LieblingeTexte

Links neben mir sitzt ein Mann Mitte Zwanzig, der seit Jahren eine Fernbeziehung führt. Und nicht diese Bottrop-Berlin-Geschichte, sondern Deutschland-Malaysia und weil beide aufgrund verschiedener Jobs und dem Studium nie länger als ein paar Monate am gleichen Orten bleiben, verschiebt sich das Beziehungsmodell immer wieder zwischen Ghana und Südafrika, zwischen Malawi und Jordanien.

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Ich sitze hier mit Bauchschmerzen und muss mir extra sanfte Jazzmusik anmachen, damit ich überhaupt fähig bin, diesen Artikel zu schreiben. Denn ich bin so unglaublich wütend, dass es mich selbst verblüfft.

Eigentlich boykottiere ich die Huffington Post, aber über einen Artikel bin ich diesen Morgen gestoßen und fühlte einen sehr starken Drang, ihn zu lesen. „7 Gründe, warum die meisten Menschen Angst vor der Liebe haben“. Sieben Gründe, die mich nachdenklich stimmen und mentales Kopfnicken verursachen. Jeder einzelne Grund ist nachvollziehbar und leider in meinem derzeitigen Umfeld mehr als deutlich in die Realität umgesetzt zu beobachten.
Wahre Liebe macht uns verletzlich. Neue Liebe bricht alte Wunden auf. Liebe weckt Existenzängste.

Ich sehe Beziehungen, in denen einer von beiden kategorisch auf Distanz gehalten wird. Ich bekomme mit, wie einer auf Reisen geht und der andere nicht mitkommen soll. Oder zumindest nicht zu lange. Was auch immer zu lange bedeutet. Oftmals wird das gar nicht ausgesprochen, aber die Blicke während der Stille und die pseudo-lustigen Sidekicks, die allen Beteiligten am Tisch nur noch mehr verdeutlichen, wie da einem der Panikschweiß auf der Stirn steht, zeigen das mehr als deutlich. Das Nicht-Ansprechen der Problematik ist nicht das Schlimme, sondern das eher unbewusste Weiterschleppen der eigenen Ängste und Sorgen, ist der Punkt, der Beziehungen heutzutage in die Knie zwingt und letzten Endes meist das Genick bricht.

Was ich vor allem sehe – und das ist keine Pauschalisierung, weil das hier eine Kolumne ist und manchmal heißt, wir Kolumnisten müssten ja pauschalisieren – sind Männer, die wundervolle Frauen an ihrer Seite haben, aber abends nicht nach Hause kommen. Und ich sehe Frauen, die das alles und ständig mit sich machen lassen. Frauen mit geringem Selbstwert, deren Uni-Abschluss und bildhübsches Gesicht nichts zählt, sobald der Mann ihrer Träume wiedermal eröffnet, dass er sich melden würde und es dann eben doch nicht tut. Frauen, die mit Anfang 30 zu hören bekommen, dass sie langsam mal an die Kinderplanung gehen sollten, der Zug würde nicht ewig still stehen. Und sie dabei merken, dass sie noch nicht mal eine Fahrkarte haben, was viele von ihnen – egal, ob sie es wissen oder nicht – in eine tiefe Traurigkeit stürzt. Und da frage ich mich, in was für einer seltsamen Gesellschaft wir angekommen sind. Noch unsere Eltern waren mit Anfang 20 verheiratet und hatten in meinem jetzigen Alter schon mindestens ein Kind. Und obwohl ich überhaupt nicht von der alten Schule bin und mich selbst nicht bereit fühle für Hochzeit und Kinder, so frage ich mich wirklich, wie sich innerhalb einer Generation so vieles verschieben kann. Die Werte. Die Vorstellungen von Liebe. Das Miteinander.

Das ist keine Frage vom eigenen Päckchen, welches jeder zu tragen hat. Wir alle passen in mindestens einen der im Artikel genannten sieben Gründe. Die meisten von uns – ich eingeschlossen – in mehr als einen. Aber wo ich und ein paar andere oftmals alleine auf weiter Flur stehen, ist das Hineinwerfen in einen anderen Menschen ohne Punkt und Komma, ohne Widerstand, aber mit verdammt viel Angst. Und warum tut man das trotz der überwältigenden Angst? Ja, vielleicht, weil es um nichts anderes geht in diesem Leben. Angst haben. Angst überwinden. Belohnt werden. Lieben. Und weil ich nichts davon habe, von all den Füllwörten wie irgendwie, eigentlich, naja, manchmal, sozusagen, quasi.

Und deswegen bin ich es so unglaublich leid, zu hören, wenn mir wiedermal jemand sagt, er sei doch noch so jung, es reicht, wenn er seine Freundin nur ab und an sehe. Oder wenn ich ein Mädchen sagen höre, dass sie sonntags ihren Freund nicht in ihrer Wohnung brauche, weil sie da meist verkatert und ungestylt auf dem Sofa gammeln würde. Dann wünsche ich mir, dass genau die beiden zitierten Menschen sich finden, damit sie aufgeräumt sind. Und niemandem, der weiter ist als sie, das Herz brechen können. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie verstehen, dass es scheiß egal ist, ob sie sich heute den verdammten Lidstrich gezogen hat oder nicht. Liebe kennt verkaterte Augen. Auch kennt sie hässliche Tage. Aber kein schlechtes Timing. Und auch nicht zu viel Zeit. Meine Güte, zu viel Zeit?

Allerdings kann Liebe nicht entstehen, wenn einer auf Abstand gehalten wird. Wenn sie denkt, sie müsse sich erst mal schminken, um ihm zu gefallen. Vielleicht denkt sie das, weil er es ihr so zeigt. Und damit schließt sich wieder einmal der Kreis von vielen heutigen Beziehungen in den 20ern. In den Hauptrollen meist ein Mensch, der verliebt ist und einer, der es auch ist, sich allerdings nicht traut.

Copyright Foto Lena Peter