Ein alter Freund. Eine Geschichte vom Meer

Der Horizont schwankte, nichts half. Die Flasche war so schwer, dass sie mich noch schneller nach unten zog, schon war ich wieder oben, schon schnappte ich wieder nach Luft.
Ich liess die Luft aus der Tarierweste, ich hielt das Seil des Ankers fest und hangelte mich nach unten. Meine Ohren schmerzten, ich atmete sanft über sie aus. Der Schmerz verschwand, er kam wieder, ich atmete wieder, er ging wieder. So einfach.
Ich war unten angekommen, Sand zwischen meinen Fingern. Selbst hier, 12 Meter unter der unruhigen Oberfläche schwappte das Wasser hin und her, die feinen Algen vor mir tanzten.

Das Meeresrauschen ist ein alter Freund. Klopft immer auf die Schulter, egal, wie beladen sie ist. Streicht immer durchs Haar, bevor man vergisst, warum man eigentlich hergekommen ist. Wer das Gefühl von Umarmung braucht, eins, auf das Verlass ist, kommt hierher und lässt sich drücken und guckt ein bisschen und schaut einfach, was passiert. Die Ruhe ist überall die gleiche, nie dieselbe, ein bisschen Raum ist immer da. Ein alter Freund ist immer da.

Das Riff vor mir, so riesig, dass ich die Orientierung verlor. Unten, oben, OK. Ich ließ es links von mir, manchmal zuckte es in meinen Armen und ich machte Schwimmbewegungen. Ich war zu aufgeregt, um sie nicht zu benutzen.
Rechts ein paar Clownfische, Harlekingarnelen krabbelten unter mir. Die Korallen sahen aus wie Stücke von Gehirnen, weich waren sie sicherlich. Und lila, andere steinfarben, breit gefächert wie ein endloser Teppich. Ich ließ etwas Luft in meine Weste, ich hatte immer noch Angst, nicht gut genug zu tarieren und irgendwo anzustossen. Die leichten Kratzer an meinen Beinen vom ersten Tauchgang hatten Monate gebraucht, die Korallen brauchten für immer.

Einen alten Freund betrügt man nicht. Wenn er immer da ist, wo man ihn erwartet zu sein, wenn er erfüllt, was er schon Tage vorher verspricht. Es gibt nicht viele Dinge, auf die man sich verlassen kann. Geben und Nehmen ist ein so altes Gesetz, es sind die Dummen, die denken, sie könnten die Waage verschieben und es würde funktionieren. Vielleicht noch für sie, ja, vielleicht ganz knapp noch für sie, ein paar Jahre noch, doch dann ist er anders, der Freund, ist uralt, geht am Stock, und ist schließlich weg, bevor wir es hätten verhindern können.

Mein eigener Atem beruhigte mich. Ich vergaß ihn hier unten nicht, überhaupt war hier alles so viel einfacher. Atmen und sich an die Regeln halten, und je gleichmässiger ich atmete, desto länger konnte ich bleiben. Ich konnte mein Leben steuern, ganz so, wie ich es wollte. Es gab nur eine Handvoll Regeln, allerdings die Art von Regeln, die nicht dazu da waren, gebrochen zu werden.
Jeder hat hier seinen Platz, das Gesetz funktioniert. Ein Oktopus kann lernen, er kann sogar einen Deckel von einem Becher abschrauben, wenn sich darin seine Beute befindet. Korallenriffe sind bereits 25 Millionen Jahre alt. All das habe ich heute gelernt. All das weiß ich jetzt.

Das Meer ist ein alter Freund. Einer, der sich längst verändert hat. Einer, den man nicht nur einfach auf Durchreise besucht. Einer, bei dem man bleiben möchte. Die Voraussetzung ist allerdings, dass auch er bleibt.


ios_anidenkt_meer

kerala_hausboot3

naturhafen_krummin

kinder_mauritius_anidenkt

katamarane

bristol_kanal2

sonnenuntergang_indien_somatheeram

sonnenuntergang_mauritius

img_8696

Mehr über das Meer gibt es hier.

 

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

Merken

One comment

  • […] Es klingt vielleicht anstrengend, mehrmals die Woche den Zug zu nehmen, um in einer anderen Stadt Vorlesungen, Seminare und Workshops zu besuchen, aber in jeder Großstadt wäre eine halbe Stunde U-Bahn nicht der Rede wert. Außerdem bin ich gerne unterwegs und da wir meistens eine Gruppe an Leuten aus meinem Studiengang sind, die zusammenfahren, ist die Zugfahrt reines Entertainment-Programm. Es gefällt mir, mein Leben auf zwei Städte auszudehnen – vor allem, weil ich eigentlich Großstädte und Distanzen gewohnt bin. Falls ich mal Lust auf genau das habe, ist Malmö – die drittgrößte Stadt Schwedens – nur zehn Minuten von Lund entfernt. Und obwohl Malmö im schwedischen Maßstab als Großstadt zählt, ist es wirklich süß und schön und gemütlich und vor allem am Meer. […]

Join the discussion

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.