Texte

Letztes Wochenende war ich auf einer tollen Veranstaltung in München. Ein Altbau, viele kleine und große Zimmer, alles einzelne Arbeitsräume und Ateliers, die ihre Türen öffneten für Besucher, um ihre bisherige Arbeit der Welt zu präsentieren.
Und ich war ab der ersten Sekunde randvoll mit Inspiration. Was für kluge, kreative Köpfe es hier in diesem Land gibt.

Spätestens als ich den Klängen meiner neuen Lieblingsband „Mockemalör“ (demnächst hier im großen Kino) lauschte, war es um mich geschehen. Ich wollte auf einmal wieder alles gleichzeitig machen, was ich liebe: Spielen. Schreiben. Singen.

Und während ich im Takt ganz leise vor mich hin tanzte, kam mir ein Manifest in den Kopf und Freunde, ihr dürft gerne lachen, denn ich tue es auch und denke dabei an Marc-Uwe Klings Känguru, das sicherlich genauso lachen würde, angesichts dessen, dass es eine Hommage ist. An den Kleinkünstler.
Allein der Begriff ist natürlich einer, mit dem ich gerne auf Kriegsfuß stehe. Bin ich Kleinkünstler, weil ich verschiedene Projekte habe, um zu überleben, während die Einteilung Justin Bieber zum Großkünstler macht?

Ich bin manchmal so sehr frustriert von der Gesellschaft, in der wir leben. Künstler, die uns ablenken, die uns das Leben oftmals einfacher machen, die uns zeigen, dass man sich immer und überall ausdrücken und austauschen kann, um ein bisschen besser und einfacher zu leben… sie alle werden an jeder Straßenecke gebraucht.

>>Wir erheben allesamt Anspruch auf Kunst, oftmals merken wir es jedoch gar nicht, dass wir sie als absolute und selbstverständliche Voraussetzung ansehen.<<

Streetart wird geknipst und online gestellt, ins Kino gehen wir, um soziale Kontakte zu pflegen, zum Filmfest laufen wir im Sommerkleidchen über den roten Teppich, damit wir wiedermal etwas für die Bildung tun. Konzerte und Festivals gehen immer und wenn wir abends mit einem Gedichtband von Erich Frieds schönsten Kreationen selig einschlummern, dann waren wir mindestens ein Mal an diesem Tag mit Kunst umgeben, die uns in irgendeiner Weise tangiert, verändert und inspiriert hat.

Viele vergessen, dass diese sogenannten Kleinkünstler so unglaublich viel leisten. Die meisten von ihnen, vor allem diejenigen, die es wirklich wollen, entblößen sich. Nicht unbedingt, weil die Öffentlichkeit das verlangt, sondern, weil das ihr Ventil ist. Und wenn wir ehrlich sind, dann ist doch Kunst umso bewegender, je ehrlicher, rauher und vor allem verletzlicher sie ist.

Wir alle standen schon abends in einer Bar, in der uns die Livemusik der lokalen Band schlichtweg umgehauen hat. Aber gehen wir dann auch wirklich nach Hause und unterstützen diese Vollblutmusiker, anstatt ein überteuertes Festivalticket zu kaufen?
Und wir alle haben uns schon großartige Kurzfilme auf Filmfesten angeschaut, Abschlussfilme von großartigen Studenten und Schauspieler – aber gehen wir nach Hause und merken uns die Namen, damit wir auch die nächsten Projekte verfolgen können?

>>Es handelt sich doch meist um Momentaufnahmen. Kunst läuft nebenher. Kunst rettet keine verschmutzten Ozeane und Kunst rüstet auch keine Waffen ab. Denken wir.<<

Aber wenn wir wirklich mal hinschauen, dann sehen wir, dass Kunst überall ist. Schon alleine deshalb, da Kunst alles sein kann und kein geschützter Begriff ist. Und ich bin mir sicher, dass je mehr Menschen sich irgendeiner Form der Kunst zuwenden würden, anstatt am Abend die Tagesthemen zu schauen, dann wären wir alle viel glücklicher, ausgeglichener, mehr bei uns und vor allem auch bei allen anderen um uns herum.

Klingt naiv? Natürlich. Aber genau das sind wir, die naiven Kleinkünstler, und dabei geht es uns ziemlich gut. Wie Kindern eben. Denn während wir alle denken, dass es in der heutigen Welt schwierig sei, glücklich zu sein, zieht das Glück an uns vorbei. Vielleicht in Form eines wunderschönen Tanzes, eines Gemäldes, eines Monologes, der zu Tränen rührt.

Ich für meinen Teil bin glücklich, wenn ich das Gefühl habe, mich in meiner Kunst zu finden und andere es mir gleichtun, indem sie sich in mir sehen. Und damit schließt sich nämlich der Kreis. Du bist in mir und ich bin in dir und wenn wir das mal begreifen würden, dann gäbe es eine homogene, glückliche Masse. Ein bisschen wie bei den Amöben.

Mir ist es ziemlich egal, ob der ein oder andere das hier nicht versteht und kopfschüttelnd den Laptop zuklappt. Weil ich weiß, dass genügend Menschen wissen, was ich meine. Und ihre Naivität, ihren Glauben an das Gute noch nicht verloren haben.

>>Denn für uns alle ist hier Platz, wir alle könnten wirklich das tun, was wir tun wollen. Deswegen verfluche ich den Tag, an dem mir an der Schauspielschule gesagt wurde, dass die meisten von uns es sowieso nicht schaffen würden, denn ab da haben sich die meisten von uns klein gemacht.<<

Aber die Wahrheit ist, dass jeder, der seinen Beruf liebt und mit Leidenschaft ausführt, auch einen Platz findet. Vielleicht nicht gestern, aber eventuell morgen. Bis dahin sollten alle, die denken, sie hätten mit Künstlern nichts am Hut, endlich begreifen, dass sie das sehr wohl tun. Denn für mich fängt Kunst bei Leidenschaft an. Jemand, der einen html-Text mitten in der Nacht schreibt und am Morgen sein Werk glücklich betrachtet, soll weniger Künstler sein, als jemand, der in der gleichen Nacht ein Gedicht geschrieben hat? Ihr seid alle Künstler, ihr wisst es nur noch nicht. Genauso wenig wisst ihr, dass jeder ein Talent hat, lediglich manche müssen nicht suchen, weil es offensichtlich ist, während andere es erst irgendwann entdecken.

Ich weiß, dass dieses Manifest in komplette Naivität gebettet ist. Aber die Naivität gehört eben uns Künstlern, die emotional mit dem Fuß aufstampfen und sich wünschen, dass das, was sie sagen, endlich und verdammt nochmal verstanden wird. Und wir genauso wert geschätzt werden, wie der Klempner, der den Wasserrohrbruch im Griff hat.

>>Kunst ist überall und Kunst ist so verdammt wichtig. Und manchmal sind es genau die Kleinkünstler, die den Tag retten. Weil es diejenigen sind, die sich immer noch komplett hineinwerfen, in eine überfüllte Szene, in der man lediglich etwas zusammenrücken müsste.<<
 
(Bildquelle: Franz Kastner)