Auf Instagram freuen sich alle auf den Herbst.

Für U., die für den Sommer lebt

Ich rede gerne über das Wetter. Ich finde, es ist ein sehr unterschätztes Thema und deshalb nutze ich persönlich es nämlich weniger zum Small-Talk, als viel mehr ganz generell.

Wetter. Ist doch irre faszinierend. In Berlin sieht’s ganz anders aus als in München, da gab es dieses Jahr gar keinen Sommer, dafür konnte man zur Arbeit schwimmen, und die Stadt ist gar nicht mal so weit entfernt.
Ja, ich mag Wetter und, das gebe ich ehrlich zu, ich liebe den Sommer am meisten. Und weil ich auf Instagram, wo wir Social-Media-Menschen, die beim Internet arbeiten oder generell zu viel Zeit haben, alle abhängen, gefühlt die Einzige bin, die den Start des meteorologischen Herbstes beweint, widme ich dem Sommer einen Artikel.

Der Sommer dauert ja in Deutschland zwei Tage, darüber geschrieben habe ich schon einmal, und zwar letzten Sommer, an einem dieser zwei Tage, ich weiß nicht mehr genau, welcher es war.

Die Erwartungen sind hoch, ungefähr drei Eisballen über der Waffel, und deswegen sind alle, am Ende vor allem er selbst, immer ein wenig überfordert. Freie Zeit wird durchgetaktet, der Gedanke ist anstrengend, die drei Stunden nach Feierabend noch genießen zu müssen, nichts mitbringen zu dürfen außer der guten Laune, für nichts ist Platz außer für ihn, aber das reicht doch zwei Tage, um glücklich zu sein, sagen wir uns dann, und schieben den Rest unseres Lebens ganz kurz beiseite.
(Aus Zwei Tage im Jahr)

Und als ich kürzlich die Kolumne „Übers Wetter weinen, das Leben meinen“ von Sibylle Berg gelesen habe, in der sie über den Sommer spricht, wie er früher einmal war, wie er in der Erinnerung noch heute riecht nach verfaultem Obst und Heuballen, da stellte ich schmerzlich fest, dass der Sommer ja weitestgehend in der Erinnerung existiert. Wann wird’s mal wieder richtig Sommer, sang Rudi Carrell 1993, und diese Frage stelle ich mir fast jedes Jahr. Wenn ich zurückblicke, erinnere ich mich vor allem an das Jahr 2006, das Jahr, in dem ich meinen Abschluss am Gymnasium machte, Deutschland fast Weltmeister wurde und mein Hund einen flotten Kurzhaarschnitt trug, weil er hechelnd auf den Kellerfliesen lag und mit seiner bloßen Existenz beschäftigt war. Daran erinnere ich mich, das fühle ich mit einer sagenhaften Wehmut.

„Man denkt an früher, an die Ferien, und es war heiß. Und meistens irgendwie auch Kindheit, Jugend und Unendlichkeit. Die Sommer dauerten gefühlte Jahre und bestanden aus Unsterblichkeit. Er war Urlaube mit Hitze und Langeweile, Wandern oder am Meer mit den Eltern, und nur darauf warten, dass die endlich, endlich weg sind.“
(Aus „Übers Wetter weinen, das Leben meinen“, Sibylle Berg, erschienen auf Spiegel Online)

Wenn ich das Wort Sommer höre, wird alles in mir neu belebt. Ich schwelge sofort in den allerschönsten Kindheitsmomenten. Ich denke daran, in Spanien am Pool mit den Hintergrundgeräuschen herumrennender Kinder eingeschlafen zu sein, und doch rechtzeitig mit dem Handtuch von meiner Mutter zugedeckt zu werden. Und trotzdem am Abend eine rote Nase zu haben. Sonnenmilch, braungebrannte Haut, wie ich sie nie wieder hatte, das Gefühl von purem am Leben sein. Auf Bäume klettern und darauf Häuser bauen, auf asphaltierten Wendeplatten mit Kreide malen, aufgeschlagene Knie und in einem Sommer neun Zecken, eine davon im Bauchnabel. Später dann mein erster Urlaub ohne Eltern, in Rimini, die heißeste Woche überhaupt, mit einer Klimaanlage im Zimmer auf 17 Grad gedreht, der Nebel kroch unter dem Türspalt hervor, ich wusste es nicht besser.

Der Sommer ist in unseren Breitengraden viel mehr als nur Wetter, einfach, weil er so selten vorbeikommt. Er ist eine sagenhafte Erinnerung an das schöne und freie und mutige und glückliche Leben da draußen, in dem man plötzlich mittendrin steht, wenn es Sommer ist.
Heute, am 01. September, freuen sich so viele auf den Herbst. Auf Kürbissuppe. Und auf das bunte Laub. Und darüber, dass es endlich mal etwas abkühlt. Als ich das nun immer wieder gelesen habe, wurde ich stutzig. Hat mein Instagramfeed die letzten Monate auf Tobago verbracht? Denn der Sommer hier, also naja, das waren eben zwei richtig heiße Tage. Einen haben ich am See verbracht, den anderen im Naturbad.

Was ich mit dieser Liebeserklärung an die für mich schönste Jahreszeit sagen will ist: Lasst ihm doch mal ein bisschen Zeit. Diejenigen, die sich Mitte August auf den Lieblingskuschelpulli freuen, tun ja gerade so, als hätten wir zehn Monate Dauerhitze und endlich würden uns zwei Monate zum Abkühlen bevorstehen. Der Sommer wird, zumindest gefühlt, immer kürzer und wer weiß, wie sich das Wetter noch verändert. Bis dahin ist es genau andersrum: Wir können zehn Monate den Kuschelpulli tragen, Fotos von Regentropfen an Fensterscheiben machen, Netflix gucken, heißen Kakao trinken, irgendwas sammeln und bunte Blätter trocknen, weil sie sich so gut machen in dem neuen Buch. Und schließlich auf Instagram, denn darauf kommt es wohl an – der Herbst ist schlichtweg fotogener. Weniger verschwitzt und kurz und knapp, sondern schmeichelnd und mit verwaschenen Farben, wie sie kein Filter besser hinbekommen würde. Deshalb, und aus vielen anderen Gründen, bin ich erst recht und immer wieder:
Team Sommer. Ab heute dann wieder in meiner Erinnerung.

 

Hallo, Herbst.

3 comments

  • Sommer ist Wehmut, Nostalgie, viel mehr als Herbst und Winter.

  • Hallo Anika,
    ein sehr schöner Beitrag. Ich liebe auch den Sommer und finde schade, dass er jetzt vorbei ist. Aber ich freue mich trotzdem auch auf den Herbst, auf die schönen bunten Blätter, sich in eine Decke einzukuscheln und eine heiße Tasse Tee zu schlürfen und auf die Sonnenuntergänge, die wie ich finde im Herbst am schönsten sind 🙂

    Liebe Grüße

    Pascale

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