Großstadtkleinmädchen.

Wir saßen auf dem Boden. In einer Wohnung mit frisch geweißelten Wänden, der Geruch hing zwischen den Teelichtern, die das Holzparkett erhellten. Wir schauten uns um, wunderten uns, wie in dieses kleine Apartment neben all den Möbeln auch die vielen Geschichten gepasst hatten. Und gewährten der Sentimentalität freien Lauf.

Und ich liebe sie. Ich finde, das Leben besteht neben dem Können, immer im Moment zu leben, doch vor allem aus rührseligen Rückblicken und Nostalgie geschwängerten Momenten.

Anlass meiner Hommage an die Vergangenheit ist die Landflucht meiner Freundin. Was sich früher Stadtflucht nannte und darin bestand, die Chancen großer Ballungszentren für jobtechnische Chancen und soziale Verknüpfungen zu nutzen, hat sie nun umgekehrt durchgezogen. So, wie man das anscheinend macht, wenn man sich verliebt, einen Kompromiss eingeht und ja auch schon quasi fast erwachsen ist.

Man zieht zum Liebsten aufs Land und lässt zurück: Eine Single-Wohnung, vier Freundinnen und jede Menge Geschichten.

Und genau deswegen saß ich eine Nacht lang auf dem Boden und schaute mich in diesen vier Wänden um, stellte fest, dass ich überhaupt keine Vorstellung habe, wie man sein ganzes Leben in diese Mini-Stadtapartments pressen kann, obwohl ich es selbst jahrelang tat. Und sie konnte das auch: Von der sonntäglichen Kaffeerunde über weinerliche Abende bis hin zum orientierungslosen Aufwachen war alles dabei gewesen. Keine Sekunde möchte ich missen.

Ich selbst bin innerhalb der mittlerweile neun Jahre, in denen ich nun schon in München verweile, drei Mal umgezogen. Immer, wenn ich die Tür hinter mir zuzog, dieses allerletztes Mal, habe ich auch was zurückgelassen. Aber jetzt, als wir gemeinsam gingen, war das ein bisschen anders. Wir sind zwischen Geburtstagskuchen und Abschlussarbeiten ein bisschen erwachsen geworden.

Das Schöne am Heimkommen ist doch vor allem das Vertraute: Kaffee und Kuchen.

Natürlich spiegeln die vier Wände auch immer den Inhaber wider, egal, ob und wie wir das wollen oder nicht. Die erste eigene Wohnung besteht meist aus zusammengewürfelten Möbeln, einem Mix aus dem ehemaligen Jugendzimmer und Überbleibseln von Verwandten. In den seltensten Fällen macht sie optisch was her. Was zeigt sie? Dass man a) noch nicht den eigenen Stil gefunden hat und b) sowieso über kein Geld verfügt, diesen zu präsentieren.
Es geht weiter zur Nächsten und zur Übernächsten und irgendwann stellt man die vier Wände dann bei Airbnb rein und erkennt auf dem Bild, dass auf dem hübschen Esstisch ein noch hübscherer Blumenstrauß steht, die weißen Laken im Bett verdammt ordentlich aussehen und der Mitbewohner mittlerweile der eigene Mann ist.
Und vielleicht zieht man sogar aus dieser Wohnung einmal aus, baut sich eventuell ein Häuschen, aber man ist trotzdem angekommen. Bei sich, letztendlich, darum geht es ja zwischen all den Reisen.

Genau dafür war die Samstagnacht da. Alle, die dort auf dem Boden saßen, sahen auf einmal anders aus. Man möchte wagen zu sagen: glücklicher.
Selbstverständlich tat uns nach dem Aufstehen alles weh. Denn eins ist sicher: Jünger werden wir nimmer. Deswegen habe ich auch zum gemeinsamen Gruppenfoto gebeten, denn hübscher werden wir leider auch nicht mehr.

Also standen wir da, in dieser leeren Wohnung, echauffierten uns über das gestellte Foto, tranken darauf noch einen Schluck Bowle, so wie immer halt, und lachten ein bisschen zu laut und hatten am Ende eine Bandbreite an Schnappschüssen, die für alles steht, was war. Was bleibt.

Denn das wird auch in Zukunft immer so sein. In neuen Wohnungen. Die mit Sträußchen auf dem Tisch und Einkäufen vom Wochenmarkt.


Fotocredit: Header, Tim Lucas (flickr) via cc by sa-2.0

 

3 comments

  • Hach, das kommt mir so bekannt vor. Schöner Text.
    Bei mir steht in einem Monat auch ein Umzug bevor. Neue Stadt, neue Wohnung. Neues Glück?! An meiner Geburtstagsfeier vor ein paar Wochen wurde mir bewusst, dass meine Freunde und ich alle ein Stück erwachsener geworden sind und ganz neue Lebensabschnitte bevorstehen. Und, dass es die letzte Feier in meiner – ach so geliebten Wohnung sein wird. Ich werde mit einem lachenden und einem weinenden Auge meine jetzige Wohnung verlassen, in der ich so viele unglaublich tolle Momente mit meinen Liebsten hatte. Aber ganz bestimmt noch viele weitere in der neuen Wohnung.

    • Abschiede sind ja meist immer traurig und schön zugleich, sofern man weiß, dass etwas Neues beginnt, worauf man sich freut. Schöne Zeit dir in deiner neuen Wohnung und danke für dein liebes Feedback!

  • […] Großstadtkleinmädchen. – anidenkt.de […]

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