Buch: “Weil man kann zwar nicht ewig die Luft anhalten, aber doch ziemlich lange.”

 

Immer wieder das Meer – Nataša Dragnic

Der Titel sagt es bereits – hier kehrt man immer wieder ans Meer zurück und das ist doch schon mal nicht schlecht. Doch neben der Sehnsucht nach Italien steckt noch viel mehr in diesem Roman, und zwar drei sehr verzwickte Liebesgeschichten. Drei Schwestern verlieben sich in den gleichen Mann, allerdings nicht gleichzeitig, sondern nacheinander, sodass ein Bogen von den 80ern bis in die Gegenwart gespannt wird. Ich fand es spannend zu beobachten, wem ich das Glück wünschte und wem nicht und dass ich nach allen drei Geschichten für den Mann am Ende so viel übrig hatte. Verrückt.

Ich mag hier vor allem die Idee der Geschichte, aber auch die sehr schön gezeichneten Charakter, nicht nur die der Schwestern, sondern vor allem auch der Eltern. Der Roman ist ein typisches Buch für den Urlaub, das man am besten auf Elba liest, wo die Familie wohnt. Übrigens: Den Vorgänger von Dragnic, Jeden Tag, jede Stunde mochte ich überhaupt nicht, umso mehr bin ich auf ihr neues Buch gespannt, das Ende März erschienen ist.

 

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Auerhaus – Bov Bjerg

Zum einen: Auerhaus ist so so schön aufgemacht. Zum anderen: Wurde mir das Buch von meiner befreundeten Buchhändlerin empfohlen, und zwar mit den Worten: “Weil du Tschick so liebst, lies mal das hier.”

Als Frieder versucht hat, sich umzubringen, ziehen fünf Freunde mit ihm in das Haus des verstorbenen Großvaters von Frieder. Eine Schüler-WG im Dorf zu einer Zeit, wo es Handys noch nicht gab. Die Freunde wollen mehr vom Leben als “Birth, School, Work, Death”, vor allem wollen sie aber, dass Frieder am Leben bleibt.

Der Roman ist kurzweilig, berührt sehr und die Gedanken von Höppner, aus dessen Sicht erzählt wird, sind oftmals irrsinnig komisch. Eine meiner Lieblingspassagen: “Seltsam waren die anderen in der Klasse. Die, für die alles weiterging wie immer. Hätte man sie vor einer Klausur gefragt: “Wozu lebst du eigentlich ?”, hätten sie geantwortet: “Das kommt nicht dran, das müssen wir nicht wissen!” Lesen! Und sich dann fragen: Brauchen wir alle ein Auerhaus?

 

Das Gleichgewicht der Welt – Rohinton Mistry

Bombay, 1975. Die Lebensgeschichten von vier verschiedenen Menschen werden nicht nur erzählt, sondern miteinander verwoben. Dina, eine Frau Anfang vierzig und Manek, ein Student aus dem Himalaya-Gebirge treffen auf zwei Schneider, die in ihrem Heimatdorf Grausames erlebt haben und täglich ums Überleben kämpfen.
Für alle, die sich auf eine Indienreise vorbereiten und wissen möchten, wie die politische und gesellschaftliche Lage des Subkontinents zu jener Zeit war, ist dieser Roman eine Empfehlung.

Mistry belehrt nicht, er erzählt lediglich, aber das mit so einer Sprachgewalt, dass die Bilder, die entstehen, manchmal so stark sind, dass ich den Roman immer wieder weglegte. Vielleicht auch ein Grund, warum ich seit Jahren daran lese, mir aber sicher bin, ihn zu Ende zu bringen. Das Gleichgewicht der vier Welten schwankt so stark, dass man es selbst manchmal kaum aushält – gerade deswegen muss man es ganz lesen.

 

Was sind eure Buchempfehlungen? Habt ihr auch eins der Bücher gelesen und wenn ja, was ist eure Meinung?


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10 comments

  • Vielen Dank für die Inspiration, liebe Anika!

    Adichie habe ich während meines Ethnologie-Studiums gelesen. <3
    Und Tschick scheint genau das richtige für meinen Toskanaurlaub in zwei Wochen zu sein. Nächstes Jahr um diese Zeit hab ich hoffentlich dein Werk als Sommerlektüre in meinem Rucksack. 🙂

    Lieben Gruß,
    Sarah

  • Danke fürt die Tipps. Die kommen genau richtig. Ich bin noch auf der Such nach Urlaubslektüre. Adiche, Tschick und die Travel Episodes bin ich schon durch aber es beleiben ja noch ein paar heißt Kandidaten.

  • Oh toll, danke für die Inspirationen! Tschick will ich seit langem schon lesen… Und “Am Ende bleiben die Zedern” hört sich sehr interessant an! Ich habe gerade “Couchsurfing im Iran” von Stephan Orth angefangen, zu lesen. Mal sehen, was er von seiner Reise “hinter verschlossenen Türen” zu erzählen hat.

    Lieben Gruß,
    Christina

  • Achja Tschick ist wirklich ein traumhaftes Buch!
    Werde mir deine Buchtipps alle mal genauer angucken!

    xx Ana

  • Cool! Da muss wohl noch so einiges auf meine To-Read-Liste! Ich fand Americanah wirklich super. Ich geb dir Recht mit dem Cover. Wobei das mit den Covern auf dem deutschen Markt sowieso eine ziemliche Katastrophe ist (in Frankreich ist es noch schlimmer).
    Aktuell lese ich “The Goldfinch” von Donna Tarrt. Bin fast durch aber kann es leider nicht wirklich empfehlen. Bist du eigentlich bei Goodreads?

    Ich habe übrigens auch ne kleine Liste mit den besten Non-Fiction Abenteuerbüchern: https://awesomatik.de/die-besten-abenteuerbuecher

    • Danke dir! Donna Tarrt ist leider auch nicht so meins… aber deine Liste schaue ich mir mal an. Bei Goodreads bin ich nicht.
      Liebe Grüße,
      Anika

  • […] schrieb Bücher voller unsinniger Geschichten, Gedichte, die meine Oma bis heute in einer Kladde im Schreibtisch […]

  • […] zu sein, auf dem Sofa, eingemummelt in eine Decke – da fehlt nur ein gutes Buch oder ein guter Film. Da Rory ein absoluter Buchnerd ist und ihre Mutter mindestens genauso viel […]

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