Was ich auf Reisen liebe ist, mich vollkommen zu langweilen.

Es gibt diesen einen Moment auf Reisen, in dem ich spüre, dass ich wirklich wieder unterwegs bin. Weg bin, raus bin, man kann es nennen, wie man möchte. Dann, wenn ich die Zeit habe, in den Tag hineinzuleben, wenn ich wirklich nicht weiß, was als Nächstes passiert, dann geht es mir unglaublich gut.

Es ist nicht immer ein Moment, in dem etwas Außergewöhnliches passiert. Ich muss nicht auf einer Plattform in der Krone eines dreißig Meter hohen Baums stehen und nach unten blicken (Kolumbien, 2014), um zu merken, dass ich nicht auf dem Sofa zuhause liege oder am Schreibtisch sitze oder die Kaffeemaschine entkalke oder … you know what I mean.

Manchmal, da ist es vor allem die Langeweile. Die schöne, schnörkellose, wunderbare, befreiende Langeweile. Heutzutage traut sich das ja kaum jemand noch zu spüren. Doch manchmal, wenn ich sonntags durch meine Wohnung laufe und einen kurzen Moment überlege, ob ich mir nun einen Kaffee oder Tee machen soll, ob ich im Sessel sitzend ein Buch lesen will oder auf dem Sofa fläzen und Netflix gucken, da ertappe ich mich beim Seufzen und denke mir:

Langeweile. Was für eine schöne Sache. Zeit zu haben, mir aussuchen zu können, was ich tun will. Und das nicht verstreichen lasse, sondern etwas finde, das mich unterhält. Denn wenn wir ehrlich sind, dann ist doch eine richtig genutzte Langeweile, genau das, woraus wir Inspiration schöpfen können.

Und so geht es mir auf Reisen, vorausgesetzt, ich bin länger als ein paar Tage unterwegs. Als ich vier Wochen durch Indien gereist bin, waren es vor allem die ersten zwei Wochen, die sich als anstrengend, vollbepackt, jedoch ungemein bereichernd herausstellten. Auf ihre ganz eigene Weise. Danach flog ich nach Mumbai und konnte tatsächlich in dieser verrückten Stadt entschleunigen. Ich lief tagsüber durch Colaba, den südlichsten und sicher am meisten von Touristen überlaufenen Teil der Stadt, doch genau hier konnte ich abschalten. Entdeckte Buchläden ohne Wände, spazierte über Pflastersteine und durch breite Alleen, aß Pancakes in einem Coffee Shop ums Eck und blickte aufs Meer.

Ich hatte ein paar Tage für diese Stadt übrig und ich hatte keine Ahnung, was ich mit ihnen anstellen sollte und genau das empfand ich als einen sehr großen Luxus.

Danach setzte ich mich in den Zug nach Goa und blieb dort eine Woche in einer einfachen Hütte am Strand. Ich wusste nicht, ob es der Schönste war, der, an dem am meisten los war, der, an dem am wenigstens los war – und das alles war mir egal. Ich war hier gelandet und der Betreiber der Hütten, King Louis, wie er sich selbst nannte, entpuppte sich als herzlicher Mensch, der die beste Pasta zubereitete, die es jenseits von Italien je geben sollte. Hier in Goa fuhr ich tagelang mit dem Roller von Strand zu Strand, von Restaurant zu Restaurant, von Tag zu Tag und keiner glich dem anderen.

Lange Weile haben. Wie schade, dass dieses Empfinden heutzutage negativ konnotiert ist. ‚Mir ist langweilig‘ ist oftmals gleichgesetzt mich ‚Ich weiß nichts mit mir anzufangen‘. Aber genau das ist, wenn man es positiv betrachten kann, die Basis dafür, alles machen zu können.

Auf Reisen in den Tag hineinzuleben ist eins der schönsten Dinge, warum es sich lohnt, wieder aufzubrechen. Mal wieder ganz einfach zu leben. Morgens nur Zähne putzen und nicht schminken, nur schnell ein Kleid anziehen, es braucht keine Schuhe, der Sand ist schon warm. Haare wild werden lassen, stundenlang spazieren gehen, stundenlang in einer Hängematte liegen und vielleicht nicht mal lesen, sondern einfach nur schauen und sich dann irgendwann fragen: Wie spät ist es eigentlich?

Wie sieht das um mich herum aus? Und wann habe ich mich das letzte Mal so komplett verbunden gefühlt – mit allem?

Das ist es, was ich manchmal am meisten vom Reisen vermisse, wenn ich sonntags durch meine Wohnung laufe und Langeweile verspüre. Nicht, weil ich so viel Zeit habe und nichts zu tun, sondern, weil ich mir die Langeweile nehme. Als eine Vorstufe zur Muse. Denn dort, wo nichts zu sein scheint, liegt alles einfach nur verborgen.


 

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