Die Generation der Füllwörter

Ich sitze hier mit Bauchschmerzen und muss mir extra sanfte Jazzmusik anmachen, damit ich überhaupt fähig bin, diesen Artikel zu schreiben. Denn ich bin so unglaublich wütend, dass es mich selbst verblüfft.

Eigentlich boykottiere ich die Huffington Post, aber über einen Artikel bin ich diesen Morgen gestoßen und fühlte einen sehr starken Drang, ihn zu lesen. „7 Gründe, warum die meisten Menschen Angst vor der Liebe haben“. Sieben Gründe, die mich nachdenklich stimmen und mentales Kopfnicken verursachen. Jeder einzelne Grund ist nachvollziehbar und leider in meinem derzeitigen Umfeld mehr als deutlich in die Realität umgesetzt zu beobachten.
Wahre Liebe macht uns verletzlich. Neue Liebe bricht alte Wunden auf. Liebe weckt Existenzängste.

Ich sehe Beziehungen, in denen einer von beiden kategorisch auf Distanz gehalten wird. Ich bekomme mit, wie einer auf Reisen geht und der andere nicht mitkommen soll. Oder zumindest nicht zu lange. Was auch immer zu lange bedeutet. Oftmals wird das gar nicht ausgesprochen, aber die Blicke während der Stille und die pseudo-lustigen Sidekicks, die allen Beteiligten am Tisch nur noch mehr verdeutlichen, wie da einem der Panikschweiß auf der Stirn steht, zeigen das mehr als deutlich. Das Nicht-Ansprechen der Problematik ist nicht das Schlimme, sondern das eher unbewusste Weiterschleppen der eigenen Ängste und Sorgen, ist der Punkt, der Beziehungen heutzutage in die Knie zwingt und letzten Endes meist das Genick bricht.

Was ich vor allem sehe – und das ist keine Pauschalisierung, weil das hier eine Kolumne ist und manchmal heißt, wir Kolumnisten müssten ja pauschalisieren – sind Männer, die wundervolle Frauen an ihrer Seite haben, aber abends nicht nach Hause kommen. Und ich sehe Frauen, die das alles und ständig mit sich machen lassen. Frauen mit geringem Selbstwert, deren Uni-Abschluss und bildhübsches Gesicht nichts zählt, sobald der Mann ihrer Träume wiedermal eröffnet, dass er sich melden würde und es dann eben doch nicht tut. Frauen, die mit Anfang 30 zu hören bekommen, dass sie langsam mal an die Kinderplanung gehen sollten, der Zug würde nicht ewig still stehen. Und sie dabei merken, dass sie noch nicht mal eine Fahrkarte haben, was viele von ihnen – egal, ob sie es wissen oder nicht – in eine tiefe Traurigkeit stürzt. Und da frage ich mich, in was für einer seltsamen Gesellschaft wir angekommen sind. Noch unsere Eltern waren mit Anfang 20 verheiratet und hatten in meinem jetzigen Alter schon mindestens ein Kind. Und obwohl ich überhaupt nicht von der alten Schule bin und mich selbst nicht bereit fühle für Hochzeit und Kinder, so frage ich mich wirklich, wie sich innerhalb einer Generation so vieles verschieben kann. Die Werte. Die Vorstellungen von Liebe. Das Miteinander.

Das ist keine Frage vom eigenen Päckchen, welches jeder zu tragen hat. Wir alle passen in mindestens einen der im Artikel genannten sieben Gründe. Die meisten von uns – ich eingeschlossen – in mehr als einen. Aber wo ich und ein paar andere oftmals alleine auf weiter Flur stehen, ist das Hineinwerfen in einen anderen Menschen ohne Punkt und Komma, ohne Widerstand, aber mit verdammt viel Angst. Und warum tut man das trotz der überwältigenden Angst? Ja, vielleicht, weil es um nichts anderes geht in diesem Leben. Angst haben. Angst überwinden. Belohnt werden. Lieben. Und weil ich nichts davon habe, von all den Füllwörten wie irgendwie, eigentlich, naja, manchmal, sozusagen, quasi.

Und deswegen bin ich es so unglaublich leid, zu hören, wenn mir wiedermal jemand sagt, er sei doch noch so jung, es reicht, wenn er seine Freundin nur ab und an sehe. Oder wenn ich ein Mädchen sagen höre, dass sie sonntags ihren Freund nicht in ihrer Wohnung brauche, weil sie da meist verkatert und ungestylt auf dem Sofa gammeln würde. Dann wünsche ich mir, dass genau die beiden zitierten Menschen sich finden, damit sie aufgeräumt sind. Und niemandem, der weiter ist als sie, das Herz brechen können. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie verstehen, dass es scheiß egal ist, ob sie sich heute den verdammten Lidstrich gezogen hat oder nicht. Liebe kennt verkaterte Augen. Auch kennt sie hässliche Tage. Aber kein schlechtes Timing. Und auch nicht zu viel Zeit. Meine Güte, zu viel Zeit?

Allerdings kann Liebe nicht entstehen, wenn einer auf Abstand gehalten wird. Wenn sie denkt, sie müsse sich erst mal schminken, um ihm zu gefallen. Vielleicht denkt sie das, weil er es ihr so zeigt. Und damit schließt sich wieder einmal der Kreis von vielen heutigen Beziehungen in den 20ern. In den Hauptrollen meist ein Mensch, der verliebt ist und einer, der es auch ist, sich allerdings nicht traut.

Copyright Foto Lena Peter

15 comments

  • Wow! Toll geschrieben und (leider) so wahr

  • Habe mir gerade deine Kolumne durchgelesen und finde, dass du in sehr vielen Punkten den Nerv triffst. Ich erkenne mich auch in so ziemlich allen Punkten wieder, dachte fast du schreibst über mich 🙂
    Aber in einem Punkt muss ich widersprechen, auch wenn du das wohl anders sehen wirst: Zeit. Meiner Erfahrung nach wird sehr oft verlangt, sein bisheriges Leben fast komplett aufzugeben wegen der Partnerin. Da sollen Hobbies, Freunde, Leidenschaften, Vereine etc. fast komplett zurückgestellt werden. Wenn ich von sieben Tagen in der Woche fünf berufstätig bin, und zwei Tage am Wochenende zur Verfügung habe, MUSS ich diese beiden Tage aufteilen. Dass ich beide Tage mit der Freundin verbringe, kostet wirklich zu viel Zeit. Denn mir liegt auch etwas an meinen Freunden und meinem Hobby dem Fußball. Ich hab auch noch ein anderes soziales Leben. Ich will weggehen und meinen Spaß haben und das auch ohne Freundin. So viel Zeit muss eine Partnerschaft auch gewähren können.

    • Da gebe ich dir vollkommen Recht! Ich möchte auch keine Haarspalterei betreiben, aber wenn man fünf Tage die Woche arbeitet, heißt das automatisch, dass man sich nicht abends mal auf ein Glas Wein treffen kann? Oder gehen wir alle um 8 ins Bett? Und wenn du Fußball spielst, dann kann sie ja zuschauen und danach geht man gemeinsam nach Hause. Ach, es könnte doch alles so einfach sein, oder nicht? 🙂

      • Dazu muss man aber zumindest den Arbeitsplatz da haben wo man auch hauptsächlich wohnt. Zumindest bei mir ist es so, dass ich von Mo-Fr in einer Zweitwohnung bin und nur Wochenends zu Hause.
        Vielleicht funktioniert das ganze ja tatsächlich so leicht. Vielleicht liegts ja bei mir daran, dass ich bisher noch nicht die Richtige kennengelernt habe mit der ich unbedingt jede freie Minute verbringen möchte. Ich bin dann schon mal froh wenn ich mal mit meinen Kumpels allein einen Abend verbringen kann.

  • Ich glaube, Loddar trifft es auf den Punkt. Oft ist das Problem unserer Generation, dass wir uns so oft nicht an einem Ort befinden. Da hat man dann nur noch das Wochenende – und ich gebe euch Recht, man darf seine Freunde und Hobbys trotz Verliebtheit nicht aufgeben, denn wenn es eine lange, stabile Beziehung werden soll, dann sollte man seinen Charakter vorher nicht komplett verdreht haben, sondern man selbst bleiben. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass auch die beste Fernbeziehung irgendwann – nach Jahren! – an der Entfernung zerbricht. Deswegen (und das war bei unseren Eltern nicht so) muss heute immer einer zurückstecken und irgendwann irgendwo neu anfangen, dass man zusammenleben kann. Das widerspricht dann aber wieder dem, was wir gelernt haben: Wir haben alle Möglichkeiten, jeder kann selbst bestimmen. Wenn ich dann meinem Freund hinterherziehe (hab ich für die 2. Beziehung getan), wird das von Außenstehenden erst einmal als Niederlage angesehen. Nach 4-5 Jahren jetzt kann ich aber sagen, es war die absolut richtige Entscheidung.
    Lg, Marlene von verrueckteshuhn.wordpress.com

    • Danke, Marlene!

      Meine Kolumne sollte auch generell nichts mit einer Fernbeziehung zu tun haben, sondern mit der Egozentrie, die oftmals innerhalb von Partnerschaften zu finden ist. Dass man manchmal räumlich getrennt ist und trotzdem alles und alle unter einen Hut bringen möchte, ist für mich eine ganz andere Geschichte 🙂
      Ich finde es eher komisch (und das beobachte ich eben viel), dass man jemanden bewusst auf Abstand hält oder eben ständig Pläne alleine schmiedet.

  • Was für ein toller, inspirierenden Artikel! Mir hat es in jedem Fall einen Denkanstoß gegeben, auf den ich in der ein oder anderen Situation bestimmt mal zurückgreifen werde 😉

  • Für mich kam und käme so ein Leben der gewollten Distanz nicht in Betracht. Warum sollte ich eine Beziehung haben und dann meine Freizeit alleine mit anderen verbringen wollen? Ich möchte nicht mehr Zeit in meinem Leben mit dem Kollegen im Büro verbringen als mit meiner Frau.
    Aber dies ist ein Lebensentwurf für uns zwei und trifft wohl nicht mehr auf viele zu. Aber wir haben auch gemeinsame Interessen und Träume und sind zusammen in die Fremde gegangen und haben damit auch gemeinsame Freunde. Und die ticken eher so wie wir. Dort ist kaum einer, der/die unbedingt alles alleine machen möchte.

    Achja, und unser Modell funktioniert sehr gut, wir sind heuer 18 Jahre zusammen und davon 11 Jahre glücklich verheiratet.

  • Vielleicht ist es radikal, aber ich denke mir bei Leuten, die den gemeinsamen Urlaub von 14 Tagen bereits als „anstrengend“ bezeichnen, dass sie nicht zusammenpassen und darum wohl auch nicht zusammengehören. Es sollte doch ein Geschenk sein, Qualitäts-Zeit miteinander verbringen zu können.

  • […] euch, die meine Texte seit 2011 lesen, werden festgestellt haben, dass es hier derzeit die typische Anika-Kolumne seltener zu lesen gibt. Nur ab und an, wenn ich mich kaum halten kann und meinen Emotionen die […]

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