Angst oder: Warum das, was ich befürchte, nie eintrifft.

Nach einer halben Stunde wird der Service aufgrund starker Turbulenzen vorübergehend eingestellt. Niemand darf aufstehen. Bridget Jones’ Baby vor mir auf dem Bildschirm hilft da auch nicht weiter. Ich schließe meine Augen und konzentriere mich darauf zu atmen.

Nein, ich habe keine zweite Notlandung hinter mir. Die oben beschriebene Szene hat sich allerdings genau so auf meinem Flug nach Curaçao abgespielt, nichts weiter ist jedoch passiert. Nach knapp drei Stunden waren die starken Atlantikwinde durchquert, es gab totgekochten Brokkoli und den Film habe ich ebenfalls zu Ende gesehen. Was ich damit sagen möchte? Dass ich oft Angst habe. Vor vielem. Dass Ängste in Ordnung sind, dass sie wichtig sind im Prozess des sich Kennenlernens. Aber dass das, was man befürchtet, so gut wie nie eintrifft.

 

Same same but different

Ich erzähle das, weil ich jedes Mal über mich selbst schmunzeln muss, wenn eine Reise ansteht, die ich alleine mache. Nicht, weil ich mich  nicht selbstständig genug fühle, sondern, weil mich einfach oftmals dieses doch jedem so bekannte, mulmige Gefühl überkommt. Was ist, wenn es mir nicht so gefällt, wie ich es mir erhoffe? Was mache ich, wenn mein Equipment kaputt geht? Warum sollte ich weg, wenn niemand mit mir kommt? Was tun, wenn ich mich alleine fühle, gleichzeitig aber niemanden ansprechen will?

2010, als ich aus einer Welle von Trennungsschmerz und Freiheitsdrang heraus einen Gabelflug nach Kalifornien gebucht hatte, ging es mir genauso. Am Tag der Abreise hätte ich meinen Vater fast dafür bezahlt, mich nicht zum Flughafen zu bringen. Manchmal frage ich mich heute, ob sich meine Eltern damals gedacht haben, dass das Kind endgültig einen Dachschaden hat: erst einen teuren Flug buchen, dann auftischen, bei einem ihr völlig Fremden in Los Angeles eine Woche einzuziehen, um dann sechs Stunden vor Abflug alles abzublasen (die ganze, etwas surreale Geschichte wird es im Buch zu lesen geben).

 

Die sinnvolle und die nutzlose Angst

Es gibt zwei Sorten von Angst, zumindest unterteile ich selbst sie in zwei Kategorien. Die, die vor allem noch in der Steinzeit nötig war, um einer Gefahr auszuweichen, also eine natürliche und durchaus sinnvolle Angst. Und die der Neuzeit, die uns täglich begleitet. Sie darf immer dabei sein, doch wirklich etwas für uns tun – da hält sie sich galant zurück. Warum also eigentlich immer mitschleppen? Warum Angst haben, sie aushalten, abwarten, was passiert, in einer Schockstarre verweilend auf das Schlimmste vorbereitet sein, nur um dann zu erfahren, dass alles so bleibt, wie es ist, und dann, mein Lieblingspunkt, rein gar nichts daraus zu lernen.

Direkt vor einer Reise bin ich oftmals angespannt. Ich spiele die traumhafte Destination herunter, gehe To-Do-Listen durch, sollte es sich um eine Kooperation handeln, plane akribisch, um danach alles zu verwerfen und ohne Plan loszuziehen. Das ist anstrengend – und ausschließlich meiner Angst geschuldet. Das Gute an der Sache ist, dass ich trotz all meinen Befürchtungen und meinem Kopf, der zu den wildestens Gedanken-Loopings fähig ist, immer wieder losziehe. Wenn das Fernweh größer ist, die Neugier wächst, der Wunsch, etwas zu erleben, sich über alles stellt.

Und spätestens, wenn ich dann im Taxi sitze, der starke, karibische Wind durch das geöffnete Fenster hineinzieht und meine Haare durchwirbelt und ich eine herzzerreißend komische Unterhaltung mit Guido, dem Fahrer habe, da nicke ich dann innerlich, grinse äußerlich und denke mir: Warum nur musst du dich jedes Mal so anstellen?

 

Absurd ist gar kein Ausdruck

Ich möchte meine Angst nicht verteufeln, dann wird sie nur noch größer, und komplett furchtlose Menschen sind Blender. Ich möchte sie beim Namen nennen, sagen, dass sie in meinem Leben eigentlich überflüssig ist, weil es mir viel zu gut geht, um Angst zu haben und sollte wirklich etwas passieren, sollte mir etwas passieren, dann hat mir die Angst im Vorfeld nichts gebracht. Denn die Sache ist die: Die Dinge laufen weiter, immer. Die Frage ist nur: Will ich mich dem Leben stellen mit all seinen Herausforderungen, die sich meist als versteckte Geschenke entpuppen – oder will ich vor ihnen Angst haben und mich selbst verstecken?

Ich sag’s ganz ehrlich, ich tue mir schwer mit Menschen, die auf dem Sofa hocken und jammern, was ungefähr auf die Hälfte aller Deutschen zutrifft. Viel mehr kann ich mit denjenigen was anfangen, die ihre Ängste, scheinen sie auch noch so weltfremd und bescheuert, wahrnehmen, akzeptieren und schließlich überwinden. Die Angst ist wie ein Geist, ein unsichtbarer Begleiter, der nur schwer zu (be)greifen ist. Es gibt also immer was zu tun und mit ihr wird es nie langweilig.

 

Das Gute daran

Belohnt wird man danach jedoch mit vielem. In meinem Fall: Diesen Text unter Palmen zu tippen, während der Salzwasserpool vor mir türkis schimmert. Einen neuen Ort auf diesem Planeten als „gesehen und erlebt“ bezeichnen zu können – und diese Entscheidung vollkommen freiwillig, alleine und ausschließlich für mich gefällt zu haben. Angst überwinden wird belohnt. Mit Stolz, Selbstständigkeit und, das Wichtigste, dem unbezahlbaren Wissen, sich selbst wieder näher gekommen zu sein.

Gestern Abend noch hatte ich das Bedürfnis, jedem Paar um mich herum, das mir mitleidige Blicke zuwarf, entgegenzuschreien: Schaut mich gefälligst nicht so an! Ich bin hier freiwillig. Und ich bin auch nicht einsam. Kommt mal klar, dass ich hier alleine sitze. Heute ist mir das bereits vollkommen egal. Ich setze mich an den Tisch, klappe mein Buch auf und warte auf mein Essen.
Ergo: Habt Angst. Und dann macht was draus.


Leseempfehlungen zum Thema:

Osho – „Mut“
Elizabeth Gilbert – „Big Magic“ (wenns geht, dann die englische Version lesen)


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8 comments

  • Noch ein Buchtip: „Sorge dich nicht, lebe“ von Dale Carnegie. Er zeigt hier auf, dass 90 % aller Situationen, die dir Sorge bereiten, nie eintreffen. Es ist wichtig, sich mit seinen Sorgen und Ängsten auseinanderzusetzen, nur dann kann man sehen, ob sie begründet oder alte Glaubensmuster sind. Wunderbar geschrieben! ❤️

  • Ich bin ja auch immer so ein Angsthase, ein Grübler und Sorgenmacher. Und trotzdem schaffe ich es glücklicherweise immer wieder all das trotzdem zu machen, was ich gerne will. Da ist mein Fernweh definitiv immer größer als die Angst.

    Liebe Grüße aus Sri Lanka 🙂

  • Ich bin ja auch grad allein unterwegs und was die mitleidigen Begriffe betrifft, fühle ich mit dir. Hab mir hier gerade ein schönes Hotel gegönnt, einfach für mich allein, aber jeder hier, inklusive dem Personal, scheint zu glauben, dass ich sitzen gelassen wurde…und ich muss zugeben, dass ich vor großen Reisen auch nervöser werde…das war vor ein paar Jahren noch nicht so (oder ich hab es über die Reisefreude verdrängt…)

    • Schlimm, oder? Manchmal frage ich mich auch, wenn man mit Kamera-Equipment herumläuft und das Frühstücksbuffet fotografiert (wie es in meinem Fall war), warum die Leute zumindest nicht vermuten, dass man beruflich unterwegs sein könnte/zum Hotel gehört/Journalist oder etwas dergleichen ist 🙂 Aber es bleibt bei den mitleidigen Blicken – oder zumindest den verständnislosen, so geht es mir meist bei Paaren 🙂
      Viel Spaß dir noch!

  • Oh man gern wäre ich auch mal so „mutig“ … Single in München und hab Fernweh … kann all deine Gedanken so gut nachvollziehen , aber den Schritt mit dem loslegen schaff ich leider nicht … werd mir dein Buch sicher kaufen vielleicht bringt es ja den nötigen Restmut Lg Anja

    • Liebe Anja,

      probier’s einfach mal aus! Vielleicht mit einer Destination, die du unbedingt sehen möchtest. Bei mir wars die Karibik und selbst, wenn ich mich am Anfang manchmal alleine gefühlt habe, war ich so glücklich, hier sein zu können, dass das Gefühl verschwunden ist. Oder du packst eine Freundin ein … oder du suchst einen ReisebegleiterIn online. Aber das Alleinreisen ist wirklich ne super Sache, auf die man im Nachhinein sehr stolz sein kann.
      Liebe Grüße!

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