Warum sich der Post-Travel-Blues wie das Ende einer Beziehung anfühlt.

… und er genau deswegen durchlebt werden sollte, anstelle sich ins nächste Abenteuer zu stürzen.

Aus, Schluss, vorbei. Obwohl doch eigentlich klar war, dass es ein Ende haben wird, weil einfach alles irgendwann zu Ende geht, fühlt es sich nun an, als würde der Zug, in dem ich noch vor 48 Stunden an Indiens Westküste entlanggetuckert bin, über mich hinwegrollen.
(Indien-Deutschland, April 2013)

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Goa, Indien. März 2013

Das Ende einer Reise ist der Anfang des sogenannten Post-Travel-Blues (auch Post-Vacation-Blues genannt). Er schlägt zu, wenn man Zuhause aus dem Gate tritt und es in der Bäckerei direkt daneben Mehrkornbrötchen und Apfelsaftschorle zu kaufen gibt. Wenn man in der S-Bahn sitzt und sich ausrechnet, was man für umgerechnet 11 Euro vor ein paar Stunden noch bekommen hat. Wenn man den Schlüssel im Schloss umdreht und der Mief wochenlang ungeöffneter Fenster in die Nase steigt. Dann ist er bereits da, der Blues. Er sitzt auf dem Sofa und breitet die Arme aus.

Ich weiß gar nicht, wann ich zum ersten Mal über diesen Begriff gestolpert bin, allerdings hat er tatsächlich einen Wikipedia-Eintrag. Beruhigend, wenn das weltweit größte Online-Lexikon Rücksicht auf meine Gefühle nimmt. Zeit also, mich ihnen selbst zu stellen. Der Post-Travel-Blues – ein Krankheitsbild.

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Gili Tralala, Indonesien. November 2016

1. Definition

Der Blues überfällt Menschen, die nach einem Urlaub in ein schwarzes Alltagsloch fallen. Das ist, wenn man den Sand zwischen den Zehen noch spüren kann, er jetzt allerdings nur noch zu finden ist in den Sneakers. Oder am Grunde des Schmutzwäschebeutels liegt. Oder aus der Buchfalte rieselt. Während ich schon am Putzen der Wohnung bin, könnte ich direkt losheulen. Was für ein Elend, durch das der Staubsauger und ich jedes Mal durch müssen.

Vor allem spürbar ist er, wenn ich an einem verregneten Sonntag im Bett liege und mich meinem Netflixprogramm hingebe, beispielsweise Narcos, das in Kolumbien gedreht wird, und mich unweigerlich daran erinnert, dass während der Südamerikareise weder Pizza im Bett noch Serienmarathon glücklich gemacht haben, sondern das Zip-Lining im Urwald, die Salsa-Abende in Medellín und die Tage im Amazonasbecken, ohne Internetempfang, dafür aber mit pinken Delfinen. Pinke Delfine! Wenn der reale Alltag auf die Erinnerungen der letzten Reise trifft, hilft irgendwann nur eine Sache:

2. Akzeptanz

So sieht’s aus und da muss ich nun durch. Nach der Reise ist zwar vor der Reise, aber fürs Weglaufen bin ich zu alt. Zuhause ist’s ja auch schön. Oder? Da funktioniert das WLAN immer, es gibt neue Serien auf Netflix, die Oma freut sich über den Besuch und so toll es ist, die Sommergarderobe im Winter nochmal ausgepackt zu haben: Es wird Zeit für die Lieblingsstrickpullis. #PositivesDenkenkostetnix

3. Behandlung

Ab hier geht es endlich wieder bergauf. Frisch geduscht, endlich mal wieder was Vernünftiges gekocht, am Abend ein Date mit Freunden in der Lieblingsbar. Das Schöne daran: Sie freuen sich, mich wiederzusehen. Wollen Fotos gucken und Geschichten hören und auch wenn wir nicht zusammen unter dem Sternenhimmel am Lagerfeuer liegen, können wir uns mal wieder richtig umarmen. Der Post-Travel-Blues verschwindet nach einer Weile von selbst, das weiß ich. In der Zwischenzeit hilft es ungemein, die Reise zu teilen.

Sansibar, Afrika, Juni 2016

Nichtsdestotrotz: Dieser Blues fühlt sich an wie Schlussmachen. Es gibt ja auch so viele Parallelen. Nach einer abenteuerlichen, anstrengenden und aufwirbelnden Reise steht man plötzlich wieder alleine da. Mit zu vielen Erinnerungen, die schmerzen, und dem Verlangen, sich entweder in etwas Neues zu stürzen (tu’s nicht), oder sich in seinem Elend zu baden (tu’s. Aber geh anderen dabei nicht ganz so auf die Nerven).

Glücklicherweise gibt es jedoch auch einen entscheidenden Unterschied: Ein Urlaub ist eben nur so schön, weil er ein Ablaufdatum hat – im Gegensatz zur Beziehung. Der Rahmen einer Reise steht nicht nur für eine gewisse Vergänglichkeit, sondern auch für einen gewissen Zauber. Es ist gut, dass das Abenteuer irgendwann zu Ende geht. Dann hat man nämlich die Zeit, wirklich darüber zu reflektieren – anstelle die wertvollen Erlebnisse direkt mit neuen zu überschreiben.

Ich mag den Blues, wir gehen Hand in Hand. Vielleicht ist er die eine Konstante, auf die ich mich wirklich für immer verlassen kann. Weil er jedes Mal zeigt, wie verdammt gut das alles war – das letzte Mal unterwegs.

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Malawi, Afrika. April 2016

3 Fragen an Tourismusforscher Torsten Kirstges zu dem Phänomen:

Kennen Sie diesen Blues auch selbst an sich?

Ich kenne den Effekt, dass nach dem Urlaub ein Berg von Arbeit auf meinem Schreibtisch auf mich wartet, bei dessen Anblick ich erst mal denke, dass ich nach der Aufarbeitung sicher sofort wieder Urlaub brauche. Aber dann bin ich meist überrascht, dass ich im Verhältnis 7 zu 1 ganz gut hinkomme: Für 7 Tage Urlaub brauche ich 1 Tag, um Post und aufgeschobene E-Mail-Anfragen zu bearbeiten.

2. Was könnte man dagegen tun? Vielleicht gleich wieder verreisen?

Die Idee, gleich wieder zu verreisen, wäre natürlich charmant und würde die Tourismusindustrie sehr erfreuen!

Ich halte es für wichtig, sanfte Übergänge von Beruf/Alltag und Urlaub zu gestalten und gerade diese Übergänge zu entschleunigen. Man sollte nicht bis vor den ersten Reisetag volle Pulle arbeiten und nach dem letzten Urlaubsreisetag ebensowenig wieder direkt mit dem Beruf starten. Besser ist es, zwei bis drei Tage vor Abreise zur Ruhe zu kommen und auch nach der Urlaubsreise noch bis zu drei Tage zum Wiederankommen einzuplanen. In dieser Zeit kann man dann entspannt den Koffer auspacken, Wäsche waschen, die Post sortieren und bearbeiten, die liegengebliebenen Zeitungen lesen, die Urlaubsfotos betrachten und sortieren. Gleich nach der Reise wieder zu 100% in den Job einzusteigen, das führt meines Erachtens zu dem Gefühl, dass der Alltag doch nur stressig und schlimm ist und dass man sich zurück in die entspannte Urlaubsatmosphäre wünscht.

3. Glauben Sie, dass dieser Blues jeden treffen kann, oder ist das lediglich etwas, das auf Langzeitreisende zurückfällt?

Wer mehrere Wochen oder gar Monate auf Reisen war, dem mag die Rückkehr in den Alltag schwerer fallen als dem Zwei-Wochen-Urlauber. Doch auch Kurzreisende, die das Super-Tolle-Wochenende im Wellness-Luxushotel erleben durften, können danach voller Unzufriedenheit in das Alltagsloch fallen, in dem sie all den Luxus und die Welt der Schönen-und-Reichen so sehr vermissen.

Allerdings ist die Grundeinstellung zu Arbeit und Freizeit das Entscheidende für eine ausgeglichene Work-Travel-Balance: Wer glaubt, der Urlaub sei der bessere Alltag, der verkennt die spezifischen Rahmenbedingungen des Urlaubs (mehr freie Zeit, mehr Budget, Ausblenden von familiären Spannungen, Aussteigen auf Zeit etc.). Ständig Urlaub würde wie bei Pipi Langstrumpf dazu führen, dass man letztlich die Ferien vermisst.

 

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2 comments

  • Oh ja, diesen Blues kenne ich nur zu gut. Besonders schlimm hat er mich immer getroffen, wenn ich aus Südostasien zurückgekommen bin, das auch noch im Winter. Da konnte es mich auch nur wenig aufheitern, endlich wieder meine geliebten schwarzen Lederstifel anziehen zu können. Das letzte Mal, diesen Februar war der Blues besonders schlimm, denn die Trennung von Bali hieß auch gleichzeitig die Trennung meiner schweizer Urlaubsliebe. Er war noch Monate unterwegs, wir konnten auf die Entfernung nicht mehr zueinander finden. Aber so ist es doch im Leben…es kann nicht nur Höhen geben. Die kleinen Tiefen gehören dazu und sie verschwinden wieder. Schöner Artikel auf jeden Fall, liebe Anika

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