Das coolste Mädchen. | Road Trip durch Kalifornien

Sie schmeißt den Motor an und wir biegen auf den Highway. Lassen den Sumpf L.A.s hinter uns und tauchen gleichzeitig, für ein letztes Mal, in ihn ein. Unser Auto wird eins von vielen, von oben betrachtet sind wir lediglich eine von tausenden Ameisen, die ganz genau ihren Weg kennt. Er führt nicht nach Westen, sondern in den Norden. Geradeaus, nur geradeaus. Keine Umwege, wir kennen das Ziel.

Sie stellt ein Bein auf dem Sitz ab und lenkt lediglich mit ihrer rechten Hand. Ich stelle meine nackten Füße auf das Armaturenbrett und lackiere mir die Fußnägel. „Das wollte ich schon immer einmal machen“, lache ich. Sie lacht auch. Wir lachen beide, nicht wegen meiner Füße, nicht aufgrund meines Kommentars, sondern weil es uns so verdammt gut geht. So gut, dass wir es gar nicht glauben können. Dieses Gefühl, das irgendwo aus dem Boden aufsteigt, durch jede Zelle jagt und im Herzen vollkommen explodiert. Es pumpt, es schlägt wie wild, ich werde aufgeregt, als würde der hübsche Schulschwarm vor mir stehen und mir sagen, dass ich das tollste Mädchen an der ganzen Highschool sei. Für einen langen Moment, für einen ganzen Tag lang im Auto, einmal von Los Angeles nach San Francisco bin ich das coolste Mädchen. Die, mit dem wehenden Haar und den gelb lackierten Fußnägeln.

Ich schaue zu ihr. Sie sieht so verdammt lässig aus. In dem Moment, in dem ich das Foto schieße, tauchen im Hintergrund drei Palmen auf. Ich drücke ab und halte das Glück fest. Man kann es festhalten, weil es mitkommt, bei diesen Road Trips. Weil die das Glück einfach einpacken. Man muss ihm nicht hinterherjagen, es steigt freiwillig ein.

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Wir überholen Trucks, die ich bisher nur aus Filmen kenne. Vorne drin sitzt immer, wirklich immer, ein dicker Fahreer mit Bart. Er heißt John oder Bob. Meistens Bob. Jedem winke ich zu, wohin auch mit meiner Energie, wohin mit meinen Händen, denn ich bin unter 25 und darf unseren Wagen deswegen nicht fahren. Egal, denn dafür kann ich rausgucken, die Wüstenluft einatmen und ihnen zuzwinkern. Sie lachen immer zurück. Ich glaube, das sind nette Jungs, die Bobs dieser Welt.

Wir halten an einem See mitten im Nirgendwo. Als ich aussteige, habe ich das Gefühl, keine Luft zu bekommen, denn die Hitze erschlägt mich. Wir machen Fotos, strecken uns, grinsen uns zu und sagen ganz leise danke, dass du das mit mir teilst, denn alleine wüsste ich nicht wohin mit der Erfahrung, ich habe nicht genügend Platz, um sie alleine zu verstauen.

Der Hunger übermannt uns und wir halten an einem Diner, das so klischeehaft in die karge Landschaft platziert ist, dass ich mich kneifen muss. Daneben parkt ein Oldtimer. Für mich ist jeder Oldtimer ein Cadillac, denn ich kenne keine Automarken. Also steht da einer, blank geputzt und frisch aus den 40ern eingeflogen. Wir stellen unser Auto direkt daneben. Drinnen ist es ruhig, nur die Ventilatoren surren. Das Diner ist riesig, also setzen wir uns ganz nach hinten an ein großes Fenster und bestellen Burger und Shakes. Was sonst, ich habe hier sowieso schon zugenommen, was kümmert es mich, das hier ist Amerika, und ich muss so laut lachen über diese dümmliche Kindheit, die ich gerade an den Tag lege.

Ich darf das, ich befinde mich in posttraumatischem Liebesschmerz, ich darf alles, ich liebe den Refill.

Die kalifornischen Radiosender machen uns die Auswahl schwer. Sie konkurrieren mit den besten Songs der Rockgeschichte um die Wette. Alles, was ich von meinem Vater als die richtige Musik erklärt bekommen habe, dröhnt in meinen Ohren und ich wünsche mir, dass es diese Lieder noch heute geben würde, dass es jemand endlich wieder schaffen würde, genau das Gefühl herzustellen, das wir fühlen. Musik ist alles bei dieser Fahrt, denn wäre sie nicht, würden wir lediglich von A nach B fahren. Aber mit ihr wird der Weg unbeschreiblich und das Ziel scheint so unwirklich, dass man die Straße, gesäumt mit all dem Pathos am Wegesrand, braucht, um sich darauf vorzubereiten.

Und dann geht die Sonne unter und wir merken, dass wir überhaupt nicht vorbereitet sind. Da ist auf einmal dieser Nebel, der San Francisco einhüllt. Eine unwirkliche Szene erstreckt sich vor uns, kommen wir doch gerade aus heißem Ödland. Aber die Stadt gibt sich nicht preis, zumindest nicht auf den ersten Blick, es ist, als würde sie ihre Schönheit bis zum letzten Moment verbergen wollen.

Wir fahren und fahren und wir sehen überhaupt nichts. Ein paar Schilder in unregelmäßigen Abständen kündigen uns die Golden Gate Bridge an und langsam werde ich nervös. Wir schauen uns an und werden beide nervös. Das kann nicht sein, dass wir nun gar nichts sehen, oder?

Wo ist das rot wo ist das Wasser die verdammten Lichter die Brücke muss doch irgendwo sein verdammt ich halte es kaum aus hallo.

Sie dreht das Radio lauter und bedeutet mir, die Klappe zu halten. Ich halte die Luft an. Den Song kenne ich. Du willst mich doch verarschen. Ich kenne dieses Zupfen, ich kenne die Abfolge dieser Griffe. Die Haare in meinem Nacken stellen sich auf, dann habe ich Gänsehaut, überall. Sie auch. Ich muss gar nicht hinschauen, ich weiß es.

So, so you think you can tell
Heaven from Hell
Blue skies from pain
Can you tell a green field
From a cold steel rail?
A smile from a veil?
Do you think you can tell?

Did they get you to trade
Your heroes for ghosts?
Hot ashes for trees?
Hot air for a cool breeze?
Cold comfort for change?
And did you exchange
A walk on part in a war
For a lead role in a cage?

Der Nebel lichtet sich und wir fahren auf die Golden Gate Bridge. Ich stoße einen kurzen Schrei aus. Ach du scheiße, sage ich, und traue meinen Augen kaum. Verdammt, ich muss fahren, ich will nicht fahren, ich will gucken, schreit sie neben mir und ich nehme ihre Hand.

How I wish, how I wish you were here
We’re just two lost souls
Swimming in a fish bowl
Year after year
Running over the same old ground
What have we found?
The same old fears
Wish you were here

Von da an geht es nur noch weiter geradeaus. Kein Blick mehr zurück und auf einmal ist alles richtig und alles hat wieder seine Ordnung und du bist endlich aus dem Bild und wir fahren in die Stadt und haben die Zeit unseres Lebens.

 

(Diese Erinnerungen gehen auf eine eintägige Fahrt von Los Angeles nach San Francisco im Sommer 2010 zurück. Vielleicht der kürzeste Roadtrip, den es je gegeben hat.)

Titelbild: Don McCullough (flickr) via CC2.0-Lizenz

 

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