ReisenSchatztruhe

Es gibt diesen einen Moment auf Reisen, in dem ich spüre, dass ich wirklich wieder unterwegs bin. Weg bin, raus bin, man kann es nennen, wie man möchte. Dann, wenn ich die Zeit habe, in den Tag hineinzuleben, wenn ich wirklich nicht weiß, was als Nächstes passiert, dann geht es mir unglaublich gut.

Continue reading „Was ich auf Reisen liebe ist, mich vollkommen zu langweilen.“

#KaffeesätzeTexte

Gina und ich sind beide grosse Fans von Kaffeedates mit Süßkram. Deswegen gibt es unsere #Kaffeesätze: Wenn eine von uns etwas beschäftigt und unbedingt über eine Angelegenheit ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach. Und trinkt dabei genüsslich einen Kaffee.
Continue reading „#Kaffeesätze (11): Weil eine Meinung im Kopf noch lange keine Meinung ist“

Texte

besser: Jörg Pilawa ist schuld.

Ich sitze im ICE von Würzburg nach München. Mir gegenüber sitzen zwei Männer, die geschäftlich in Köln waren. Beide kommen aus dem Umland von Nürnberg und unterhalten sich im tiefsten Fränkisch und in sehr langgezogenen Sätzen, gefüllt mit sehr wenigen Worten, darüber, wie sehr man seine Heimat und sein Zuhause doch wertschätzt, wenn man mal weg gewesen ist.
Mein Blick wandert nach draußen, an den mit schweren Wolken behangenen Himmel und die satten, grünen Wälder darunter. Ich bin nach wie vor zwischen zwei Welten. Dabei war ich gar nicht in Köln.

„Köln ist schon sehr hektisch. Die Leute rennen alle herum. Wie in New York. Da ist Nürnberg schon beschaulicher.“

„Findest du, dass Köln hektischer ist als andere Städte?“

„Nein. Aber Nürnberg ist halt beschaulich. Da weiß man, was man hat“.

„Hmmmmmmm.“

Während der Eine krampfhaft versucht, mit seinem Arbeitskollegen eine halbwegs taugliche Konversation zu führen, kommt beim Anderen immer nur ein sehr lautes und nicht enden wollendes hmmmmmmm als Antwort.

„Na, mal schauen, was meine S-Bahn so macht.“

Pause. „Sie kommt pünktlich.“

„Hmmmmmmm. Dann kann ja nichts mehr schief gehen.“

Nicht aufgrund meines Jetlags, sondern aufgrund des langweiligsten Gespräches aller Zeiten schlafe ich ein. Gleich.

„Mal schauen, ob ich am Nürnberger Bahnhof noch ein paar Mitbringsel für die Kinder finde…“

„Hmmmmmmmm…“

Ich verstehe zwar nicht, warum man Mitbringsel in Nürnberg kauft, wenn man in Köln war, aber gut. Ich zwinge mich, das unkommentiert zu lassen, und starre weiter aus dem Fenster.

 

Es muss niemand in die weite Welt, wenn er nicht will. Wer sich in Köln fühlt, wie ich mich in New York, der hat vielleicht eine verschobene Wahrnehmung, aber auch das ist in Ordnung. Aber was ich merke, wenn ich den beiden so zuhöre und innerlich auch schon in das meditative hmmmmmm einstimme, ist, dass ich mir eine Sache ganz besonders gerade wünsche:
Alltag. Ich wünsche mir ein bisschen Regelung in meinem Leben. Mein Bett, das ich bezogen habe mit meinen Laken. Meine Küche, die sauber ist, weil ich sie putze. Meine Freunde um mich, die toll sind, weil es meine sind. Ich wünsche mir ein Leben ohne Gefühlschaos und ohne Zeitverschiebung zu Menschen, mit denen ich sprechen möchte.

Trotzdem komme ich nicht umhin, mich zu fragen: Ist Alltag gleichgestellt mit Langeweile? Die beiden Männer waren noch keine 40 Jahre alt und trotzdem strahlten sie eine Lethargie aus, dass ich fast unter den Tisch gerutscht wäre. Sie hätten es eventuell nicht bemerkt.

Ich weiß, dass jeder das Leben anders lebt. Und sieht und fühlt. Aber man darf doch auch was erleben im Alltag, oder etwa nicht? Man darf doch die geregelten Laufbahnen Deutschlands nicht automatisch in einen luftleeren Raum platzieren und das war’s dann.

Ich mag Alltag. Ich brauche ihn, um überhaupt weg zu wollen. Und ich finde, er kann sehr spannend sein, wenn man sich beispielsweise auf den Weg macht, zwischen all den Gewohnheiten kleine Geschenke und Neuigkeiten zu entdecken. Und vor allem: Zeit zu haben. Denn der Alltag kann, wenn man so will, eine Ewigkeit bedeuten. Ich glaube, wir alle nutzen ihn schlichtweg falsch. Deswegen ist er auch so in Verruf geraten, deswegen steht fast jeder mit ihm auf Kriegsfuß.

„Naja, Alltag halt.“ Hängende Schultern.

„Ach, nichts Besonderes, eigentlich das Gleiche wie immer.“ Trauer im Blick.

„Der Alltag hat unsere Beziehung kaputt gemacht.“ Kräuselnde Lippen.

Vielleicht brechen gerade deswegen so viele Deutsche aus und gehen reisen für längere Zeit. Vielleicht sind die Deutschen deshalb das Land mit der größten Reiselust. Weil ein geordnetes Leben innere Unruhe verursachen kann. Vielleicht auch, weil es einfacher ist, ab und an auszubrechen, anstatt kontinuierlich den Alltag für sich zu gewinnen.

Wir fühlen uns getrieben, sicherlich nicht immer, aber manchmal, zwischen all den leuchtenden Ziffern der korrekten Abfahrtszeiten und der Schlaftablettenausstrahlung öffentlich-rechtlicher Fernsehmoderatoren.