Stadt, Land, Flucht, Gedanken.

Eine der Fragen Ende 20 ist beispielsweise die: Habe ich mein Herz restlos ans Stadtleben verloren? Oder gibt es in den hintersten Winkeln noch Platz für Landliebe, wie es diejenigen vormachen, die neuerdings rausziehen? Wo werde ich leben, wenn ich irgendwann mal Kinder habe? Einen Hund. Bin ich der Typ Englische Villa mit üppigem Garten oder gehöre ich den Menschen an, die in einer großen Dachgeschosswohnung mitten in der Innenstadt glücklich werden? Gibt es Optionen dazwischen und wenn ja: Welche?

Ich bin aufgewachsen in Unterfranken, geboren in Schweinfurt. Meine Kindheit und Jugend habe ich in einem Dorf verbracht, durch das man innerhalb von 30 Sekunden durchfahren kann. Die nächstgrößere Stadt ist Würzburg, danach kommen Frankfurt und Nürnberg.
Kein Wunder also, dass eine, die vorhat, neben Nordbayern den Rest der Welt zu sehen, im Alter von 19 Jahren nach München gezogen ist. Was für die einen unausweichlich scheint wegen Studium oder Ausbildung, war für mich ein Befreiungsschlag. Ich wollte raus hier, weg von hier, wo jeder meinen Namen kennt und Familienangelegenheiten sonntags am Stammtisch im Wirtshaus ausgebreitet werden. Ich mag den Hauch von Anonymität und ich mag vor allem, wenn ich selbst entscheiden kann, ob ich sie unterbreche.

Du steigst in den Zug Richtung Heimat, Familienfeier, irgendwas mit 50. Und doch lässt der Begriff einen bitteren Geschmack auf deinem Gedankenkonstrukt zurück. Da ist einfach mehr Herkunft als Heimat, mehr Gewohnheit als Vertrauen.*

Ich muss ehrlich zugeben, mein Herz hängt nicht besonders an meiner Heimat. An meinem Ursprung. Ich mag viele Menschen, die dort wohnen und ich fahre in unregelmäßigen Abständen nach Hause, um vor allem meine Eltern und den Rest der Familie zu sehen. Das war’s. Es gibt dort keinen Platz, an den ich mich noch heute zurückziehe und melancholischen Gedanken nachhänge, da ist keine Bar, die meinen Lieblingscocktail serviert und ich würde lügen, wenn ich behaupten würde, dass mein Herz an der Umgebung an sich hängt, obwohl sie ja recht hübsch ist, siehe hier.

unterfranken

Früher habe ich mir gesagt, das sei normal, das sei eben so, weil ich ein Stadtmensch bin. Und Stadt gibt es dort nicht. Ich sagte mir, dass ich für immer in den Großstädten dieser Welt wirklich zuhause sein werde und kehrte dabei auch München gedanklich den Rücken zu. Zu beschaulich, zu klein, zu aufgeräumt. Die großen Vorteile dieser Stadt waren für mich plötzlich Dinge, die ich negativ auszulegen bereit war. München, meine Käseglocke, dort, wo das echte Leben doch gar nicht stattfindet, weil es eben viel zu g’müatlich ist. Mittlerweile hab ich München richtig gern mit seinen vielen Grünflächen und einer angenehmen Mischung aus dörflichem Stadtleben.

Aber heute weiß ich, dass mein Hang zu Ballungszentren nicht der Grund ist, warum ich Unterfranken nie besonders vermissen werde. Es ist schlichtweg, weils einfach nicht passt. Mit uns.  Für mich zählt vor allem eine Sache bei der Frage nach der Heimat: Die Menschen. Mit der besten Freundin ist auch der pannenreichste Road Trip zu meistern und mit dem Traummann an der Seite schläft es sich auch mit Kakerlakenfamilie im Zimmer gut. Heimat kann man meiner Meinung nach einpacken und mitnehmen.

Der Ort, der am Ende deiner Zugreise auf dich wartet, ist dein Ursprung und Heimat in dem Sinne, dass deine Familie dort wartet. Er ist aber nicht nur rosa angestrichen und in Bullerbü-Erinnerungen gebettet, sondern kann trostlos und kalt sein, mit argwöhnischen Augen, die sich vorwurfsvoll in deine bohren. Warum bist du weggegangen?

Ich kann auch mit Land, so isses nicht. Im Gegenteil. Nicht umsonst habe ich mich bereits in wunderschöne Landschaften verliebt, wie beispielsweise den Amazonas in Kolumbien oder die Gebirge in China. Wenn ich reise, freue ich mich vor allem darauf, in die mir noch fremde Natur einzutauchen. Städte passieren eher nebenbei.

Doch kann und will ich irgendwann wieder zurück aufs Land, um dort zu leben? Nicht, um hindurch zu reisen, nicht, um aus der Ferne mal zu gucken.
Wenn ich mir vorstelle, wirklich in meinem eigenen Garten zu sitzen und nicht den Baulärm, den ich gerade seit Monaten ertragen muss, höre, sondern nur dem Vogelgezwitscher lausche und meinem glücklichen Hund die Ohren kraule, dann werde ich ganz kribbelig und will sofort ganz arg reich werden, um mir den Traum eines großen Grundstückes erfüllen zu können. Doch für ewig, für immer? Dafür zieht es mich eigentlich zu oft in eine entgegengesetzte Richtung.

Das Leben auf dem Land, damit kann ich derzeit nicht genügend anfangen. Ich möchte roten Lippenstift bei Tageslicht tragen können, ohne schief beäugt zu werden und ich möchte keinen Stempel auf die Stirn gepappt bekommen, weil sich jeder einbildet, man würde sich kennen, eben nur, weil man sich kennt. Das ist mir schlichtweg zu platt.

Land oder Stadt – diese Frage wird mich trotzdem immer begleiten. Und ich denke, es wird immer eine Lösung geben, allerdings auf Zeit. Das Herrenhaus in Cornwall nehme ich dankend an, das Loft in Brooklyn allerdings auch. Alles dazwischen müsste ich mir mal angucken.

Was meine Heimat angeht: Ich komme zurück, immer wieder. Spätestens, wenn eine fabelhafte Person einen fabelhaften Anlass gibt. Oder auch nicht. Der Mensch reicht. Der Mensch ist das Leben, ist die Geschichte und alles zusammen kann ich eben glücklicherweise einpacken und mitnehmen, dorthin, wo ich mich eben am allerwohlsten fühle. Wo das ist? Genau hier.

Der Schaffner will dein Ticket sehen und der vertraute Dialekt lässt dich zusammenzucken. Dann lächeln. Du bist unterwegs und dein Heimatort ist für heute das Ziel, ein Abschnitt deines Lebens, dem du ab und an Hallo sagst und beim Abschied auf Wiedersehen. Das ist doch was und das ist für einen Moment richtig schön, denkst du dir, als der Zug in den Bahnhof einfährt.

himmel_ueber_bayern

 

*Die Abschnitte stammen aus der Titelgeschichte der vierten Ausgabe des MUCBOOK Printmagazins, die ich unter dem Titel „Stadt, Land, Flucht“ gemeinsam mit Iseult Grandjean geschrieben habe.

10 comments

  • Mal wieder ein sehr schöner Text! Ich kann so gut nachvollziehen, was du beschreibst. Ich lebe momentan immernoch auf dem Land und kann es kaum erwarten zum Masterstudium endlich weg zu kommen. Das Stadtleben reizt mich so sehr, all die Vorteile, die Vernetzung, die Menschen!
    Ein Leben auf dem Land wird bei mir nichts. Stadtgrenze wäre toll, mit bisschen Grün drumherum. 🙂

  • Du sprichst mir (mal wieder) aus der Seele!

  • Gruß von einer Fränkin zur anderen, erst mal 😉
    Ich bin allerdings in der Stadt aufgewachsen – in Bamberg. Keine Großstadt, das nicht, aber immerhin urban, mit Kneipen, Cafés, Kinos, Theater, Veranstaltungen und Uni.
    Dennoch ging es mir wie Du: Als ich mit Anfang 20 rauskam – bei mir war es Wien – war das ein Befreiungsschlag. Ich war total berauscht von den Möglichkeiten der Großstadt, von der Freiheit des Nicht-mehr-Zuhause-Wohnens. Aber ich habe in Wien auch gelernt, was mir an Bamberg gefiel, meine Bindung an die Heimat wurde wieder enger. Ich blieb insgesamt fast sechs JAhre in Wien – eine tolle Zeit. Danach orientierte ich mich um, hab kurzzeitig auch mit dem Gedanken gespielt für eine Weile wieder zurück zu kommen. Und das wäre auch nicht so schlimm gewesen. Statt dessen verschlug es mich – aufs Land. Aus rein beruflichen Gründen. Zwar bin ich in 30sek nicht durch, aber die paar Tausend Seelen, die hier wohnen, sind mir zu wenig. SIe sind mir zu spießig. Mit einem Hut über den Stadtplatz und die Leute im Wirtshaus stellen vor Verblüffung das Bier ab.
    Ich HASSE das Landleben! Ich bin gerne am Land in Urlaub… ganz fantastisch. Für eine Woche, vielleicht zwei. Dann – tschüss! Hier leben? NEVER! Deshalb bin ich froh, dass es nach einem kurzen Land-Intermezzo wieder in die Stadt geht – übrigens auch nach München 😉 Ich kanns nicht erwarten, endlich wieder Kultur zu schmecken 🙂

    Obendrein… ruhig ist es hier auch nicht. Denn wie so oft am Land: Die Bundesstraße führt einmal durch den gesamten Ort. So laut habe ich in Wien nie gewohnt – und werde es auch in München nicht tun.
    Mein Traum wäre eine schicke Wohnung mit großem Balkon, eher am Stadtrand aber mit guter öffentlicher Anbindung. ABer die Stadt will ich nie wieder aufgeben. 50.000 Einwohner ist das absolute (!) Minimum.

    • Hey Ilona,

      danke für deine Einblicke. Kann vieles davon gut verstehen! Bamberg ist aber wirklich schön, obwohl es mir ebenfalls zu klein wäre. Dann mal Willkommen in München und viel Erfolg bei der Wohnungssuche – könnte spannend werden 😉

      • Danke, aber die hab ich zum Glück schon 😀 War auf jedenfall komplizierter als die Wohnungssuchen bisher. *g*

  • […] zweite Wochenende heißt für uns Münchner: Bloß raus aus der Altstadt, am besten ganz raus aus der Stadt. Ich übertreibe. Vor allem die […]

  • […] meiner Hommage an die Vergangenheit ist die Landflucht meiner Freundin. Was sich früher Stadtflucht nannte und darin bestand, die Chancen großer […]

  • Ich habe mir diese Frage schon oft genau anders herum gestellt. Ich lebe in einem „1 Minute und durch Dorf“ im schönen Isarwinkel und das schon 35 Jahre, also quasi immer. Ich könnte es mir garnicht anders vorstellen, obwohl ich zwischendrin auch wieder gerne in der Stadt bin und es für gut empfinde, sie in meiner Nähe zu wissen. Auch auf meinen Reisen, welche die einzige Unterbrechung in einem sonst lückenlosen Lebensaufenthaltslauf war, gings mir so. Wie gerne kam ich immer wieder in die nächste, große Stadt und wie sehr hat es mich dann von dort doch wieder weggezogen. Irgendwann hat mir dann der Himmel eine romantische Erklärung dafür gegeben: Die Sterne leuchten immer heller, je dunkler die Nacht ist. Beleuchtung der Stadt und so. Aber Ani, wie du schreibst im Grunde ist es egal ob Stadt oder Land. Es sind die Menschen. Manchmal der Bilckwinkel die einen Ort, eine Stadt, ein Dorf…schön machen. Kennst du das? Wenn du verliebt bist und keiner kann verstehen, was du an IHM findest. Oder wie beim Musikgeschmack, du liebst Bono oder drehst das Radio aus wenn U2 kommt. Eins von beiden. Warum das so ist, keine Ahnung.
    Und was ich dir noch sagen wollte. Ich bin dir in Malawi jede Zeile gefolgt und auch zu denen die vermeintlich dazwischen liegen. Weil ich’s so, so interessant fand und noch irgendwas anderes wofür mir jetzt kein Wort dafür einfällt?! So seltsam es klingt, durch deine Texte, Fotos habe ich jetzt irgendwie eine echte Malawi-Verbindung, obwohl ich noch nie da war. Beste Grüße und Dank aus ganzem Herzen & aus den Alpen, Michaela von http://www.aus-ganzem-Herzen.de

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