Was ich mir wünsche ist etwas von Frauen für Frauen.

Ich habe eine Freundin, die unterschiedlicher wie ich kaum sein könnte, und die mir trotzdem unglaublich nahe ist. Sie wird nächsten Monat dreißig und kann auf eine tolle, mutige, interessante Karriere zurückblicken.

Sie hat in den USA und in Polen gewohnt, sie ist mindestens einmal ins kalte Wasser eines neuen Jobs gesprungen und sie hat bei alledem nie ihr Privatleben vergessen. Im Gegenteil, sie ist eine derjenigen, die sofort im Flugzeug oder mindestens im Fernbus sitzt, wenn ich sie darum bitten würde. Sie ist interessiert an … an was eigentlich? Dem Leben. Dem Leben an sich.

Und obwohl ich ihren Weg nie für mich selbst gewählt hätte, schaue ich zu ihr auf und sage ihr, dass ich nicht nur stolz auf sie bin und ihr von Herzen alles gönne, was sie erreicht hat, sondern es mir auch imponiert. Ich überlege, wie ich das, was sie erreicht hat, auch für mich schaffen kann.

Ich schreibe das, weil ich als freie Autorin immer wieder in eine Schublade gepackt werde, ehrlich gesagt in mehrere, die mir einfach nicht passen. Die einen denken, ich würde ständig in den Urlaub fahren, die anderen fragen mich, wovon ich eigentlich lebe und haben nicht einmal den Anstand, das skeptische Stirnrunzeln dabei wegzulassen. Ganz ehrlich: Nur, weil man keine Vorstellung von einem Beruf hat, heißt das nicht, dass er nicht existiert. Es heißt auch nicht, dass derjenige eventuell sein Geld mit dubiosen Dingen verdient, nein, es heißt vielleicht einfach nur:
Magst du mir mehr darüber erzählen?

Wenn ich von meiner Arbeit berichte (und das muss ich häufiger, als mir lieb ist, ich bin ein höflicher Mensch), dann schwanken die Zuhörer meist zwischen dem Bild eines faszinierendem Glamourleben, das sich so in ihre Köpfe einnistet, dass ich das Rattern hören kann. Oder sie schenken mir eben diese skeptischen Fragen, die mir oftmals auch ein Stück zu weit gehen: Wie kannst du dir das, also deine Freiheit, hier in München leisten? Ähm naja, wie kann sich ein Stand-Up-Comedian das Leben in New York leisten? Es geht alles, wenn man will, aber das ist halt eben die Voraussetzung.

Und manchmal, da ist dann eben ganz viel Neid zwischen den Zeilen. Meist bleibt er unausgesprochen, manchmal wird er jedoch direkt ins Gesicht geklatscht. Und immer verstehe ich ihn nicht. Mein Leben ist schön und ja, ich komm auch gut rum, aber die meiste Zeit, mein Alltag, ist so unspektakulär, dass der Gang zur Eisdiele den Höhepunkt des Tages markiert.
Ich frage mich dann immer wieder: Warum müssen wir uns überhaupt beneiden? Vergleichen, schön und gut, aber können wir nicht einfach unsere kostbare Zeit damit verwenden, voneinander zu lernen?
Warum lasse ich mir von der einen Freundin nicht zeigen, wie man selbstbewusst auftritt, obwohl das Innenleben ganz anders aussieht? Warum bitte ich nicht die andere, sich mal in der Firma umzusehen, weil mich ein Job dort reizen würde? Warum spricht aus so vielen von uns der Neid, anstelle zu sagen: Das, was du machst, finde ich super. Kannst du mir einen Tipp geben?

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Das ist natürlich vor allem unter Frauen ein Thema. Männer, und das muss ich einfach leider so sagen, können viel einfacher gönnen, nein, ein Schritt zurück: Die kriegen das manchmal gar nicht richtig mit. Dass der eine plötzlich so viel verdient und der andere demnächst heiratet. Warum auch? Gönnen können – das ist vor allem unter Frauen gar nicht so einfach. Die Sache mit dem Selbstbewusstsein ebenfalls.

Gerade, wer der Generation Y angehört, hat die riesige Chance auf Selbstverwirklichung. Dazu muss man keinen Businessplan erstellen und einen Gründerfonds beantragen, es reicht, wenn man eine Weiterbildung macht oder dem kleinen Traum einer Halbtagesstelle die Chance gibt, anstelle sich bei jeder Idee ausschließlich auf die Nachteile zu fokussieren. Auf die Angst und auf die Eventualität des Scheiterns.

Sich zu verwirklichen, in welcher Form auch immer, ist etwas, das ich jeder Frau wünsche. Da gehört ein bisschen Mut dazu, und auch die Leidenschaft, doch vor allem eins: Von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt sein. Und wenn das noch nicht geht, dann eben so tun als ob.

Ich wünsche mir, dass vor allem wir Frauen öfter mal die Hand ausstrecken und uns gegenseitig helfen. Anderen den Anstoß geben, den sie brauchen. Vielleicht könnten wir uns einmal im Monat zusammensetzen, zehn unterschiedliche Frauen, alle aus einer anderen (beruflichen) Ecke. Und dann lernen wir voneinander und miteinander. Wäre das nicht einfacher und angenehmer und wichtiger als die neidischen Blicke, die wir auf den Straßen verteilen, in den Cafés der Städte und in den Bürogebäuden der Welt?

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19 comments

  • Ich beobachte das auch oft unter Frauen und obwohl ich weiß, dass Frauen eher dazu erzogen werden, kritisch aufeinander zu schauen, es also auch soziale Ursachen hat, stört es mich. Fast noch mehr ärgert mich aber, dass Frauen oft auch nicht richtig konstruktiv miteinander streiten können. Auch da habe ich das Gefühl, Männer sind uns einen Schritt voraus. Die hauen sich eher nach Wortgefechten auf die Schulter, trinken ein Bier und gut ist. Bei Frauen ist dann oft eine Feindschaft fürs Leben etabliert.

    • Jetzt, wo du es sagst: Das mit dem Streiten ist so ein Ding. Konstruktiv geht das nicht mit jeder, im Gegenteil, ich kenne Frauen, da kann ich nicht mal was ansprechen, was ihnen nicht passen könnte. Dabei öffnet ja genau so etwas den Raum fürs Kreativsein, Nachdenken, Reflektieren.

  • Word. Bin dabei. Danke für diesen großartigen Text der mir voll aus dem Herzen spricht.

  • Ich sehe das genauso und das ist auch einer der Gründe, warum ich oft das Gefühl habe, mit Männern besser zusammen arbeiten zu können. Vielleicht gründet der Neid auch zu starker Selbstunterschätzung und mangelndem Selbstbewusstsein. Ich habe das Gefühl, manche Frauen überlegen zuerst, warum sie nicht selbst die Idee/Arbeitsweise/Karriere etc. haben, die eine andere hat, sehr reflektiert eben, und ordnen sich ein bzw. im Neid auch unter, wohingegen Männer direkt überlegen, wie man etwas weiterentwickeln könnte und wie sie es auf sich anwenden könnten.

    Ich bin jedenfalls bei deinen Gedanken voll bei dir. Ich habe auch tolle Freundinnen, die tolles erreicht haben. Aber manchmal, wenn ich ihnen sage, dass ich stolz auf sie bin und mich für sie freue, habe ich das Gefühl, es kommt nicht an. Geht dir das manchmal auch so?

    • Ja, total. Ich kenne das selbst und auch an meinen Freundinnen. Frauen können teilweise sehr schlecht Komplimente annehmen, nicht nur, dass sie sie abwerten, sondern dann auch in diesen Zwang kommen, ein Kompliment zurückzugeben. Ein einfaches „Danke“ würde reichen.

  • Ich bin ganz deiner Meinung. Sich einander Dinge zu gönnen macht das Leben viel einfacher und schöner. Missgunst bringt gar nichts. Es wird immer jemanden geben, der eine Sache besser kann als man selber. Ich finde wir Frauen sollten uns wirklich mehr unterstützen und aufbauen, als stets des eigenen Egos wegen im Weg zu sein- und das Leben so noch komplizierter zu machen. Es ist manchmal leider immer noch schwer genug emanzipiert „Frau“ zu sein. Da sollten wir uns in unterstützen und nicht durch Missgunst Steine in den Weg legen.

  • Was für ein toller Artikel! Bessere Worte für etwas, was auch mich schon viele Jahre bewegt, hätte ich nicht finden können. Dabei bin ich es selbst die oft eine andere Frau ansieht und denkt: Warum die und nicht ich?
    Ein furchtbarer Gedanke, der mir auch immer sofort ein schlechtes Gewissen einträgt und sich mir die Frage stellt, warum denke ich sowas und gönne es der Frau nicht einfach von Herzen? Damit beschäftige ich mich schon eine kleine Weile und habe gelernt mein Denken und Fühlen zu verändern. Inzwischen kann ich ehrlicher und vor allem spontaner gönnen.
    Deine Idee voneinander zu lernen, finde ich wunderbar! Frauen können tatsächlich viel von Männern lernen… in dieser Hinsicht 😉
    Vielen Dank für deinen Artikel, es hat sehr gut getan ihn zu lesen.

    • Das, was du im ersten Abschnitt beschreibst, hat mich jahrelang begleitet. Nicht böse gemeint, sondern immer wieder habe ich mich gefragt: Warum sie, warum nicht ich? Warum hat es bei mir nicht gereicht, warum bin ich wieder nur Zweite geworden etc. Kenn ich gut.
      Das hast du fabelhaft umgedreht – danke dir für deine lieben Worte!

  • Hey Anika! Ich habe gerade deinen Post gelesen. Und ich muss mal etwas loswerden: Dass, was du schreibst, stimmt. Leider. Es stimmt alles, was du erlebt hast und leider geht es nicht nur dir so. Frag mich nicht, warum ausgerechnet dieser Konkurenzkampf bei uns Frauen so groß und teilweise auch so bitter ist. Egal, was man macht, ob man Blogger, Musiker, Schriftsteller oder Designer ist, die Leute werde dich immer fragen „Oh, das ist ein Beruf?“ oder „Davon kannst du leben?“. Ja, verdammt, es ist ein Beruf, und ja, es ist vielleicht kein typischer „Ich-bin-Beamter-und-habe-um-17-Uhr-Feierabend-Beruf“ aber wenn es das ist, was man am besten kann und wenn es dich von ganzem Herzen erfüllt, dann mache es!! Weißt du, nachher fragt dich keiner, ob du das getan hast, was die Leute von dir erwarten, du wirst nachher dich selbst fragen, ob du glücklich bist. Wenn das bedeutet, dass du durch die USA fahren willst, Bücher schreiben willst und stundenlang im Café sitzen möchtets – okay, dann tu es! Ich selbst denke schon so lange über dieses Thema nach und habe auch selbst darüber geschrieben, und mitlerweiler ist es mir egal, wie viele „unverständliche Blikce“ ich bekomme. Die Leute, die so reagieren, können nicht anders, den entwerder haben sie keinen Plan, was Leidenschaft ist, oder sie sind so verbittert, dass sie sich nicht vorstellen können, dass man mit seiner Vision, glücklich, erfolgreich und vollkommen sein kann.

    So, ich glaube, dass das alles war. Ich hoffe, du schreibst weiter und lässt dich weiter inspirieren! Wenn du in den USA bist, melde dich, vielleicht sehen wir uns da, denn ab nächsten Jahr heißt es mit großer Wahrscheinlichkeit: Goodbye Deutschland – Hello USA! Ich wünsche dir einen tollen Tag!

    Liebe Grüße, Lea

    P.S.: Sorry nocheinmal, für diesen langen Kommentar, aber ich musste schreiben 😀

    • Danke dir – für den langen Kommentar musst du dich nicht entschuldigen, ich hab ihn gern gelesen. Viel Spaß und Erfolg in den USA!

  • Ein ganz wunderbarer Artikel, den du da geschrieben hast. An vielen Stellen erkenne ich mich da wieder! Konkurrenz und Neid bringen einfach nichts, der Ansicht bin ich auch. Das musste ich in meinem ersten Job vor ein paar Jahren auch feststellen. Und es war sogar der Grund, warum ich letztendlich gegangen bin. Schade, dass du in München wohnst – die Idee, voneinander zu lernen, find ich total super!

  • Das ist eine tolle Idee – ich wäre gerne dabei! Mein junges, unerfahrenes Ich hätte jetzt wohl gesagt, dass ich gern dabei wäre, um Mäuschen zu spielen, weil ich selbst nicht weiß, ob ich wirklich etwas beizutragen habe. Aber mein inzwischen älteres Ich weiß, dass genau das beispielsweise ein recht typisches Frauending ist: sich klein machen, zu denken, dass das, was man kann, soooo außergewöhnlich doch nicht ist, usw. Dennoch bin ich stolz auf das, was ich täglich leiste: als Frau, Mutter, Freiberuflerin.
    Seinen Horizont erweitern ist immer gut. Stillstand bedeutet für mich Rückschritt. Ich will mich bewegen, in Bewegung bleiben und andere Meinungen und Denkanstöße kennenlernen – und vielleicht habe auch ich einen Denkanstoß für eine andere Person, die genau diesen in diesem Moment braucht.

  • Liebe Anima (mit Deinen Texten animierst Du ganz viele Menschen ) ,

    ich bin mit 46 Jahren nicht mehr Teil der Generation Y, kenne aber natürlich dieselben Themen; sie sind universell und verschwinden nicht, nur weil wir älter werden. Einige ältere Ratgeberinnen / Coaches / Mentorinnen waren bereit, mich auf meinem beruflichen und persönlichen Weg zu begleiten. Davon habe ich profitiert und gebe das an junge Frauen weiter. Ich möchte Dir und allen Vorredenerinnen Mut machen, zu dem zu stehen, was Ihr Euch vornehmt. Selbstbewusst zu sein, ab und zu einen (Business) Angel zur richtigen Zeit zu finden und zu teilen, was Eure Stärke ist!

    Solidarität unter (Über)Frauen ist ein starkes Ziel!
    Jutta

  • […] den Blog regelmäßig liest, weiß, wovon ich spreche. „Was ich mir wünsche ist etwas von Frauen für Frauen“ hatte anscheinend nicht nur mich bewegt. Mich erreichten so viele Zusprüche und die Motivation, […]

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