Fernbeziehungs-gesamtsituation.

Hier sitze ich. Manchmal zwischen Missverständnissen. Einem Übertragungsbild, bei dem sich oft nur erahnen lässt, dass es sich um den Menschen handelt, mit dem ich eigentlich jede Nacht mein Bett teile. Die Leitung rauscht, weil die Verbindung wiedermal schlecht ist. Wir legen auf.

„Du fehlst mir sehr. Schau mal, wer mich heute beim Zähneputzen besucht hat.“ Daraufhin eine Bilddatei. Ich öffne sie und sehe einen Gecko an den Badfliesen kleben. Ich muss lachen und schreibe „oh, un grande gecko!“ und mir fällt ein, dass morgen meine dritte Spanischstunde ansteht und ich noch einiges wiederholen sollte.

Das ist ein Ausschnitt meines derzeitigen Lebens. Mein Freund ist knapp 10.000 Kilometer weit weg. In Kolumbien. Und das nicht für eine Woche oder einen Monat, sondern für ein ganzes halbes Jahr. Habe ich schon erwähnt, dass ich kein ausgesprochen großer Fan von Fernbeziehungen bin?

Gut, wem is‘ schon nach Fernbeziehung? Wer schreit laut hier, wenn die vergeben werden? Diejenigen, die seit Jahren in einer stecken, finden natürlich auch gute Aspekte daran. Sie müssen welche finden, um die Beziehung trotz aller Hürden und Durststrecken nicht nur zu meistern, sondern auch genießen zu können. Für mich ist das mehr als schwierig. Schon einmal ist mein Partner nach fünf Jahren Beziehung ins Ausland gegangen. Wir hatten es nicht geschafft, dieses Jahr zu meistern und ja, um ehrlich zu sein, aus dem Grund heraus, dass wir schon lange vorher gescheitert waren. Don’t blame it on the Ausland, schon klar.

Nun sieht es etwas anders aus. Es passt. Alles passt. Also habe ich beschlossen, ihn ziehen zu lassen, weil ich ganz genau weiß, dass er zurückkommen wird. Und weil ich selbst immer wieder meinen Koffer packe, ich bin also die Letzte, die Fernweh nicht versteht. Ich weiß auch, dass er genauso nachts wach liegt und sich nach mir sehnt, wie ich es tue. Und nicht wage, mich umzudrehen und die leere Bettseite anzustarren.

„Sieh‘ es als Chance, dass du nun Zeit hast, die Dinge zu tun, die du tun willst.“ Bei diesem Satz, der mir vor Monaten immer wieder um die Ohren geknallt wurde, hätte ich mich am liebsten übergeben. Immer wieder habe ich mich gefragt, was diese Menschen für Vorstellungen von einer funktionierenden Beziehung hatten? Ich hatte noch nie das Gefühl, irgendetwas nicht machen zu können. Im Gegenteil.

Und umso hilfloser stehe ich nun da, habe nur ein halbes Herz zur Verfügung, die andere Seite ist irgendwie taub und sitzt in der Skypeleitung fest.

Was ich allerdings einräumen muss ist, dass ich mich nun weniger ablenken lasse und auch mal gerne einen Freitagabend schreibend verbringe. Denn leider schließt da niemand mehr die Tür auf, ruft „Hallo“ und ist bereit für die Abendplanung. Ich muss mich daran gewöhnen, mich wieder aktiv zu verabreden, um Gesellschaft zu haben. Natürlich habe ich das vorher auch gemacht, aber wenn man zusammenwohnt, profitiert man von einem unglaublichen Geschenk: Die liebste Person um sich zu haben. Reden, schweigen, Wein trinken und eine Hand spüren, die durchs Haar fährt, während man einschläft.

In ein paar Wochen fliege ich zu ihm. Deswegen lerne ich auch gerade Spanisch, obwohl auf meiner Liste ganz oben Italienisch stand. Aber wer weiß, vielleicht hänge ich das einfach noch dran. Nach vier Wochen Kolumbien, geht es für mich für knapp drei Wochen nach New York und Toronto weiter. Wenn schon, dann so, und alles auf einmal, bitte.

Also ja, ich räume ein, dass aus Albträumen Träume und daraus sogar konkrete Pläne werden können, weil sich die Umstände verändern. Und ich fange langsam an, die positiven Seiten an dieser langen Trennung zu sehen:

Am Valentinstag habe ich eine ausverkaufte Lesung in München gehalten. Meine allererste, eigene Lesung. Und weil er der Mensch ist, der für viele dieser Kolumnen Inspirationsquelle war, hat er darauf bestanden, via Skype zugeschaltet zu sein. Er saß mir in der ersten Hälfte sozusagen im Rücken und stärkte mich virtuell. Hah, willkommen in einer unfassbar vernetzten Welt.

In der Pause brach die Leitung zusammen. Und ich kam zu meiner letzten Kolumne, die ich mit den Worten ankündigte „Ich wollte sie eigentlich nicht lesen, weil ich Angst hatte zu heulen. Aber wenn ich weinen muss, dann müsst ihr einfach alle mitmachen.“ Natürlich brach meine Stimme und für einen Moment war mir das unglaublich unangenehm. Sich so zu entblößen, vor allem in diesem Augenblick auch eher unfreiwillig, ist eben kein Kinderspiel. Aber ich weiß ebenfalls, dass ich noch nie so viel Aufmerksamkeit und Unterstützung für meine Arbeit bekommen habe, wie in diesen letzten Minuten meiner Lesung.

Und damit sei wohl wieder einmal bewiesen, dass die größte Furcht sich zumindest manchmal in etwas sehr Schönes verwandeln kann. Mit Tränen in den Augen und einem Lächeln im Gesicht sitze ich nun hier und betrachte meine Zukunft.

Es ist nicht alles schwarz, was traurig macht. Da ist so viel grau, für das es sich lohnt, hinten im Eck ein Licht anzuknipsen.

 

(Bildquelle: Ispaylar Photography)

 

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10 comments

  • Sehr sehr sehr schön gesagt 🙂

  • „Es ist nicht alles schwarz, was traurig macht…“ – So schön gesagt. Ein sehr schöner Text.

  • Gefällt mir sehr, dein Blog.

  • Vertrauen ist der Grundstein unseres seins. Ohne das Vertrauen darin, dass morgen die Sonne aufgeht, dass morgen der Wind ueber das Meer weht, dass wir unseren Magen fuellen… ohne Vertrauen in unser Handeln – wo wuerden wir heute doch sein..

    Mein Vater wurde damals, vor ueber 30 Jahren, zum griechischen Militaer eingezogen. Es gab Telefone, aber kein Skype. Es gab Briefe, doch wer versprach ihm schon in der Kaserne, dass die Briefe meiner Mutter ihn erreichen…

    Er musste Vertrauen, dass er nach 21 Monaten wieder das Strahlen dieser Frau sehen darf, die mit ihm gemeinsam und damit der Welt – drei Soehne schenkte.

    Er musste jeden Abend wie du, alleine im Bett liegen. Doch er war nicht alleine, denn im Herzen siegte das Vertrauen, dass er nicht auf etwas wartet, sondern schon laengst angekommen war. Bei einem anderen Menschen im Herzen.

    Da drinnen bleibst du fuer immer – sobald der andere deinen Wert zu schaetzen ehrt. Wenn der andere sich sagt> Ich lebe mein Leben und vertraue darin, dass sich Pfade und Wege fuegen werden. Die gemeinsamen Schritte im Takt unserer Gedanken verschmelzen, wir flanieren – im selben Tempo, am selben Ort, in die selbe Richtung.

    Keine digitale Vernetztung kann Herzen so verbinden, wie es der Glaube an die Liebe doch zu schaffen scheint.

    Jetzt denkt er an dich, waehrend du an ihn denkst. Keine Entfernung kann das veraendern, denn wenn Augen geschlossen bleiben, dann ist es das Vertrauen in den anderen, dass uns fuehlen laesst – das wir doch ganz nah sind, gemeinsam eins, egal wann und wo.

    Und wenn es auch weh tun kann, so bleibt es immer der Schmerz, der uns fuehlen laesst, wie lebendig wir doch sind…

    Enjoy it!

    Gute Reise, liebe Anika.

    Alexandros Tsachouridis

  • Jetzt weiß ich, warum ich das Lesen dieses Textes, der schon seit Wochen in meinem Feed auf mich wartet, so lange aufgeschoben habe. Weil er rührt und traurig macht und glücklich gleichzeitig und bewegt, auf eine Art, für die ich in den letzten Tagen und Wochen kaum Muse gehabt hätte. Jetzt ist Sonntag und ich sitze eingerollt im Sessel, kann die Sehnsucht nachspüren und nicke. „Immer wieder habe ich mich gefragt, was diese Menschen für Vorstellungen von einer funktionierenden Beziehung hatten? Ich hatte noch nie das Gefühl, irgendetwas nicht machen zu können. Im Gegenteil.“ – Genau so. Meine letzte Fernbeziehung ist auch nicht an dem „Fern“ zerbrochen, aber leider war es das, was die Leute immer sofort dachten wenn sie von der Trennung hörten. Fernbeziehung kann funktionieren, wenn die Zeit abgesteckt ist sowieso, aber man wird sie wohl trotzdem manchmal verfluchen dürfen. Vor allem, wenn die Skypeverbindung knarzt.

  • […] Staffel von Gilmore Girls, als Rory ihren Freund Logan verabschieden muss, weil sie mitten in einer Fernbeziehung stecken. Sie verfängt sich in einem Monolog darüber, wie kurz die gemeinsame Zeit war, warum es […]

  • […] Warum ist Liebe, ist Leidenschaft, schlicht und ergreifend. Nenn es kitschig, mir egal. Zusammengesetzt aus so […]

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