Warum ich das Gefühl habe, dass sich alles ändern wird.

Sie hängt immer etwas schief, die Karte. Weil die Wände schief sind. Altbau, vierter Stock. Auf der Karte steht ein Satz, der beim ersten Lesen zu einem Mantra wurde. Doch erst jetzt, Jahre, nachdem ich ihn zum ersten Mal gelesen habe, ist mir klar geworden, dass in diesen Worten alles steckt. Alles, was mir wichtig, was mir fast schon unausweichlich scheint. Ich schließe die Augen.

„Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie.“

Das Warum ist manchmal ganz einfach zu finden, in anderen Zeiten wiederum scheint es sich in den hintersten Winkeln des Vorstellungsvermögens zu verstecken, und es ist dunkel in dieser Ecke, weil keiner das Licht angelassen hat. Simpel. Es ist an uns selbst, es anzuknipsen, und zu schauen, wie schön die Ecke immer leuchten kann. Und was gehen kann.

Dann kommt das Wie. Die Frage nach dem eigenen Selbstwert, die Frage nach den Opfern, die man bereit ist zu geben im Austausch für das, was das Herz von innen bunt anmalt.

Das Warum hat sich über die Jahre hinweg verändert und ich denke, dass ich noch immer nicht angekommen bin. Ich habe einige Zwischenstopps hingelegt, war mal glücklich, mal habe ich das Glück nur gestreift, mal wurde ich links liegen gelassen. Ich habe einfach nicht jedes Wie ertragen, weil das Warum schlichtweg nicht stark genug war.

Jetzt, Ende 20, habe ich das Gefühl, an einer dieser Weggabelungen zu stehen, an denen man in unregelmäßigen Abständen ankommt, stehenbleibt und relativ rasch bemerkt, dass hier nur eine Sache so richtig funktioniert: Der Sprung. Ins Wagnis, ins Risiko, ins Warum.

In meinem konkreten Fall heißt das: Ich gehe nach Malawi, für mehrere Monate, für eine Auszeit zum Reisen und Schreiben. Eine Auszeit, die ich brauche. Ich gehe dort hin, warum, weiß ich ehrlich gesagt nicht so genau, denn wenn ich daran denke, kommen so viele Emotionen zusammen. Und Bilder. Natürlich gibt es einen greifbaren Grund, doch die Beweggründe sind so viele. Ich habe in den letzten drei Wochen einige Zelte abgebrochen, mich mit Visa herumgeärgert, mich nachts vor Aufregung gewälzt, überlegt, wie viel Schokolade ich einpacken kann und ob das heißt, dass ich auf ein Buch mehr verzichte, und mir am Ende dabei immer wieder gedacht: Ich mach‘ das jetzt einfach.

Mein Warum ist Liebe, ist Leidenschaft, schlicht und ergreifend. Nenn es kitschig, mir egal. Zusammengesetzt aus so vielen verschiedenen Teilen, dass sie, wenn ich es betrachte, ein buntes Mosaik ergibt. Liebe zum Schreiben, zum Reisen, zu den Menschen in meinem Leben, die mir wichtig sind, denen ich wichtig bin. Lange Zeit hatte ich mich auf Nichtigkeiten konzentriert. Auf scheiternde Beziehungen, auf Menschen, die mir nicht gut taten, auf viele Jobs, die meine Energie aussaugten. Es waren einzelne Teile, die ein Mosaik bildeten, das am Ende jedoch immer unvollständig aussah, vielleicht von oberflächlicher Schönheit, aber nicht meins.

Ich will Leidenschaft und die in jeder Zelle. Ich will lieben, was ich tue, jeden Tag, warum sollte ich sonst aufstehen? Ich will’s zumindest versuchen und dann nicht immer über das Wie schimpfen, denn Nietzsche hatte Recht, er hatte ja so Recht und wenn es das Wie nicht geben würde, dann wäre das Leben alles, aber nicht das Leben.

Es ist wie folgt, denn so war es immer: Sobald ich da draußen bin, in dieser schönen Welt, dann ist auf einmal alles gut und in den meisten Fällen hält es länger an, als für einen kurzen, wenn auch schönen Moment. Es fügt sich ins Mosaik, und bleibt.

Ich öffne die Augen. Die Karte hängt schief, das tut sie immer, und meine Gedanken auch. Sobald ich sie gerade rücken kann, teile ich mein kleines Glück mit euch: Malawi, über das ich so wenig weiß.

Doch bei einer Sache bin ich mir ganz sicher: Alles auf Anfang.

 


Foto: take an adVANture

 

20 comments

  • Ich bin gespannt, was dich erwartet, Ani. Umso schöner, wenn wir dich begleiten dürfen. Ein Hoch auf den Mut, auf den Anfang, auf das Abenteuer! <3

    • Danke, Taina! Wir haben da ja schon mal drüber gesprochen, unglaublich, dass es schon ein Jahr her ist. <3

  • Wunderbar! Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne… Hab eine tolle Zeit in Malawi. LG, Mad

    • Danke dir, meine Liebe! Leider heißt das auch erneut: Wieder ein Jahr, auf dem wir uns auf der ITB nicht sehen werden… 😉 Ich hoffe, wir treffen uns mal in Kolumbien, auf einen Kaffee mit phänomenaler Aussicht.

      • Ach liebe Anni, das hätte leider sowieso wieder nicht geklappt. Denn wir sind dann beide in big Africa Love und Weggabelungs-Nachdenkprozessen. Ich werde aber ganz nah bei Dir sein – ein Stück weiter östlich, auch etwas Schönes mit Ma…. Aber nächstes Jahr nehmen wir uns das mal fest vor mit dem Treffen – Du zeigst mir dann Deine Buntbarschfotos und ich Dir meine Lemuren 😉 Ganz liebe Grüße (noch) aus Berlin, Mad

        • Oh, wie toll! Und wie aufregend, das ist ja einer meiner ältesten Träume, den du dir da erfüllst. Ein Hoch auf die Weggabelungs-Nachdenkprozesse. Was für ein Wort.
          Das machen wir. Ich wünsch dir ebenfalls eine aufregende Zeit und bis bald!

  • Wunderbar geschrieben. Ich finde deine Entscheidung und deine Einstellung toll und freue mich auf viele schöne, spannende und interessante Gedanken von dir aus Malawi!

    Lg Michael

  • Dann hoff ich ganz stark, dass ich Dir nicht irgendwann durchs Schlüsselloch zugucke, wie Du irrsinnig geworden in Deinem Zimmer umherstapfst. Scherz beiseite (sorry, ich finde Nietzsche einfach unglaublich unsympathisch :D): Ich wünsch Dir eine tolle Reise, und das in jedem Sinn. Zu Dir, dem Was und dem Warum und auch dem Wie, wobei das ja schönerweise immer dann abenteuerlich wird, wenn es mal auf abseitigen Pfaden herumtrampelt. Und sich entscheiden FÜR ist ohnehin immer besser als gegen, und das scheint mir hier so gewesen zu sein.
    Ich bin schwer gespannt, was ich die kommenden Monate von Dir höre.
    Alles Liebe
    /inka

    • Liebste Inka,

      das ist vollkommen okay, ich hab zu Nietzsche gar keine Meinung, nur diese Postkarte 😉
      Danke für deine lieben Worte, du hast vollkommen recht.
      Umarmung nach Berlin!

  • Richtig gut!!! Kann vieles davon nachempfinden. Ich bin selbst gerade auf einer größeren Reise mit meiner Frau und unseren vier Kindern. Und auch wir spüren, dass diese Reise alles ändern wird! Ich wünsche dir eine richtig gute Zeit!!! ☺️ LG Thor

    • Lieber Thor,

      vielen Dank! Ich verfolge euch schon länger und finde es unglaublich. Alles, was ihr macht und was du dazu sagst. Ganz toller Blog und so schöne Fotos.
      Man liest sich 😉

  • Liebe Ani, das sind so wunderschöne, ehrliche und zutiefst berührende Worte. Das wollte ich dir mal sagen. Mut wird immer belohnt <3
    Alles Liebe.
    Julia

  • Liebe Anni,

    ich finde das so stark von dir! „Lange Zeit hatte ich mich auf Nichtigkeiten konzentriert. (…) Ich will Leidenschaft und die in jeder Zelle.“ Das finde ich ganz und gar den richtigen Antrieb. Auch ich versuche gerade mehr dem Warum zu folgen und das Wie erträglicher zu machen ;). Manchmal gibt es Tage, da merkt man, dass man damit hier und da aus der Erwartung fällt – aber dann freue ich mich jedes Mal darüber, dass ich mich von etwas loslösen kann, was mich vorher unheimlich aufgeregt hätte… was ich sagen will: danke! Mehr von dir und so Leuten, die ihrem Herz folgen.

    Ich wünsche dir alles Gute!

    • Gesaherz, ich danke dir. Und ich wünsch dir ebenfalls auch nur das Beste. Mit Reflektieren und wissen, was man nicht will, ist doch schon mal die halbe Miete 🙂

      Liebe Grüße und ich hoffe, wir sehen uns mal wieder in München oder ganz woanders.

  • […] ist wichtig. Dieses 2016, das eigentlich gerade noch Laufen lernt, hatte es bisher schon so in sich für mich persönlich, dass ich kaum hinterherkomme, alles zu verarbeiten. In diesen letzten sieben Wochen sind Dinge […]

  • Aniiiiherz, wie konnte mir dieser wunderbare Beitrag nicht angezeigt werden? Jetzt erst habe ich ihn aber gelesen und ich weiß genau, was du meinst. Bei mir ist es momentan ähnlich und ich befinde mich auch an einer dieser Weggabelungen. Aber hey, man lebt nur einmal, und warum nicht alles ausprobieren, wenn man damit seinem Herz folgt? Das ist auch mein Motto: immer dem Herz nach!

    Schade, dass es letztens in München mit uns nicht geklappt hat, aber vielleicht ja bald… irgendwo…auf dieser schönen Welt.
    Ich würde mich riesig freuen. Jetzt wünsche ich Dir aber erst mal eine tolle Zeit!
    Kuss aus Berlin

    • Ach Simone, wir müssen mal mit Cocktail am Strand sitzen, anstatt bei Pommes über die ITB zu hetzen 😉
      Danke dir für deine lieben Worte und dir ebenfalls nur das Beste für alle Entscheidungen, die du triffst! Wenns mich im Sommer nach Sansibar verschlägt, dann schreibe ich dir nochmal! :*

  • […] Spotify oftmals ein absoluter Volltreffer ist, sondern vor allem, weil ich während meiner Vorbereitungen für Afrika viel Musik gehört habe. Und das Gefühl des Aufbruchs, des Freiseins, des […]

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