Warum ich mich bei mir selbst bedanke.

Als ich ein Teenager war, habe ich mir mein persönliches Erwachsenenleben ganz anders vorgestellt. Ich dachte nicht, dass ich mit dreißig Jahren noch weinend bei meiner Mutter anrufe, ich dachte, ich hätte bereits Kinder und sowieso alles erreicht, was ich erreichen wollen würde.

Das dreißigste Lebensjahr formte sich vor meinen unschuldigen Teenageraugen zu etwas, das kaum erreichbar schien, gleichzeitig jedoch schlummerte es da in dieser fernen Zukunft, es sollte meine Zukunft sein, und ich dachte, dass es noch so unglaublich lange dauern würde, bis ich dreißig sein würde, aber auch, dass ich bis dahin alles in meinem Leben geregelt bekommen hätte. Heute würde ich mein sechzehnjähriges Ich gerne fragen, was nun noch passieren sollte? Der Rest meines Lebens. Ein einziges Treiben in einem riesigen Pool, irgendwo, wo es immer warm sein wird?

Heute, vier Wochen vor meinem einunddreißigsten Geburtstag, bedanke ich mich vor allem für dieses letzte Jahr bei mir selbst. Mein Leben lang war ich damit beschäftigt, anderen zu danken, anderen nur das Beste zu wünschen, an andere zu glauben, in anderen das sehen, was ich in mir suchte, bis ich irgendwann den Mut fand, mich selbst zu erkennen. Zurückzublicken und darüber lachen zu können, dass ich damals dachte, mit dreißig nicht mehr bei Mama anrufen zu müssen, sondern alles selbst zu regeln. Oder finanzielle Probleme nicht zu kennen. Heute weiß ich, wie hart und gleichzeitig wunderschön das Leben sein kann. In den letzten Jahren, in denen ich stolz sagen kann, dass ich vom Schreiben lebe, und zwar nicht vom Texten irgendwelcher Zeilen irgendwelcher Produktbeschreibungen, sondern ich mir Projekte aussuchen darf, die mich vollkommen erfüllen, habe ich auch erfahren, wie es sich anfühlt, die Miete nicht zahlen zu können. Oder das Abendessen, das von Freunden organisiert wurde. Ich war mal an diesem Punkt, ich kenne ihn gut. So gut, dass mein Jammern auf Aussagen stieß wie „dann such‘ dir doch nen richtigen Job“ und mich das nur noch stärker pushte und einen Monat später sich wieder alles drehte.

Nein, ich stehe heute nicht da, wo ich damals dachte zu stehen. Und nichts könnte mich glücklicher machen als diese Erkenntnis. In vielen Bereichen fühle ich mich noch schwach, in vielen Bereichen falle ich auf die Schnauze und stehe erst langsam wieder auf, in anderen bin ich aber wesentlich weiter, als ich mir damals zu träumen gewagt hätte. Ich bin in den letzten Jahren durch die harte Schule der kreativen Selbständigkeit gegangen und das hat so manche Therapie ersetzt, denn gerade durch sie und durch das Gefühl, ganz allein auf weiter Flur zu stehen, habe ich gelernt, mich selbst wertzuschätzen, zu wissen, was ich kann und möchte, wo ich Schwächen habe, wie ich Grenzen abstecke, mich von Energiestaubsaugern (danke für dieses wunderbare Wort!) löse und die wunderbarsten Situationen in mein Leben lasse.

Ich hatte schon immer einen Hang zu einer gewissen Unbeständigkeit. Ich mochte schon immer den Nervenkitzel, nicht genau zu wissen, wie mein Leben am nächsten Tag weitergehen würde und auch wenn mit dem Alter der Wunsch nach Sicherheit öfter aufkeimt, mag ich die Herausforderungen meines Jobs nicht missen. Am Anfang meiner Zwanziger war die große Unbeständigkeit meines Lebens die Liebe und das Schreiben darüber. Die Ungewissheit der wichtigsten Emotion, das Suchen und Finden, der Schmerz, die Höhenflüge und das eigene Verlieren in alledem, ohne es mir einzugestehen. Mittlerweile bin ich fast sechs Jahre in einer Beziehung, das Thema ist also vom Tisch. Um mich anderen Ungewissheiten zu stellen, arbeite ich kreativ, selbstständig und unternehme jedes Jahr mehrere Reisen, manche davon klingen in den Ohren anderer vollkommen verrückt. Was mich also unterm Strich ausfüllt, ist zu wachsen und mich Herausforderungen zu stellen. Weil sie sowieso kommen. Weil das Leben sowieso immer anklopft und die nächste Hürde vor der Tür aufbaut – deshalb ist es ratsam, nicht auf dem Sofa zu sitzen und abzuwarten, bis es an der Tür klopft, sondern sie aus eigenem Antrieb heraus zu öffnen und die Hürden zu suchen.

Für das kommende Jahr habe ich mir deshalb etwas ganz Besonderes vorgenommen. Dieses Jahr erfülle ich mir Herzenswünsche. Kein Fallschirmspringen oder ein zweites Tattoo, sondern Dinge, die mich im Kern berühren, die ich wissen und erleben möchte und die mich fordern sollen. Ich möchte damit Danke sagen, dass ich gelernt habe, mir selbst die engste Vertraute zu sein. An mich zu glauben, auch wenn ich laut schrie, dass ich es nicht tue. So oft dachte ich, ich müsste umkehren, ich müsste einknicken und die weiße Flagge meinem eigenen Leben gegenüber hissen, aber immer wieder habe ich mich weiter durchgekämpft und verstanden, dass es im Leben nicht um große Sprünge, sondern um kleine Schritte geht. Und das in meinen Zwanzigern zu lernen, das hat mir manchmal schlaflose Nächte bereitet, mich aber gleichzeitig in den Startblock vom Rest meines Lebens katapultiert.

Wenn ich also in den letzten Jahren etwas gelernt habe, das ich weitergeben möchte, dann, dass wir uns mit Durchhaltevermögen und einer positiven Grundeinstellung unsere Wünsche erfüllen können. Und Dinge zutrauen sollten, in die wir noch hineinwachsen müssen, aber genau für diesen Prozess bereit sind. Wir unterschätzen uns in jeder Sekunde und haben keine Ahnung, welche Berge wir versetzen können, wenn wir an uns selbst glauben, und zwar in der Intensität, die wir für unsere Vorbilder empfinden.

In vier Wochen werde ich einunddreißig und fühle bei dieser Zahl rein gar nichts. Sie sagt für mich nichts aus, außer, dass die letzten zwölf Monate vorbei sind und ich sie tatsächlich genutzt habe, um meine Herzensstimme zu trainieren. An dem festzuhalten, wovon ich überzeugt bin: Was kann ich, was will ich lernen, was macht mich aus und was berührt mich? Und ich wünsche mir, dass alle, die das lesen, das auch bei sich selbst entdecken. Den Fokus in Zeiten, in denen das Leben unsagbar schwer erscheint, nicht im Außen zu verlieren, sondern heimzukehren, aufs Herz zu hören und das zu tun, was sich gut anfühlt. Darum geht’s, Freunde. Das öffnet Türen. Und das wünsche ich uns allen.

Fotocredit: Maximilian Heinrich

12 comments

  • Wow. Wunderschöner Text!
    Danke für diese Bereicherung!

  • ach liebe Anika. Deine Worte, die du ja in erster Linie ja auch für dich selbst schreibst, die treffen bei mir wie so oft, auf mehr als offene Ohren. Du sprichst ein so wichtiges Thema an und ich erkenne mich, auch wie so oft, in deinen Texten nur allzu leicht wieder. Das macht Mut und das beruhigt. Zu wissen, dass es da draußen immer noch Leute gibt, denen es ähnlich geht, die ähnlich fühlen, die ähnlich denken. Auch wenn man es manchmal nicht glauben kann.
    In diesem Sinne wünsche ich dir, dass du einen tollen Geburtstag haben wirst. Aber eines der schönsten Geschenke hast du dir ja schon selbst gemacht, nämlich die Erkenntnis, die du da oben schriftlich festgehalten hast.
    Liebe Grüße aus Neuseeland, ich versuche schon die ganze Zeit fleißig den Frühling zu euch zu schicken.

    • Das geht mir ganz genauso, deshalb plädiere ich immer dafür, Gefühle aufzuschreiben und zu veröffentlichen, damit andere sich darin wiederfinden können 🙂
      Streng dich gerne noch ein bisschen an, den Frühling herzuschicken. Ich weiß, es ist eine lange Strecke, aber es schneit hier!

  • Sehr inspirierend, Anika!

  • Mich bei mir selbst zu bedanken ist immer einer meiner Lieblingsaugenblicke nach dem Yoga. Und wirkliche eine gute Idee.
    Im Gegensatz zu dir hab ich mein Leben brav so durchgezogen, wie ich das mit 16 geplant hab.
    Abi: check.
    Studieren: check.
    Auslandsaufenthalt: check.
    Erster Job: Check. (okay, den hab ich alle paar Monate gewechselt bis ich was gefunden hab, was ich mochte, aber jedenfalls check).
    Heiraten: check.
    Kind mit spätestens 27: check. Yay.
    Krebs mit 29: Moment mal, äh..

    Wenn ich in zehn Monaten 31 werde, werde ich bei dieser Zahl eine ganze Menge fühlen und bei jeder einzelnen Zahl die danach kommt, auch: das Privileg, sie feiern zu dürfen. Mein Leben feiern zu dürfen.
    Und das machst du, finde ich, ziemlich geil. Herzlichen Glückwunsch dazu, weiter so.
    Deine Texte sind toll! 🙂
    Alles Liebe
    Mila

    • Liebe Mila, sorry, dass ich erst jetzt auf deinen Kommentar antworte! Wow, du hast ja echt schon einiges erlebt und gemeistert, Hut ab! Ich grüße dich und schick dir eine Umarmung!

  • Liebe Ani,

    was für ein wundervoller Text. Ich bin erst Anfang zwanzig und habe keine Ahnung wie mein Leben in zehn Jahren aussehen wird. Und ich hüte mich standhaft davor, mir irgendwelchen konkreten Pläne à la Haus, Kinder, Ehemann zu machen, weil ich weiß, dass es am Ende eh anders kommen wird, als ich es jetzt planen könnte. Das einzige Ziel, das ich habe, ist, weiter zu wachsen, mich persönlich weiterzuentwickeln und ich hoffe sehr, dass ich später auch einmal einen solchen positiven Text über mich selbst verfassen kann.
    Ich wünsche dir einen ganz wundervollen Geburtstag und schon einmal alles Gute <3

    Liebe Grüße
    Cora

    • Liebe Cora, sorry, dass ich dir erst jetzt auf deinen Kommentar antworte. Du hast das so schön zusammengefasst – „weiter zu wachsen“, ja darum gehts doch. Liebe Grüße an dich und eine Umarmung!

  • Liebe Anika,
    Diese Aussage „Such dir doch nen richtigen Job!“ kenne ich auch. Und ich bin genauso dankbar wie du, dass ich meinen richtigen Job bereits ausführe. Und nicht den, den andere für richtig halten. Tausend Dank für diesen bereichernden Text!

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