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Ich sitze hier mit Bauchschmerzen und muss mir extra sanfte Jazzmusik anmachen, damit ich überhaupt fähig bin, diesen Artikel zu schreiben. Denn ich bin so unglaublich wütend, dass es mich selbst verblüfft.

Eigentlich boykottiere ich die Huffington Post, aber über einen Artikel bin ich diesen Morgen gestoßen und fühlte einen sehr starken Drang, ihn zu lesen. „7 Gründe, warum die meisten Menschen Angst vor der Liebe haben“. Sieben Gründe, die mich nachdenklich stimmen und mentales Kopfnicken verursachen. Jeder einzelne Grund ist nachvollziehbar und leider in meinem derzeitigen Umfeld mehr als deutlich in die Realität umgesetzt zu beobachten.
Wahre Liebe macht uns verletzlich. Neue Liebe bricht alte Wunden auf. Liebe weckt Existenzängste.

Ich sehe Beziehungen, in denen einer von beiden kategorisch auf Distanz gehalten wird. Ich bekomme mit, wie einer auf Reisen geht und der andere nicht mitkommen soll. Oder zumindest nicht zu lange. Was auch immer zu lange bedeutet. Oftmals wird das gar nicht ausgesprochen, aber die Blicke während der Stille und die pseudo-lustigen Sidekicks, die allen Beteiligten am Tisch nur noch mehr verdeutlichen, wie da einem der Panikschweiß auf der Stirn steht, zeigen das mehr als deutlich. Das Nicht-Ansprechen der Problematik ist nicht das Schlimme, sondern das eher unbewusste Weiterschleppen der eigenen Ängste und Sorgen, ist der Punkt, der Beziehungen heutzutage in die Knie zwingt und letzten Endes meist das Genick bricht.

Was ich vor allem sehe – und das ist keine Pauschalisierung, weil das hier eine Kolumne ist und manchmal heißt, wir Kolumnisten müssten ja pauschalisieren – sind Männer, die wundervolle Frauen an ihrer Seite haben, aber abends nicht nach Hause kommen. Und ich sehe Frauen, die das alles und ständig mit sich machen lassen. Frauen mit geringem Selbstwert, deren Uni-Abschluss und bildhübsches Gesicht nichts zählt, sobald der Mann ihrer Träume wiedermal eröffnet, dass er sich melden würde und es dann eben doch nicht tut. Frauen, die mit Anfang 30 zu hören bekommen, dass sie langsam mal an die Kinderplanung gehen sollten, der Zug würde nicht ewig still stehen. Und sie dabei merken, dass sie noch nicht mal eine Fahrkarte haben, was viele von ihnen – egal, ob sie es wissen oder nicht – in eine tiefe Traurigkeit stürzt. Und da frage ich mich, in was für einer seltsamen Gesellschaft wir angekommen sind. Noch unsere Eltern waren mit Anfang 20 verheiratet und hatten in meinem jetzigen Alter schon mindestens ein Kind. Und obwohl ich überhaupt nicht von der alten Schule bin und mich selbst nicht bereit fühle für Hochzeit und Kinder, so frage ich mich wirklich, wie sich innerhalb einer Generation so vieles verschieben kann. Die Werte. Die Vorstellungen von Liebe. Das Miteinander.

Das ist keine Frage vom eigenen Päckchen, welches jeder zu tragen hat. Wir alle passen in mindestens einen der im Artikel genannten sieben Gründe. Die meisten von uns – ich eingeschlossen – in mehr als einen. Aber wo ich und ein paar andere oftmals alleine auf weiter Flur stehen, ist das Hineinwerfen in einen anderen Menschen ohne Punkt und Komma, ohne Widerstand, aber mit verdammt viel Angst. Und warum tut man das trotz der überwältigenden Angst? Ja, vielleicht, weil es um nichts anderes geht in diesem Leben. Angst haben. Angst überwinden. Belohnt werden. Lieben. Und weil ich nichts davon habe, von all den Füllwörten wie irgendwie, eigentlich, naja, manchmal, sozusagen, quasi.

Und deswegen bin ich es so unglaublich leid, zu hören, wenn mir wiedermal jemand sagt, er sei doch noch so jung, es reicht, wenn er seine Freundin nur ab und an sehe. Oder wenn ich ein Mädchen sagen höre, dass sie sonntags ihren Freund nicht in ihrer Wohnung brauche, weil sie da meist verkatert und ungestylt auf dem Sofa gammeln würde. Dann wünsche ich mir, dass genau die beiden zitierten Menschen sich finden, damit sie aufgeräumt sind. Und niemandem, der weiter ist als sie, das Herz brechen können. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie verstehen, dass es scheiß egal ist, ob sie sich heute den verdammten Lidstrich gezogen hat oder nicht. Liebe kennt verkaterte Augen. Auch kennt sie hässliche Tage. Aber kein schlechtes Timing. Und auch nicht zu viel Zeit. Meine Güte, zu viel Zeit?

Allerdings kann Liebe nicht entstehen, wenn einer auf Abstand gehalten wird. Wenn sie denkt, sie müsse sich erst mal schminken, um ihm zu gefallen. Vielleicht denkt sie das, weil er es ihr so zeigt. Und damit schließt sich wieder einmal der Kreis von vielen heutigen Beziehungen in den 20ern. In den Hauptrollen meist ein Mensch, der verliebt ist und einer, der es auch ist, sich allerdings nicht traut.

Copyright Foto Lena Peter
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Wir können positive Affirmationen machen, um die Dinge zu erreichen, die wir uns vornehmen. Wir können Sport machen, um Körper und Geist in Einklang zu bringen. Wir können zur Therapie gehen, um zu lernen, wie man den Kopf lenkt und nicht weiterhin von ihm gelenkt wird.

Wir sind lernfähige Wesen und zumindest teilbegabt, was das Leben an sich angeht. Doch wenn man jahrelang, teilweise Jahrzehnte lang, ein Pessimist war oder sich nur von Hiobsbotschaften hat leiten lassen, dann wird es ein bisschen schwierig, von heute auf morgen umzuschalten und einfach glücklich zu sein. Über das was ist, minus der Angst darüber, was kommen mag.

Ich mag es, öfter mal den persönlichen Weltuntergang anzukündigen. Zu leiden und im Selbstmitleid zu versinken, ist auf eine perverse und leider menschliche Art und Weise manchmal ein großes Fest. Kaum wann anders bekommt man derart viel Zuneigung und Aufmerksamkeit, als wenn man darauf hindeutet, wie schlecht die Zeichen für einen stehen würden.

Ich würde dich so unglaublich gerne einfach bitten, nicht zu gehen. Stattdessen zu bleiben und unsere Ordnung nicht durcheinander zu bringen.

Am Einfachsten geht das leider mit den Umständen, die einen zwar selbst betreffen, die man jedoch nicht ändern kann. Zum Beispiel, wenn nahe stehende Menschen Entscheidungen fällen, mit denen man persönlich nicht klar kommt.

Osho sagt, dass wir für alles, was in unser Leben tritt, Verantwortung übernehmen müssen, weil es ein Teil von uns wird – ob wir wollen oder nicht. Und irgendwie macht das doch auch Sinn, schließlich werden wir durch alles beeinflusst, was wir erleben. Wir bilden uns sowieso automatisch darüber eine Meinung, dann können wir auch gleich lernen, damit umzugehen.

Es ist sowieso schwer, einen Einfluss auf Dinge oder Menschen zu nehmen. Gerade Freundschaft besteht darin, miteinander zu wachsen, und wenn man in verschiedene Richtungen wächst, dann ist das der Lauf des Lebens. Ich kann nur für mich eine Verantwortung tragen: Die Verantwortung, einen für mich passenden Weg zu gehen. Und gleichzeitig niemanden zu drängen, umzukehren und zu überlegen. Jeder hat seine Chance, jeder hat das Recht zu gehen. Oder eben zu bleiben.

Ich weiß, du hast deine Gründe. Aber ich habe auch meine.

Egal in welchen Bereichen wir straucheln, uns eventuell unfair behandelt fühlen oder vielleicht sogar gar nicht gesehen werden, ist alles, was wir tun können, Verantwortung für uns zu übernehmen. Was auch sonst? Schreiend und mit dem Fuß stampfend gegen die Wand rennen, in der Hoffnung, wahrgenommen zu werden? Nein, manchmal ist es besser, Entscheidungen im Stillen zu treffen. Unverblümt und nur mit sich selbst. Ungetrübt vom Meinungsschwall anderer Leute, die sowieso auch anders handeln als du.

Wenn mich eine Nachricht erreicht, mit der ich nicht umgehen kann, dann weine ich erst mal ein paar Tage. Das sind auch die seltenen Tage, in denen ich fähig bin, zu schweigen. Und wenn ich dann anfange, meine niedergeschriebenen Reden zu schwingen, merke ich immer wieder, dass ich an der Entscheidung der Person weder etwas ändern kann noch sollte. Manchmal ist Akzeptanz der richtige Weg. Vorausgesetzt, es gibt überhaupt richtig und falsch. Doch in dem Moment, in dem ich etwas wirklich komplett akzeptiere, fällt so eine unglaubliche Last ab, die einem die Augen öffnet, dass man die ganze Zeit die Luft angehalten hatte. Und auf einmal atmet man wieder ein, und sei es auch unter Wasser, wie Lilly Lindner so schön sagt. Sei es noch so widerstrebend von außen zu betrachten, Fakt ist, da ist Verantwortung übernommen worden, da atmet wieder jemand.

Akzeptieren heißt nicht, dass man mit dem Lauf der Dinge einverstanden ist. Aber es heißt, dass man endlich Frieden machen möchte und einsieht, dass die größte Stärke darin liegt, zu vertrauen und das Leben in die Hände der Zeit zu legen.

Geh. Aber komm bitte wieder zurück.

Wenn alles so einfach wäre, wie es sich in Worte fassen lässt, würde die ganze Welt durch heimische Straßen tanzen, wie sie es für Pharrell Williams’ Video tun. Doch bis es so weit ist, freue ich mich persönlich auch an traurigen Stunden in meinem Leben. Denn ohne diese hätte es keine dunklen und Cobain-geprägten 90er gegeben. Lionel Richie hätte nie „Hello“ gerufen und sehnlichst auf das Echo gewartet. Und Shakespeare (oder sein persönlicher Schreiberling) hätte den Herz-Schmerz nicht so zeitlos auf die Bühne gebracht, dass man ihn noch heute in jeder Zelle pochen hört.

Auf die durchweinten Nächte, die Schmerzen in der Brust und die Wut im Blick. Wenn das mal nicht lebendig macht.

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Ich liebe „Was-wäre-wenn…?“-Spiele!

 

Leider.

Durch diese Neigung schwanke ich immer zwischen einer prognostizierten Weltuntergangsstimmung und einer klaren Struktur meiner zu erledigenden Aufgaben – Fluch und Segen.

Was wäre wenn? Das ist so eine Frage, über die Frauen ihre Alleinherrschaft beanspruchen. Ich kann mich an keinen Mann erinnern, der das mal mit weit aufgerissenen Augen und zusammenhangslosen, in sich verschluckenden Sätzen panisch gestottert hat. Frauen dafür umso mehr. Ich kann mich beispielsweise gut daran erinnern, wie die Mädchen aus meiner Schauspielschule jeden Abschlussabend in der Garderobe standen und mit Tränen in den Augen stammelten: „Was soll ich machen, wenn ich heute bei meinem Monolog nicht weinen kann? Gestern kam auch nur eine Träne!“ Hätte die Gute einfach mal ihre persönliche Panikattacke mit in die Rolle genommen, wäre sie wohlmöglich auf der Bühne zusammengebrochen und danach in den Spielhimmel gelobt worden. Aber ich konnte mich da selbst nicht ausschließen, ich hatte die gleichen dämlichen Gedanken. Während die Jungs in stoischer Buddha-Ruhe mit dem iPod in ihren Ohren im Eck saßen, waren meine Hände schweißnass und ich kauerte vor und zurück schaukelnd auf meinem Stuhl.

Meinen Freund nerve ich mit „Was wäre wenn“-Spielchen auch bis zum Verderben, aber er hat mittlerweile unglaublich gut gelernt, wie er mit diesen sinnlosen Gedankenspielen umzugehen hat, um mir die Angst zu nehmen und aber auch gleichzeitig die Lust daran. Wie das geht? Er beantwortet mir meine Fragen, und zwar so detailliert und nachvollziehbar, dass mir schnell die Muse wegrennt, die meine Panik noch kurz vorher gefüttert hat. Ach man.

Die Vorzüge meiner Spinnereien zeigen sich definitiv in meiner Produktivität und Struktur. Was wäre, wenn Ende der Woche alles ein bisschen knapp wird mit zwei Drehtagen, dem Flug am Abend und den zwei Deadlines am Mittwoch? Was ist, wenn ich das nicht schaffe? Lieber mal schnell einen Plan machen, das Kuchen backen verschieben und am Samstag brav alles abarbeiten, was es vorzuarbeiten gibt. Denn ich liebe es, to-do-Listen abzuhacken. Je mehr geschafft ist, desto freier ist mein Kopf, um emotional wieder verrückt spielen zu können. Das ist wie Fenster und Türen öffnen, damit die Inspiration hineinfluten kann. Mit einer vollen to-do-Liste klopft sie nur vorsichtig, aber dreht sich lieber um und geht, verständlicherweise.

Wenn ich ab nächstem Mittwoch dann unter Langeweile leide, weil ich alles schon früher geschafft habe, dann bin ich erstens stolz und zweitens sowieso kaputt und kann daher alles machen, was ich liebe:

Am Morgen mit frischem Kaffee „The Mindy Project“ im Bett gucken.

Inspirierende Fotos suchen auf tumblr.

Packen, und zwar über Stunden hinweg, denn es kommen nur Lieblingssommerkleidchen und Bikinis ins Köfferchen. Dann wieder auspacken, weil zu viel. Dann aber wieder einpacken. Was wäre, wenn die Auswahl zu gering ist und ich etwas zwei Mal anziehen müsste? Fataler Fehler.

Und so kommt es, dass ich gestern die Recherchearbeit für die gesammelten Kolumnen meines ersten Buches abgeschlossen habe und sie ins Lektorat schicken konnte. Harr Harr. Und einen – wie ich finde – wunderbar passenden Titel dazu ausgesucht zu habe. Es macht so viel Spaß, vor dem Urlaub alles abgeschlossen zu haben. Und sich zu langweilen, weil alles getan ist.

An meiner emotionalen Panik muss ich allerdings noch etwas arbeiten. Etwas ist in diesem Bezug ein unnötiges Füllwort. Als ich diese Woche mit Freundinnen in einer Bar saß und ihnen davon erzählte, dass Urlaub und Drehtage eventuell kollidieren könnten, Ewigkeiten mein Problem ausführte und danach bereit war für Lösungsvorschläge ihrerseits, schauten mich alle drei nur an und meinten – auch hier wieder mit stoischer Ruhe: Na dann buch doch den Flug einfach um. Ist ja nicht der Rede wert, wenn du das mal durchrechnest. Außerdem passt es ja zu dir, so ne Tohuwabohu-Aktion. Fliegst du halt um sechs Uhr morgens nach, mei, kannst du gleich wieder was drüber schreiben. Haha.

Aha. War im ersten Moment richtig beschämt, dass ich da selbst nicht draufgekommen war. Hatte mich eventuell zu sehr in meinen Was-wäre-wenn-Fragen verstrickt. In einer Angelegenheit lasse ich mir meine Theorien jedoch nicht nehmen. Beim Träumen.

Was wäre, wenn du morgen die Prüfung bestehst und zwar so gut wie du dich nicht gewagt hast zu träumen?

Was wäre, wenn deine Green-Card-Antrag genehmigt wird und du auf einmal wirklich anfangen kannst, Pläne zu schmieden?

Was wäre, wenn du dich morgen in einen Surfer mit Wuschelhaaren verliebst und er dir ein Flugticket nach Kauaʻi zusteckt?

Was wäre, wenn du hier und jetzt glücklich bist?

Dann wärst du glücklich. Ab jetzt.

 

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18/07/2013

Der Zug windet sich durch alpine Täler und ich werde auf Knopfdruck melancholisch. Alle Artikel, die ich bis jetzt auf Zugfahrten geschrieben habe, wurden melancholisch, nachdenklich und philosophisch – warum ist das so?

Ich versuche mich regelmäßig in neue Situationen zu werfen und schaue dann mal, was die mir so bringen. Das ist gar nicht so risikoreich oder ungeheuer abenteuerlich, wie die meisten meiner Freunde oft denken. Es ist einfach ein bisschen spannender, als zu Hause zu sitzen und da ich das sowieso die meiste Zeit mache, ist so ein Springen und Eintauchen in neue Kapitel doch ganz nett.
Also sitze ich nun im Zug auf dem Weg nach Norditalien, um dort ein Wochenende zu verbringen mit Menschen, die ich nicht kenne.

Bekannte, die ihre Heimatstadt nicht verlassen haben, sagen mir immer, dass das alles so aufregend sei, was ich erlebe.
Nun ja, dass ich die meiste Zeit meiner tollen Erlebnisse und Erfahrungen zu Hause vor meinem Laptop sitze, recherchiere, erstelle, schreibe und gähne, das wird wohl ausgeblendet. Aber sollen doch alle denken, ich sei kosmopolitische Nomadin, die sich die Freiheit nimmt, nur das zu machen, was ihr Spaß macht!

Es gibt kein Patentrezept für ein spannendes Leben. Mutter zu werden beispielsweise, ist wohl eines der spannendsten Erlebnisse. Genauso aufwühlend, neugierig und lebenswert ist es sicherlich, eine Weltreise zu machen. Einen Heiratsantrag zu bekommen in einem lichtdurchfluteten Feld voll wilder Blumen mitten im Spätsommer. Einen Beruf zu haben, von dem man sicher weiß, dass er der Menschheit in irgendeiner Form etwas bringt. Mit einem Talent gesegnet zu sein, das so unausweichlich ins Auge sticht, dass jeder dich darin bestärkt.
Mit 80 Jahren auf einer Parkbank zu sitzen und die Berührung einer vertrauten Hand auf deiner zu spüren.
Such dir was aus. Oder nimm dir alles, es hat nie jemand gesagt, dir würde nicht alles zustehen.

Keiner weiß, wie es laufen wird. Nur die, die alt genug sind, um zurückzuschauen, wissen, wie es war. Fangen an, die „was wäre gewesen, wenn“-Fragen zu stellen, Dinge zu bereuen, Erlebnisse zu verdrängen. Aber manche sitzen auch einfach im alten Ohrensessel, rauchen Pfeife und beobachten ihre spielenden Enkel im Garten. Zu kitschig? Ach was.

Ich weiß nicht, ob ich jemals Enkel haben werde, ich habe ja noch nicht mal selbst Kinder. Vielleicht bin ich in einem Jahr Mutter, vielleicht nie. Ich weiß auch nicht, ob ich nicht irgendwann ganz woanders lande, als der Ort, an dem ich jetzt bin. Ich weiß nicht, ob ich jemals heiraten werde, genau so, wie ich es mir seit Jahren ausmale. Und ich weiß nicht, ob jemand in 50 Jahren noch meine Hand hält und mir über die Wange streicht.

Diese Fragen ans Leben verunsichern die einen so sehr, dass sie immer rastlos wirken, und die anderen bleiben wie in einer Art Schockstarre einfach auf dem Hosenboden sitzen und wundern sich Jahrzehnte später, warum auf einmal alles vorbei ist. Und irgendwie doch gar nichts war, was vorbei sein könnte.

Vor ein paar Minuten habe ich in einem Buch von Ildikó von Kürthy einen sehr intelligenten Satz gelesen, der besagt, Mittelwege zu finden sei entgegen ihres Rufes das Schwierigste und Mutigste, was es gibt. Denn wer maßlos ist, lässt sich gehen und neigt zu Extremen. Wer aber ganz genau weiß, wann ein Abenteuer ansteht, wann es genug ist, wann es besser ist, nein zu sagen und wann genau es spannend wird, ja zu sagen, derjenige steht – und zwar mit beiden Beinen fest auf dem Boden.

Wo meine halbgare Zugphilosophie nun hingehen soll? Keine Ahnung. Nur weil ein Zug einen Endhaltepunkt hat, muss man es als Insasse ja nicht so genau nehmen. Was mir hilft, meine eigene Unsicherheit der Lebensreise ins hinterste Eck meines Bewusstseins zu verscheuchen, ist das Einhalten einiger Dinge und Erkenntnisse (nicht, dass ich das immer könnte, manche der Punkte existieren nur in meinem Kopf)

– Loslassen von Dingen, aus denen man herausgewachsen ist

– Sich selbst überraschen

– Verzeihen, egal wem und was

– In den Spiegel schauen und sich mögen, auch morgens, auch nachts

– Was riskieren, in welcher Form auch immer

– Dinge aufschreiben und damit festhalten, was bewegt

– Sich verlieben, dass einem die Luft wegbleibt

– Etwas ausprobieren, von dem jeder sagt, es sei zu schwierig (denn es klappt

   meistens)

– Ziele setzen und trotzdem zulassen, sich zu verirren

Pläne helfen. Endstationen auch. Aber nichtsdestotrotz gibt es genügend Ein- und Ausstiege, wenn man erst mal unterwegs ist. Und das ist der Schlüssel: Sei überhaupt mal unterwegs.

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10/06/2013

Wir wissen, dass die Zeit alle Wunden heilt. Wir hören, dass früher alles besser war, glauben das aber nicht. Warum auch. Es geht uns doch blendend. Oder?

​An sich ist die Zeit schon so ein Geschenk. Sie ermöglicht es uns, zu strukturieren, sie erklärt uns, dass es an der Zeit ist, den Arbeitsplatz zu verlassen und den Feierabend zu genießen. Sie hilft uns, pünktlich zu sein und erlaubt es, unpünktliche Zeitgenossen verfluchen zu dürfen. Und auch wenn wir uns  morgens lieber noch ein Mal im Bett verkrochen hätten, so ist es doch sie, die uns zwingt aufzustehen und den Tag zu beginnen.

Wenn wir sie anschauen, katapultiert sie uns sofort wieder in die Gegenwart zurück. Oder vorwärts, je nachdem, wo wir uns gedanklich gerade befanden.
Und das ist doch eigentlich das größtes Geschenk: Denn wem fällt es schon leicht, immer in der Gegenwart zu bleiben? Wer macht sich keine Gedanken über das Über-über-morgen oder steckt fest in der Vergangenheit von vor drei Jahren?Mit der Zeit ändert sich alles. Die Haarfarbe. Die feste Zahnspange weicht perfekten Zähnen. Das Herz bricht und wird wieder zusammengeflickt. Die Freunde. Die Lebensplanung. Meinungen. Eindrücke. Der ganze Mensch ändert sich. Und darf sich trotzdem dabei treu bleiben.

Mit der Zeit kann man aber auch an Vergangenem arbeiten, um genau dadurch in der Gegenwart leben zu können, und zwar glücklich und frei. Ich meine damit nicht, dass man abgeschlossene Dinge aufwärmen soll, sondern, dass man Ereignisse neu betrachten kann. Man steht nun weiter weg, kann das, was mal war, mit Abstand betrachten und steckt nicht mehr mitten drin und ohne Überblick. Man hat die Chance, nachvollziehen zu können, warum man selbst mal so war, so gehandelt hat oder von anderen Menschen so behandelt wurde. Man erkennt auf einmal, was dahintersteckt, kann es in die Hand nehmen, kann es drehen und wenden, von allen Seiten betrachten. Und das ist so ein befreiendes Gefühl: Sich nicht mehr bedroht oder eingeengt zu fühlen, sondern sich bedanken zu können bei der Zeit, nämlich dafür, dass sie so viel Gras über die Sache hat wachsen lassen, dass dieses Gras nun lediglich ein bisschen an den Fußsohlen kitzelt, erinnert, aufweckt, aber eben nicht mehr weh tut. Weil die Wunden längst geschlossen sind.

Und wenn sie es nicht sind, dann ist es immer irgendwann an der Zeit, sie zu schließen. Ich glaube wirklich, dass es nicht möglich ist, glücklich zu sein, wenn es Leichen im Keller gibt, die langsam auch mal wieder glücklich sein möchten, aber nicht können, weil wir ihnen keine Beachtung schenken. Weil wir das Vergangene entweder immer noch verfluchen oder nicht loslassen. Wir sagen immer, alles sei vergeben und vergessen, aber so lange es uns beschäftigt oder wir es mit negativen Gedanken behaften, ist nichts vorbei. Alles ist immer noch hier, sitzt direkt neben uns und schaut uns so lange an, bis wir endlich begreifen, dass wir es ziehen lassen können. Was gut ist, denn es ist überstanden, es ist bewältigt, egal wie. Denn wie und was und warum, das sind genau die Fragen, die der vorübergegangenen Zeit angehören. Die oftmals unergründlich sind, weil wir sie mit unserem kleinen Verstand nicht greifen können. Besser ist es.

Manchmal ist es einfach so, wie es ist. Und immer ist es einfach so, wie es war. Ohne wenn und aber. Allerdings alles mit Sinn. Das bringt uns wieder ins Gleichgewicht, die Zeit rückt es ins richtige Licht, der Spot der Gegenwart geht an und ist auf jeden einzelnen von uns gerichtet.
Was fängst du nun damit an, jetzt, wo du auf einmal im Licht stehst?

Mach Frieden mit allem, am meisten mit dir selbst. Und natürlich auch mit der Zeit. Es bringt nichts, Jahre später traurig darüber zu sein, dass manche Dinge nicht mehr so sind, wie sie waren. Oder dass man einfach keinen Einfluss auf ein zeitliches Fenster hatte. Es war halt so lange da, wie es da war, und dann war es weg. Und mit ihm die Menschen, Ereignisse und Situationen, die darin Platz genommen hatten.

Mach also Frieden mit der Zeit. Wenn du nicht gegen sie arbeitest, dann arbeitet sie für dich. Und mit dir. Und zeigt dir, dass sie am Ende des Tages viel mehr für dich getan hat. Und dir mehr geschenkt hat als weggenommen.

Meine Lieblingszeit ist die Zeit der Vorfreude. Der Moment, in dem du denkst, du würdest das Warten nicht aushalten, als würde die Nacht oder der Tag oder die Woche nicht vorbeiziehen wollen. Das Herz pocht bis in den Hals und jeder kann es dir ansehen, gleichzeitig ist der ganze Körper angespannt und wenn du könntest, dann würdest du dieses Gefühl in ein kleines Gläschen packen, zuschrauben und genau dann öffnen, wenn das erhoffte Ereignis schon Jahre vorbei ist. Und am Ganzen die Vorfreude mit Abstand am Schönsten war. Deswegen ist sie auch so lange geblieben, weil die Zeit schon wusste, was sie macht. Sie macht ihren Job ganz gut.
Auch wenn es manchmal Jahre braucht, dass man es erkennt und es sich eingesteht. Und sich bei ihr entschuldigt.

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Was du nicht willst, das man dir tut – das füge auch keinem anderen zu. Alter Spruch, meist unpassend, wenn man ihn beispielsweise in einer neuklugen Eunuchen-Stimme ins eigene Ohr gehämmert, äh, geträllert bekommt, aber prinzipiell richtig.

Aber wenn man sich nun auch mal überlegt, einen Tag lange nach dieser Steinzeitoma-Weisheit zu leben, wird es schwieriger, als man eventuell dachte. Es fängt dabei an, sich morgens in der Schlange beim Coffee-Shop nicht vorzudrängeln – und wenn man es noch so eilig hat (die anderen haben es mindestens genauso eilig). In einer Team-Besprechung mit dem Chef wird eine zurückliegende Arbeit besprochen. Manche Fehler gehen auf das eigene Konto, manche auf das Konto von Kollegen – wer traut sich, immer seine Fehler einzugestehen und versucht nicht manchmal, Unsicherheiten von sich wegzuschieben? Ausreden zu erfinden, um besser dazustehen und ein falsches Bild zu vermitteln?

Weiter geht’s bei den Freunden: Man hat einen Geburtstag verschwitzt und möchte der Peinlichkeit eigentlich entgehen: Welche Option wählt man? Anrufen und wirklich ehrlich sein? Anrufen und übergangslos in die Verteidigungshaltung übergehen? Oder den wichtigen Tag einfach komplett ignorieren, bis es irgendwann wirklich zu spät ist, das Thema aufzugreifen?

Die Liste ist, wenn wir mal ehrlich sind, a never ending story: Oma schon wieder nicht angerufen, obwohl man Mama doch versprochen hat, sich endlich regelmäßig zu melden? Jemanden aus der Not heraus mal schnell angelogen, weil man sich nicht die Mühe macht, so weit zu denken, bis einem Lösungen einfallen, die abseits dessen liegen? Abends nach Hause kommen und den Partner anschnauzen, weil er halt nun mal da ist und man schon so lange den Frust an ihm auslässt? Wen soll man denn sonst anschreien, hm?

Schade. Ich versuche gerade, so einen Tag mal zu leben: ein Tag, an dem ich jeden so behandle, wie ich in der spezifischen Situation selbst behandelt werden möchte.  Natürlich heißt das nicht, dass es dann so richtig ist – die allgegenwärtige Lösung – aber es zeugt von Respekt und einer großen Rücksichtnahme bezüglich seiner Mitmenschen. Gekommen ist mir der Gedanke, als ich selbst – für meine eigenen Maßstäbe – richtig blöd behandelt wurde. Von einer Person, die mir nicht mal nahe genug steht, um sich das anmaßen zu dürfen. Und dann auch noch auf so plakative Art und Weise, dass es leider bei mir ankam. Voll rein, erst mal schlucken, umdrehen, lächeln, gehen. Wozu auch die Debatte? Was bringt es mir? Einen Menschen, der seine eigenen Grenzen nicht kennt und vor allem mit sich selbst nicht zu recht kommt, den möchte ich weder ändern, noch mich groß mit ihm auseinandersetzen.

Wir sind gelangweilt, meist von uns selbst, unzufrieden, meist mit uns selbst. Wo kann man das mal kurz abladen, denn alleine mit sich herum zu tragen oder sich gar zu ändern, ist ja auf Dauer so unglaublich schwer, ach, schier unmöglich. Also, wo? Natürlich. Bei genau dem, der das hat, was man selbst nicht hat. Der Depp spiegelt einem, wie schön es sein könnte, wenn, wenn, wenn… Die Geburtsstunde des bayerischen Grantlers!

Wie auch immer. Ein bisschen aufregen (irgendwann gar nicht mehr) und dann ein bisschen drüber stehen. Und seine Konsequenzen ziehen. Sprich: Leuten aus dem Weg gehen, die nicht mehr auslösen können, als einen Shitstorm, und andere Menschen da treffen wollen, wo es weh tut. Nämlich da, wo es ihnen selbst weh tut. Denn hinschauen mag keiner. Die eigenen Wunden stopfen? Anstrengend hoch tausend, dann lieber mal in den Wunden von anderen bohren. Damit die auch ganz schnell ganz unglücklich sind und man wieder auf gleicher Schaukelebene verweilt.

Wie kommt man da raus? Indem man ein Fan von sich selbst wird. Indem man zu sich steht, auch wenn man den gleichen Fehler zum x-ten Mal gemacht hat. Indem man über sich lachen kann, wenn man wieder der einzige Mensch in der Runde ist, der den Witz nicht versteht. Und aber am lautesten lacht. Wenn man Seitenhiebe nicht ernst nimmt, dann haben Grantler keine Angriffsfläche. Klingt schwierig, ist auch so. Zumindest am Anfang.

Ich für meinen Teil fand es erst verletzend, dann schade und nun außerordentlich wichtig, diese Erfahrung mit Mr. Grantler No. 1 gemacht zu haben. Wir können uns zwar weiterhin nur bedingt aus dem Weg gehen, aber wenigstens hat er mir meine eigene Schwäche genommen: Dass ich immer nett war, obwohl ich gar keine Lust hatte. Dass ich mich unterhalten habe, nachgefragt habe, obwohl nicht einmal eine Gegenfrage zurückkam. Dass ich unweigerlich das Schiff in den Hafen bringen wollte, obwohl es schon von Anfang an ein viel zu großes Leck hatte. Ich habe mich also verstellt, habe zu einer meiner vielen Masken gegriffen und ein falsches, jedoch gut gespieltes Lächeln aufgesetzt: wozu? Ja, wozu eigentlich? Um den lieben Friedens willen. Muss ich das? Nö. Ich muss nicht jeden mögen.

In diesem Sinne: Danke, Herr Grantler, dass ich mich nicht mehr verstelle, dass ich dich nun getrost ignorieren kann und vielleicht damit etwas bei dir bewirke. Bei mir tut sich so einiges gerade. Angefangen damit, dass ich dich ehrlich behandle. Und damit das tue, was du dir selbst so gar nicht geben kannst. Zum Beispiel und nur mal angenommen… ein einziges Mal in den Spiegel zu schauen und dir zu sagen, ja verdammt, ich bin echt nicht so cool, wie ich immer tue. Zefix.