LieblingeTexte

Links neben mir sitzt ein Mann Mitte Zwanzig, der seit Jahren eine Fernbeziehung führt. Und nicht diese Bottrop-Berlin-Geschichte, sondern Deutschland-Malaysia und weil beide aufgrund verschiedener Jobs und dem Studium nie länger als ein paar Monate am gleichen Orten bleiben, verschiebt sich das Beziehungsmodell immer wieder zwischen Ghana und Südafrika, zwischen Malawi und Jordanien.

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für Asil
und für die Kette.

Sie stand an der Straße Schein, Ecke Sein, als er ihr gegenübertrat. Sie war versunken in die Gerbera auf dem Tisch zuhause und versuchte, den frischen Sommerduft hinter ihren leeren Augen aufsteigen zu lassen. Durch ihre Sonnenbrille wirkte er viel bräuner, als er ihr ruhig gegenüberstand und sich nicht regte.

Es musste so kommen, das wusste sie, denn man sah sich immer zweimal im Leben. Oder vielleicht auch dreimal, aber auf jeden Fall so oft, wie es nötig war, das war ihr klar.

Es hatte Tage gegeben, an denen sie ganz bewusst die Straßen entlanggelaufen war. Ihre hellgrünen Augen, wenn auch traurig, waren immer perfekt geschminkt, als sie sich wie eine Katze umsah, immer bereit zum Sprung, aber so unauffällig, wie sie nur sein konnte, sich durch die Menschen schlängelte und ihn in den fremden Gesichtern suchte. Nie hatte sie ihn gefunden. Zuhause angekommen, war es für sie ein Gefühl der Erleichterung, aber auch gleichzeitig ein nicht greifbarer Zorn. Sie wusste bis zu diesem Tag im Spätsommer nicht, warum sie so zornig war. War sie es auf sich selbst oder doch auf ihn? Auf beide?

Sie war vorbereitet gewesen, immer. Für Begegnungen wie diese. Jeden Tag lief sie die Straßen hinunter und ihre großen Augen funkelten im Sonnenlicht. Er hätte sie sehen sollen, die Katze, die er gegen ein Mäuschen eingetauscht hatte. Es war vergeblich.

Sie stand an der Ecke Schein und Sein, als es ihr dämmerte, dass es das Universum war. Es hatte nicht mitgespielt, hatte sich nicht in ihren Plan eingeklinkt, sondern schrieb eigene Spielregeln. Innerlich schüttelte sie ihren Kopf und er betrachtete sie weiterhin, rührte sich keinen Schritt, nicht mal, als die Menschen an ihm vorbeiliefen und ihm fragende Blicke zuwarfen. Und dann ihr. Ihr war das egal, schon immer gewesen.

Sie wünschte sich, sie könnten immer so stehen. In einer Parallelwelt, in der Fragen einfach verpufften. Man konnte existieren, nebeneinander leben, ohne sich darum bemühen zu müssen, die Herzfetzen sorgfältig zusammenzuflicken. Um sie dann, lose, wie sie herunterhingen, vor dem nächsten Windhauch zu schützen. Es wäre so einfach.

Aber wer wollte das schon, sagte sie sich, und schaute ihm dabei direkt in die Augen. Herausfordernd, denn das war die einzige Möglichkeit, ihre ganze Unsicherheit verstecken zu können. Die bohrenden Fragen an den Sinn. Denn damals, als sie den Rat hörte, niemals auch nur eine Sekunde nicht an ihn zu denken, denn in dieser einen Sekunde würde er vor ihr stehen, da hatte sie gelächelt. Sagte sich, dass sie immer auf der Hut sei. Und dass ihr, gerade ihr, das nie passieren würde.

Bis sie da stand. Und er auch. An der Ecke Schein und Sein. Und sie an ihre Blumen dachte, die langsam angefangen hatten zu verwelken.

Der Sturm in ihr hatte getobt. So unglaublich lange. Immer hatte sie gedacht, es sei er gewesen, der ihre Welt auf den Kopf gestellt hatte. Aber nun, da sie sich gegenüberstanden und alles vollkommen ruhig erschien, selbst die Kluft zwischen ihnen nur ein laues Lüftchen, gestand sie sich ein, dass es einzig und alleine ihre Gedanken waren, die den Sturm immer wieder aufwirbelten.

Sie nahm ihre Sonnenbrille ab und zwinkerte einen kurzen Moment. Es war hell, so gleißend hell, dass er fast verschwand in einem sogartigen Wüstenlicht. Sie war schutzlos und er ebenso, denn das Mäuschen war nicht bei ihm.

Und so standen sie sich noch eine Weile gegenüber. Zumindest kam es ihr wie eine kleine Ewigkeit vor. Vielleicht, weil sie sich das so sehr wünschte. Vielleicht, weil es das erste Mal war, dass er mit ihr stillstand. Bevor er sich umdrehte und ging, in eine Richtung, die so weit weg von ihrem Weg lag, dass sie sich noch ein paar Minuten darüber wundern musste, wie sie sich jemals hatten begegnen können.

 

(Bildquelle: Angelo de Santis (flickr) via cc by sa-2.0)

 

#KaffeesätzeTexte

Gina und ich sind beide große Fans von Kaffeedates mit Süßkam. Deswegen gibt es unsere #Kaffeesätze. Wenn eine von uns etwas beschäftigt und ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach. Und trinkt dabei genüßlich einen Kaffee.

Wir sprechen uns weder ab, noch wissen wir, welches Thema auf uns zukommt. Das Resultat sollen zwei kleine Kolumnen sein, auf die sowohl Leser als auch wir selbst gespannt sind. Unter dem Hashtag könnt ihr uns finden und mitreden. Diesmal: Fernbeziehung.

Kaffeesätze #2: Fernbeziehung

Gina erzählt:

Foto von Gina: Das typische Frühstück in Italien.
Foto von Gina: Das typische Frühstück in Italien.

Ein gehauchter Kuss, ein letzter Blick, dann ertönt der „Aufgelegt“-Sound von Skype und weg ist er. Ich sitze noch ein Weilchen da, starre auf den Bildschirm und spüre das unangenehme Gefühl, das sich in der Magengegend breit macht und mir für ein paar Minuten die Luft nimmt. Ich weiß, wenn ich nur ganz still  versuche dazusitzen, geht es gleich vorbei. Das tut es jedes Mal.

Man könnte denken, Fernbeziehungen seien das Epitom der Generation „Maybe“, die (wie so häufig von Journalisten beklagt) egoistisch eigene Ziele verfolgt und dabei aus lauter Angst sich zu früh auf irgendetwas festzulegen Zwischenmenschliches ganz weit hinten anstellt. Schließlich gehören das Auslandssemester oder Praktikum in Übersee auf den Lebenslauf – wie sonst soll der zukünftige Chef erkennen, dass man auch interkulturell so richtig was drauf hat und fünf Sprachen fließend spricht? Tatsächlich ist es aber oft das Reisen selbst, das uns antreibt und die Chance, vielleicht ein letztes Mal auszubrechen, bevor Alltags- und Jobroutinen uns für immer verschlucken. Und weil die Liebe zur Ferne bei vielen so groß ist, muss die andere Liebe dann eben vorübergehend einen Platz auf der Rückbank einnehmen.

Dass es weh tut, wenn der oder die Weitgereiste bei ellenlangen Skypesessions durchblicken lässt, dass die Aufregung des Neuen das Vermissen die meiste Zeit überschattet, steht außer Frage. Auch, dass Beziehungen kaputt gehen können an der räumlichen Trennung, weil der eine mit dem Kopf schon längst woanders ist oder irgendwann einfach die Worte fehlen.

Dennoch: „Wenn man etwas liebt, muss man es gehen lassen“ – oder wie heißt dieser kitschige Spruch noch gleich? Am Ende enthält er viel Wahres. Denn eine Fernbeziehung ist auch eine Chance auf Wachstum. Weil man merkt, was man aneinander hat. Weil man nochmal so richtig zum Reden kommt und schmutziges Geschirr auf der Spüle außerhalb des Alltags plötzlich keine Rolle mehr spielt. Das Loch im Bauch wird in Kauf genommen, weil man irgendwie weiß, dass es all das wert gewesen sein wird, wenn man nach Monaten wieder am Flughafen steht – mit glänzenden Augen und tausend kleinen und großen Geschichten im Gepäck.

Ani erzählt:

Raststätte. Irgendwo zwischen Berlin und Würzburg.
Raststätte. Irgendwo zwischen Berlin und Würzburg.

Ich sitze an einer Raststätte und frage mich, ob es einen Ort gibt, an dem man sich verlorener vorkommen kann. Bin irgendwo im Nirgendwo. Und das ehrlich gesagt nicht nur an diesem Ort.

Fernbeziehung, das ist ein Begriff, bei dem die meisten zusammenzucken. Ich selbst bin unfreiwilliger Wiederholungstäter, sprich zum zweiten Mal in einer. Es ist sicherlich mein Vergangenheits-Päckchen, zugeschnürt bis oben hin mit negativen Erfahrungen, welches es mir am Anfang der jetzigen räumlichen Trennung so schwer gemacht hat, das Ganze zu akzeptieren. Erneut.

Meinen Freund und mich trennen zehntausend Kilometer. Ja, wenn man sich die Zahl anschaut, fühlt es sich wirklich so an, als würde sie mit dem Knüppel ausholen und einen erschlagen. In dem Fall mich. Denn wenn ich mir masochistischer Weise ab und an vor Augen halte, dass wir uns auf verschiedenen Kontinenten in verschiedenen Zeitzonen befinden, zieht sich in meiner Brust – eventuell mein Herz – etwas ganz stark zusammen. Wenn ich den Gedanken allerdings nur ein bisschen loslassen kann und feststelle, dass er meist nur einen Klick weit entfernt ist, kann ich mich entspannen. Und dem Fortschritt der Technik meinen aufrichtigen Dank erweisen.

Es ist kein Spaß, das ist klar. Aber man kann etwas Schönes aus etwas anfangs Hässlichem zaubern. Beispielsweise, wenn man bereit ist, sich neu kennenzulernen. Die eigenen Grenzen erforschen und schauen, was geht, wenn man auf sich alleine gestellt ist. Ab und an mal wieder eine Entscheidung trifft nur für sich. Und wenn man am Ende feststellt, dass man es schafft, irgendwie eine Balance zu halten, irgendwie sein Plätzchen in diesem beschissenen Gefühlschaos zu finden, dann fühlt sich das an, als hätte man Goliath bezwungen anstatt ihm nur ans Bein zu pinkeln.

Und du hast Recht, liebe Gina, jemanden festzuhalten, jemanden an seinen  Träumen zu hindern, ist schlichtweg falsch. Keine Liebe, irgendwas anderes.

Ich persönlich möchte an dieser Stelle sagen, weil ich erst gestern mit einem Bloggerkollegen darüber geredet habe, wie schwer es ist, sich selbst zu loben und Lob von außen anzunehmen: Ja, ich habe in den letzten Wochen einen verdammt guten Job gemacht.

 

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Es gibt da so ein Sprichwort. Irgendwas mit Männer kommen und gehen, Freundschaften bleiben aber. So oder so ähnlich. Wahrscheinlich kann ich es mir nicht merken, weil ich es für den größten Bullshit halte, den ich je gehört habe. Ok, minus der Übertreibung: Einfach nur großer Bullshit.

Dass Freundschaft nur eine von vielen Formen der Liebe ist und eine partnerschaftliche Beziehung eine weitere, sollte man nicht großartig erklären müssen. Und genau deswegen finde ich, können diese beiden Formen schon mal grundsätzlich auf einer gleichen Ebene stattfinden. Respekt, Mitgefühl, Ehrlichkeit. Alles Aspekte, die wir uns sowohl von einer bff als auch vom loverboy wünschen.

So. Nehmen wir mal an, eine Freundin ist frisch verliebt und taucht somit erst mal unter. Zwischen den Laken und in den Traumwelten, irgendwo da ist sie zu finden, allerdings nur für ihren neuen Partner. Alle anderen treten (meist unfreiwillig) einen Schritt zurück. Zwischen Frauen gibt es, sobald eine von ihnen wieder vergeben ist, Probleme, die verwandt sind mit Konkurrenzkämpfen und einem Anspruch auf Besitzertum, sprich: Der neue Partner wird oftmals nicht gegönnt beziehungsweise sollte er gegönnt werden, dann wird behauptet, man würde das Turteltäubchen nicht mehr zu Gesicht bekommen. So what? Jeder weiß, dass diese Phase vorbei gehen wird und wir sind doch alle erwachsen genug, um mal für ein paar Wochen Abstand zu nehmen. Oder etwa nicht?

Und dann, um hier fair zu bleiben, gibt es auch Menschen, die ihre Freunde komplett und für die gesamte Länge ihrer Beziehung links liegen lassen. Von heute auf morgen und eben auf erst mal unbestimmte Zeit. Vielleicht kommt daher der oben genannte Spruch. Vermeintlich beste Freundin erfährt von neuer Beziehung und setzt sich von da an vor den Kalender, um sehnsüchtig zu erwarten, wann sie wieder die erste Geige spielen darf. Oder vielleicht zumindest die Klarinette, denn zu große Ansprüche möchte man schließlich auch nicht stellen.

Ich weiß selbst, wie schwierig es ist, allen Beteiligten gerecht zu werden, wenn man selbst vergeben ist. Man muss sich einfach eingestehen, dass wenn man für eine neue Person Platz macht, alle anderen ein bisschen enger zusammenrücken müssen. Aber das ist weder ein Weltuntergang noch sollte es zu einem Ego-Problemchen werden.

Ich habe selbst an einem Beispiel erlebt, wen ich zu meinem engen Freundeskreis zählen kann und wen nicht. Das macht mich gar nicht sonderlich traurig, weil es meine Vorahnungen eher bestätigt als enttäuscht. Es ist der Lauf des Lebens, dass sich Freundschaften verformen, ändern, dahinplätschern und manchmal einfach auseinanderleben. Schließlich ist es in Beziehungen oft nicht anders, warum darf es in einer Freundschaft dann nicht genauso sein? Wenn man sich zu einer bestimmten Zeit mal extrem nahe war, steht man sich eventuell irgendwann gegenüber und stellt fest, dass man in verschiedene Richtungen schwimmen möchte. Und keiner sollte ein Leben für den anderen führen. Wenn Wege auseinander driften, dann tun sie das. Das einzige Problem bei der Sache ist einfach (für mich), dass einem so oft ein Strick daraus gedreht wird. Und dann kann die eigentlich so tolle Freundschaft auf einmal ganz schnell zum Douglas-Turner-Rosenkrieg werden und von der weißen Weste bleibt nicht mehr viel übrig als ein einst blütenreiner Fetzen.

Genau dann merke ich immer, dass man Freundschaft nicht über Partnerschaft stellen sollte, dass man grundsätzlich nichts über das Andere stellen sollte.

Manchmal sind wir einem jahrelangen Partner näher als einer Freundin, weil wir einfach das Hab und Gut und vielleicht auch Kinder mit ihm teilen und er uns in allen Lebenslagen kennt. Vielleicht Dinge mitbekommt, die niemand mitbekommen sollte. Aber dann ist das so. Und dann müssen wir einsehen, dass das alles Formen einer großen Liebe sind. Formen, die hoffentlich immer bleiben, aber leider am Lauf des Lebens manchmal zerbrechen.

Wenn wir Trennungen von Partnern akzeptieren, dann sollten wir auch einer Freundin genehmigen, einen anderen Weg einzuschlagen. Manchmal handelt es sich auch nur um eine Trennung auf Zeit. Wer weiß es schon.

Auf die Freundschaft. Auf die Partnerschaft. Auf dass alles so ist, wie es sein soll.

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Hallo zusammen, mein Name ist Julia-Maria. Ganz nach den Worten von Anika: Eigentlich bin ich Schauspielerin. 24 Jahre alt und zur Zeit wohnhaft in Köln. Neu ist das hier allemal für mich, nicht das Schreiben, aber das Veröffentlichen meiner zu Papier gebrachten Welt. Nach einem langen „Ne, also das ist ja alles ganz schön und so, aber will das wirklich jemand lesen?“, danke ich Anika von ganzem Herzen, mich darin ermutigt zu haben, nicht zu zweifeln und den nächsten Schritt zu wagen: Sich zu trauen, furchtlos zu teilen, komme was wolle, denn dann leben wir. Oder wie es Henry Miller so schön schrieb: „Mein einziges Ziel beim Schreiben war, die Wahrheit zu sagen, so wie ich sie kannte.“

Liebe Anika, vielen Dank, für diese Möglichkeit und dass du mich teilhaben lässt an deiner wunderbaren Welt!


„Und dann, wie aus dem Nichts und scheinbar doch so vorherbestimmt, war er da!“

Ein Schritt vor, zwei zurück.

Ein Moment des Einbruches, des scheinbar unaufhaltsamen Niederganges des soeben erworbenen Schatzes. Wir alle kennen jene Momente.
Doch dann erscheint aus dem Winkel der Einsamkeit und der Peinigung ein kleiner Sonnenstrahl, der uns daran erinnert, wofür wir mal gekämpft.

Negatives mag sich immer schneller finden als Positives, doch erkennt man erst einmal die Kraft, dich sich hinter jenem Sonnenblitz verbirgt, dann kann man doch im Grunde nicht anders, als das Kopfkissen in eine Ecke des Zimmers zu werfen und sich auf den Weg zu machen.

Man wartet und wartet. Man sucht und sucht. Wie findet man die Liebe? Trifft man jemanden auf einer Party, in einer Bar? Beim Einkaufen oder in der Bahn? Und dann diese Grenzen. Diese Grenzen, die einen davon abhalten einfach mal jemanden anzusprechen, den man interessant findet. Warum? Weil wir Angst haben, etwas zu riskieren, Angst haben abgewiesen zu werden? Da Selbstzweifel in jenem Moment zum Gefährten werden?

julia1Aber geht es in der Liebe nicht genau darum? Dass man im eigenen Herzen glücklich ist, den Anderen lieben kann, aber nicht brauchen. Dass, egal welche Abfuhr oder Verneinung man bekommt, es nicht persönlich mit einem zu tun hat. Wir Menschen fühlen nun mal, sei es Zuneigung oder Abneigung. Und mal ehrlich, jeder von uns hat doch schon mal jemanden abgewiesen, ohne versucht zu haben, das Geheimnis des -oder derjenigen zu erkunden.

Als ich dieses Jahr spontan für einen Job die Koffer packte und im Süden Spaniens ankam, fühlte ich mich so gar nicht mehr als Frau. Zugemüllt von irgendwelchen Idealbildern, die ich versuchte zu sein, sei es vom Aussehen her oder der Einstellung, war das Selbstwertgefühl alles andere als liebevoll. Äußerlichkeiten, die wichtig schienen, Vergleiche, die einen unbedeutender machten, die Sehnsucht im Herzen, Schwermut, unwissend aus welchen Ursprung sie entstanden, und der unaufhörliche Wunsch nach Liebe.

Wir alle kennen diese Sprüche: „Versuche nicht, die Liebe zu finden, denn sie findet dich.“ „Man muss sich zuerst selbst lieben, bevor man jemand anderen lieben kann“, „Dann, wenn du am Wenigsten damit rechnest, passiert es!“
Einer der schönsten Dinge, die mal jemand zu mir sagte, war: „Halte die Augen offen, er ist schon auf dem Weg zu dir!“

So schön diese Worte auch klingen mögen, so schmerzvoll können sie auch sein, in Zeiten, in denen uns jegliche Zuversicht verlassen hat, in Zeiten, in denen man glaubte, dass die Liebe einen einfach ignorieren würde, schien sie doch bei allen Menschen um einen herum stetig anzuklopfen.

Ich habe Momente erlebt, in denen gerade Verlassenen erzählt wurde, es gäbe ja noch „andere Fische im Teich“. Wie unglaublich unsensibel, dachte ich in diesem Moment. Natürlich gibt es die, aber ganz ehrlich, will man so etwas denn hören, wenn man im tiefsten Innern leidet, weil man jemanden verloren hat, den man bedingungslos liebte? Wäre ich in diesem Moment diejenige gewesen, ich wäre zu tiefst verletzt gewesen.

julia2Seit Spanien bin ich allerdings von einer Sache überzeugt:  Es trifft wirklich immer dann zu, wenn man am Wenigsten damit rechnet. Immer dann, wenn man meistens keine Zeit dafür hat oder wenn es unpassend ist, dann wenn man gerade glaubt, sein Leben wieder geordnet zu bekommen, bis einen der Schlag trifft und nichts mehr so sein wird wie zuvor.

Don´t expect, simply be!“, meinte meine liebe spanische Freundin. Leichter gesagt, als getan, denn es ist ungefähr die gleiche Hilflosigkeit, nicht an den rosa Elefanten zu denken.

Dennoch versuchte ich es, dennoch gab ich mir Zeit, dennoch lies ich los.
Und dann, wie aus dem Nichts und scheinbar doch so vorherbestimmt, war er da. Plötzlich, da stand er vor mir und jene schmerzvolle Sehnsucht verwandelte sich in zauberhafte Magie, denn ich glaubte etwas gefunden zu haben, das ich so lange schon vermisste.

Seine tiefen blauen Augen, so unendlich, so klar. Braune Fäden, die am Rande seiner Pupillen rangen und sich wie Feuerwerk um die zwei schwarzen Tiefen wanden. Seine Haut braungebrannt, dunkle Locken, die sich um seine Ohren kringelten, ein orangefarbenes Leinenhemd, das über seiner kurzen schwarze Hose lag, die mit Hilfe eines Schnürsenkels auf seiner Hüfte Halt fand und ausgelatschte Turnschuhe, die seine Füße umwarben.

„Hey you!“, waren seine ersten Worte.
„Hey!“, erwiderte ich.
Da standen wir also, sahen uns an, ohne viele Worte und wir lächelten.

Es gibt Menschen, die trifft man. Einfach so. Manchmal vielleicht durch gegebene Umstände. Natürlich führt uns das eine oder andere zu diesem Menschen. Das Kennenlernen ist im Grunde nur ein Wiedersehen, denn am Ende merken wir, dass wir uns noch nie fremd waren.

julia3Dieses unglaubliche Gefühl überkam mich, als es längst vergessen ward. All die Zeit habe ich geglaubt, ich müsse irgendwohin gehören, ich müsse dies oder jenes sein oder erreicht haben, um überhaupt etwas zu bedeuten, um überhaupt zu SEIN. In jenem Moment, in dem man im Herzen ankommt, in jenem Moment, in dem jegliche Angst schwindet, jeglicher Zweifel überflüssig wird und sei es eben nur für diesen einen Moment, ja, in jenem Moment habe ich erkannt, dass ich nirgendwohin gehören muss, niemand sein muss, denn alle wollen automatisch zu mir gehören, denn Ich Bin schon längst.

„Siehst du dich selbst, dann sieht dich die Welt!“ und es gibt nichts, das dir etwas anhaben kann. Wir sind der Architekt unseres Lebens und ja, wir mögen viele Sichtweisen auf dies oder jenes haben, eine Meinung zu ihm und ihr, Ansichten, Urteile, Fragen, doch das sollte uns im Entwerfen und Erbauen wirklich nicht behindern! Nach der Wahrheit des Lebens suchen wir doch alle irgendwie. Aber anstatt grübelnd und haarsträubend darauf zu warten, eine Antwort zu bekommen, rate ich jedem, einfach mal die Koffer zu packen und sich überraschen zu lassen, denn fernab von jeder Sicherheit und Gewohnheit verbergen sich so manche Schätze, die nur darauf warten, endlich von euch entdeckt zu werden!

Danke, Julia!