Alle Zeit der Welt.

Ich hasse yolo. Das Jugendwort. Ab dem ersten Tag, an dem mir das eine Freundin anstelle eines netten P.S. (das so charmant ist, dass man es kaum ersetzen kann) unter die SMS geschrieben hat.

You only live once. Wer sagt das?

Im Prinzip ist es egal, ob ich daran glaube, dass nach meinem Tod nur Dunkelheit und Leere kommt. Oder ich klein und dickbäuchig mit anderen Engelchen durch die Luft fliege. Oder im Fegefeuer brennen werde, gemeinsam mit all meinen negativen Gedanken, die ich nie in den Griff bekommen habe.
Oder, ob ich einfach glaube, dass es danach weiter geht. Niemand kann belegen, dass die Geburt der Anfang und der Tod das Ende eines Einzelnen ist. Natürlich kann man daran glauben. Aber yolo, das löst bei mir nichts weiter als Druck und Anspannung aus. Und ich habe das dringende Bedürfnis, mich für alle zu entschuldigen, die ihre falsch verstandene yolo-Attittüde für alles hernehmen, um sich für ihre beschissene Art und Weise rechtfertigen zu können. Ich lebe nur einmal, ich darf das machen. Ich muss mich so verhalten. Dieser Moment wird nie wieder kommen.

Yolo, scheiß die Wand an.

Ich verstehe den Grundgedanken und den finde ich spitze. Und ja, ich mag Leute, die einfach machen. Die beispielsweise eine wirkliche Schnappsidee haben, darüber schlafen und sich dann verkatert an den Küchentisch setzen und das Ganze umsetzen. Menschen, die nicht nur lallen, sondern handeln. Für sich oder für andere, das spielt in erster Linie keine Rolle. Und das meint yolo in seiner ursprünglichen Form, denn es will motivieren und den Zeitgeist, die Kreativität und vor allem den Respekt gegenüber dem Leben in den Mittelpunkt stellen.

Was ich allerdings so grundfalsch finde ist, wenn Menschen in eine richtige Panik geraten, sich und ihrem Leben gerecht zu werden und zwar nur, weil es immer irgendwelche yolo-Idioten geben wird, die der Gesellschaft ins Ohr flüstern, dass man vor 30 mindestens einmal Backpacken in Thailand gemacht haben sollte, dass es uncool ist, immer alle Prüfungen zu bestehen und dass man sowieso raus ist, wenn man noch nie einen One-Night-Stand hatte. Denn solche Leute gibt es, die denen, die gerade noch auf der Suche nach Meinungsfindung sind, einflößen, dass ein richtiges und ausgefülltes Leben nach bestimmten Maßstäben gelebt werden muss.

Die Maskerade der Gesellschaft, wenn sie doch endlich fallen würde.

Dabei finde ich es persönlich viel spannender, wenn jemand den Mut hat, sein Leben absolut individuell zu gestalten. Das fängt dabei an, dass ich als Blogger nicht das zehnte gleiche Bild von der Fashionweek wie alle anderen Blogger auf Instagram posten muss, und hört dort auf, wo ich selbst entscheide, ob mich etwas glücklich macht – unabhängig davon, wie viele aufgerissenen Augen mich anstarren und fragen, ob das mein Ernst sei.
Ja, es ist mein Ernst. Finde bitte deinen eigenen.

Ich habe das Gefühl, dass dieses schon angefangene Jahr eine Achterbahnfahrt wird. Der Emotionen, der Möglichkeiten, der Entscheidungen. Das ist in erster Linie weder gut noch schlecht, weil es auch einfach mal besser ist aufzuhören, alles (mit yolo-Aufschrift) labeln zu müssen, jeden zu kategorisieren, damit wir uns sicherer fühlen und wissen, in welche Schublade wir greifen können, ohne dabei gebissen zu werden.

Wenn es also jemand schafft, aus vollem Herzen heraus in diesem Leben, in diesem Jahr 2014 von dem yolo-Gedanken einen Schritt zurückzutreten und erkennt, dass er nicht alles schaffen muss, was er sich vornimmt, dass manche Träume Endstation Sehnsucht bedeuten und dass es mutiger ist zu weinen, als die Tränen herunterzuschlucken, dann ziehe ich vor demjenigen meinen Hut. Und scheiß gemeinsam mit ihm auf yolo, weil er verstanden hat, dass es immer irgendwie weiter geht und dass man nicht alles tun muss, was die anderen tun.

Warum yolo mich also so wütend macht, ist nicht, was es in seiner ursprünglichen Form bedeuten soll. Es ist die Hast und die Getriebenheit, die mittlerweile dahinter steckt. Und ich sehe in den Augen und im Verhalten so vieler Menschen, dass sie sich dieser nicht entziehen können. Sich innerlich verfluchen und schon vorab ins Fegefeuer schicken. Sie hetzen bis in den Morgenstunden durch die Nächte, weil sie Angst davor haben, sich mit sich selbst auseinandersetzen zu müssen. Und sie arbeiten sich zu Tode, weil sie denken, das Geld würde sie retten und ihren übertriebenen Luxusanspruch sättigen, wie ein sabbernder Shar-Pei, dessen Traurigkeit auch durch Glitzerregen nicht zu verstecken ist.

Es ist nicht einfach, sich selbst der beste Freund zu sein. Aber es ist der wichtigste Schritt im Leben, denn mit dir selbst musst du es dein Leben lang aushalten.
Und wenn ich mich wieder einmal in meiner imaginären Opfer-Rolle suhle, Pläne schmiede, nur, weil sie sich cool anhören oder partout nicht vor Mitternacht ins Bett gehe, weil es anscheinend niemand macht, dann weiß ich zumindest, dass ich diese Zeilen mal heruntergeschrieben habe. Ich habe sie irgendwann einmal gedacht und sie waren mir so wichtig, dass ich sie festhalten wollte.

Egal ob ein Leben oder zwei oder tausend – wir müssen aufhören, uns diesen verdammten Druck zu machen. Denn wie sagt der liebe Spaceman Spiff so schön:

„Und wenn morgen aus uns allen nichts geworden ist, dann wird’s wohl irgendwie so sein.“

(Foto von Deniz)

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12 comments

  • Hi Ani, cooler Artikel. Gefällt mir, ich mag es mein Leben und vor allem mein Denken nicht den gesellschaftlich akzeptierten Regeln zu unterwerfen. Jeder sollte so sein wie es für ihn gerade passt 🙂 Lieben Gruß Heike

  • Ein wirklich schöner Text. Manche Sätze muss ich mir dringend hinter die Ohren schreiben! Danke dafür.

  • Liebe Ani,
    erstmal Kompliment zu deinen wunderbaren Artikeln. Ich freue mich immer, wenn ich morgens vor der Arbeit mit (derzeit Matcha-)Latte in der Hand auf dem Sofa sitze und in den Genuss eines neuen Artikels deiner Seite (aber auch anderer Seiten…) komme.
    Dieses Mal bin ich dankbar dafür, dass ich endlich weiß, was yolo heißt. Das hatte vor ein paar Tagen eine Kollegin unter einen Post geschrieben, als es um das diesjährige Karnevalskostüm ging. Bisher hatte ich mir nicht die Mühe gemacht, herauszufinden, was es bedeutet. Jetzt stelle ich fest, dass es auch gut so war, da es überhaupt nicht gepasst hat…Selbst wenn ich bis dato die Abkürzung nicht kannte, fällt mir öfter auf, dass „du lebst nur einmal“ einfach nur dafür benutzt wird, um zu viel von allem zu tun. Eine Rechtfertigung für das eigentlich zu teure Kleid, das dekadente Essen, das zu vielte Glas Rotwein (die Liste liese sich endlos erweitern) ohne darüber zu reflektieren, was es eigentlich bedeutet (bedeuten könnte).
    Hab einen wundervollen Tag,
    Susanne

    • Liebe Susanne,

      wow, vielen Dank für deinen langen Kommentar und dass du mich ein bisschen an deinen Gedanken teilhaben lässt.
      Ich freue mich wie ein Tofu-Schnitzel, dass die Resonanz auf diesen Artikel so groß ist und ich nicht alleine dastehe mit meiner Ansicht. Diesbezüglich war ich mir nämlich sehr unsicher…
      Und WIE schön, dass du dir vor der Arbeit die Zeit nimmst, Blogs zu lesen. Abgesehen davon, dass ich überglücklich bin, in deiner Auswahl dabei zu sein, finde ich es sehr schön, dass du dir überhaupt Zeit für dich nimmst vor der Arbeit, denn das machen viel zu wenige.
      Alles Liebe,
      Anika

  • Auch ich kann mich nur anschließen..dein Artikel ist wieder einmal super…im Endeffekt läuft es immer wieder auf das Selbe hinaus! Nämlich mit sich selbst glücklich und im Reinen zu sein und sich annehmen wie man ist …dann wird man glaub ich immer den Weg einschlagen, der für einen selbst der Richtige ist! Egal was wer dazu sagt! Bei sich bleiben ist die Devise..und du hast mich an diesem Montagmorgen mit deinen Worten wieder daran erinnert…danke 🙂 Lg Andi

  • Eigentlich sollte ich deinen Text ein Dutzend mal ausdrucken und jedem in die Hand drücken, der sich mal wieder darüber beschwert, so viel von dem zu verpassen, was andere bei Facebook posten oder der schier bei dem Gedanken verrückt wird, dass er in seinem Leben noch nicht an dem Punkt steht, wo andere gleichen Alters stehen. Lassen wir uns doch die Zeit, die wir brauchen um die Wege zu gehen, die wir gehen wollen!
    Habe das sehr gerne gelesen. (Und schöne Schrift übrigens)

  • Ich habe deinen Blog gerade erst entdeckt und finde diesen Artikel einfach großartig. Du hast nicht nur einen wunderbaren Schreibstil, du sprichst mir auch aus der Seele. Herrlich.

  • […] alle drei gehören zu einer Generation, die als zweiten Namen beziehungsunfähig trägt – ob wir wollen oder nicht. Ein Stempel, der […]

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