Bist du noch da? | Usedom und ich

Das erste Mal, als ich mir vollkommen bewusst war, dass ich alleine meine Sachen packen und losziehen würde, war im Sommer 2010, als ich nach Kalifornien geflogen bin. Danach, im Frühjahr 2011, bin ich 300 Kilometer des Jakobsweges gelaufen.

Auch da war mir in der Nacht vor dem Flug klar, dass das ein Abenteuer nur für mich sein würde. Ich es nicht automatisch teilen könne, sondern bewusst Mitmenschen dazu einladen müsse. Und, dass ich mit mir alleine zurecht kommen würde, denn ich hatte sowieso keine Wahl.

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Und jetzt, das dritte Mal, da sitze ich in Krummin, Usedom. Ein hübscher, verschlafener Ort, an dem ich entweder nichts höre oder, nur manchmal, ab und an, den Wind. Ein Schaf. Den Hahn am Morgen. Am Hafen höre ich das Wasser. Das war’s. Ich bin alleine und während ich diese Feststellung mache, frage ich mich, was den Unterschied zur Einsamkeit macht.

Ich kenne so viele Menschen, die behaupten, sie bräuchten ab und an Zeit für sich. Oder Leute, die angeblich gut mit sich alleine klar kommen. Zumindest behaupten sie das. Was die meisten aber damit meinen ist, an einem verregneten Sonntag in der Badewanne zu liegen und das Handy in den Flugmodus zu schalten.
Sie führen sich ab und an selbst ins Kino aus, weil es ziemlich lässig ist, sich einen Art-House-Film alleine und schweigend anzusehen. Eine hübsche Bahnfahrt durch die pittoreske Landschaft der Alpen bringt sie wieder ganz zu sich.

Hashtag: Happy solitude, wie mir mein Exfreund mal so treffend geschrieben hatte, als ich nicht verstand, warum er die Gesellschaft mit sich alleine mir vorzog.

 

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Ich weiß nicht, ob es anmaßen klingt, und ehrlich gesagt ist mir das auch egal, aber wir, wir alle, wir haben doch überhaupt keine Ahnung, was es bedeutet, alleine zu sein. Wir haben immer ein Telefon griffbereit, wir finden Freitagabend immer jemanden, der mit uns um die Häuser zieht und wenn alle Stricke reißen, dann haben wir innerhalb weniger Stunden ein Tinderdate. Fürs Ego versteht sich.

Alles, was wir tun, ist, vor dem Alleinsein zu fliehen und wenn wir wirklich mal ausbrechen müssen aus der Dauerkommunikation, dann sagen wir großspurig, dass wir gerne mal für uns sein würden. Das täte ja so gut.

Ich weiß bis heute nicht, ob ich wirklich alleine sein kann, denn das ist ein Zustand, der meiner Meinung nach nicht unbedingt an einen zeitlichen Rahmen festgezurrt ist.
Natürlich kann ich drei Stunden wandern gehen und mich nach niemandem sehnen. Und ich kann auch ein ganzes Wochenende im Bett verbringen und mich dem bittersüßen Nichts-Tun hingeben. Aber ist es nicht meist so, dass wir danach erst recht nach sozialen Kontakten lechzen, um den Akku mit der Warnblinkanlage auf drohende Vereinsamung wieder aufzufüllen? Und haben wir später nicht oftmals das Gefühl, eventuell etwas Großes verpasst zu haben?

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Ich persönlich bin mit mir selbst schon durch Einsamkeit gegangen. Denn Einsamkeit ist ein Gefühl, das dich erschlagen kann, obwohl du einen gut vernetzten Freundeskreis, eine Partnerschaft und liebende Eltern hast. Sie kann einfach da sein und wenn sie sich neben dich setzt und ihr euch gemeinsam den Regen anhört, dann ist das Wichtigste die Akzeptanz. Die Akzeptanz dessen, dass du noch so cool und beliebt und was-weiß-ich sein kannst, aber dieses Gefühl vor absolut niemandem Halt macht. Ursache unbekannt, es sei denn, du schaust unter die Oberfläche.

Hier in Usedom, einem Fleckchen, das in seiner Schönheit übertreibt, mit all den satten Rapsfeldern und den Straßen gesäumt mit stolzen Linden, spüre ich zwar nicht Einsamkeit, aber das Gefühl des Alleinseins.

Etwas, das nicht von Anfang an leicht ist, denn eigentlich lebe ich nach dem Prinzip happiness only real when shared.
Ich brauche, zumindest auf Reisen, Menschen, mit denen ich meine Eindrücke teilen kann. Vielleicht ist auch das der Grund, warum ich nicht nur schreibe, sondern auch veröffentliche.

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Eins habe ich jedoch dabei gelernt: Wenn das Alleinsein zum Geschenk wird, dann schwinge ich mich auf das Fahrrad, dann kann es losgehen. Ich fahre über Wiesen und Wälder, sehe kleine Kälber, die über ebendiese hüpfen, Pferde, die sich im Gras wälzen, und komme ins Gespräch mit alten Menschen, die bewundernswert sind.

„Sagen Sie, wissen Sie, welche Bäume das sind?“
„Ja, Linden“, sage ich.
„Ach. Linden. Und wie alt?“
„Ich glaube, so um die hundert Jahre.“
Wir lächeln uns an.
„Ist das nicht wunderschön?“
Ich nicke. „Viel Spaß noch“, rufe ich und trete in die Pedalen.
„Ja, danke. Ich habe mich bereits komplett verfahren.“
Wir lachen.
„Das passiert mir bestimmt auch noch.“

Einer meiner Höhepunkte bisher, der Schwatz am Rande der atemberaubenden Allee Richtung Krummin, der sich in den Städten doch immer so gut vor uns versteckt.

Usedom ist ein Fleckchen in Deutschland, um ruhig zu werden. Um das langsame Reisen für sich zu testen. Vielleicht auch, um den Reset-Knopf für das eigene Leben zu finden. Die Zeichen auf Anfang zu stellen und, wenn irgendwie möglich, dieses Gefühl einzupacken und mit nach Hause zu nehmen.

„Sie ham keene Ahnung, wa?“, fragt sie mich und zwinkert mir zu. Dann drückt sie mir freundlich einen Zettel mit der Zahlenkombination für mein Rad in die Hand und ich antworte:
„Nein. Ich habe überhaupt keine Ahnung.“ Zum ersten Mal seit sehr langer Zeit.

Ich öffne das Schloss und fahre los.

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Vielen Dank für die Einladung von Usedom Tourismus. Meine Ansichten sind natürlich meine eigenen.

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