Hört auf, euch den Stempel „beziehungsunfähig“ aufzudrücken!

Links neben mir sitzt ein Mann Mitte Zwanzig, der seit Jahren eine Fernbeziehung führt. Und nicht diese Bottrop-Berlin-Geschichte, sondern Deutschland-Malaysia und weil beide aufgrund verschiedener Jobs und dem Studium nie länger als ein paar Monate am gleichen Orten bleiben, verschiebt sich das Beziehungsmodell immer wieder zwischen Ghana und Südafrika, zwischen Malawi und Jordanien.

Er sagt, das funktioniere so gut, weil es von Anfang an so war. Ich finde, das muss er gar nicht erklären oder gar in eine Schublade packen, damit Außenstehende das verstehen. Fakt ist, es funktioniert, weil beide es wollen.

Rechts neben mir sitzt ein Mann Mitte Zwanzig, der seine Freundin vier Wochen vor Abreise nach Malawi kennengelernt hat. Zum Scheitern verurteilt? Ich würde sagen: Keine Ahnung. Ich sehe nur, dass da jemand ins Flugzeug stieg, weil der Vertrag unterschrieben war, und jemand am Flughafen stand, weil er die Stärke hatte, ihn gehen zu lassen. Ob es funktionieren wird, wird man sehen.

In der Mitte sitze ich, Ende Zwanzig. Reisebloggerin, mit einem Partner, der mehr unterwegs ist als sie selbst. Ist das einfach? Keineswegs. Macht das Spaß? Zumindest öfter, als dass es weh tut. Kompromiss ist das Wort der Beziehungsfreudigen, derjenigen, die nicht an der ersten Base scheitern wollten und einmal zu viel bewiesen haben, dass es funktionieren kann.

 

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Wir alle drei gehören zu einer Generation, die als zweiten Namen beziehungsunfähig trägt – ob wir wollen oder nicht. Ein Stempel, der regelrecht gefeiert wird, indem so viele ihr Leben im Außen pushen und zeigen, dass kein Platz sei für die sogenannte Liebe. Und mir wird dabei ganz schlecht.

Da soll ein Fehler im System vorliegen, dem wir uns alle nicht entziehen können? Haben wir nichts Besseres zu tun, als uns selbst so simpel abzuschreiben und uns am Mittwochabend über drei Gin Tonic mitleidig in die Äuglein zu blicken? Ja mei, der ist halt beziehungsunfähig, was willste machen? Ja, was willste machen? Der ist so abgeschrieben, der bleibt für immer alleine. Also, wirklich.

Wenn ich meine Timeline durchscrolle, springen mich so viele Artikel an über eine Generation, die plötzlich und out of nowhere unfähig sein soll, sich zu binden. Macht den Eindruck, als hätten wir uns kurz mal in der Dunkelkammer getroffen und darüber abgestimmt, dass das Statuieren dieser Behauptung das Leben aller höchst #easy machen würde.

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Dass die Scheidungsrate kontinuierlich sinkt, dass gleichzeitig so viele, junge Paare extrem viel Geld für pompöse und höchst romantische Hochzeiten auf dem Schloss oder vor dem Alpenpanorama ausgeben und dass auf der anderen Seite Menschen schon immer Probleme damit hatten, sich vollkommen aufeinander einzulassen, wird komplett außer Acht gelassen. Und ich verstehe nicht einmal, was an Letzterem so schlecht sein soll, warum keiner ein gutes Haar an zwischenmenschlichen Auseinandersetzungen lässt? Wäre das was Neues, hätte Carrie in den 90ern keine einzige Kolumne geschrieben.

 

Tinder ist ja grundsätzlich schuld.

 

Die Zeiten haben sich nicht geändert und wir uns nicht neu erfunden. Es sind nur viel mehr Möglichkeiten dazugekommen und wir haben die Chance, plötzlich mehr zu erleben als Ausbildung, Heirat und Kinder bekommen. Warum ist jemand gleich beziehungsunfähig, sobald er keine Beziehung haben möchte? Warum rennen angeblich so viele vor ihren Gefühlen weg, wenn sie sich dazu entschließen, eine Weltreise zu machen? Und selbst wenn – wer sind wir, das Beispiel zu generalisieren?

Wenn ich mir meine Freunde anschaue, dann sind das Menschen, die verheiratet sind, die ein Kind haben, die in einer längeren Beziehung stecken, die zusammenwohnen, die frisch verliebt sind. Mein Freundeskreis ist bunt gemischt und ja, Singles sind auch mit dabei. Mit denen sitze ich abends manchmal in der Küche und lasse mir zum 10. Mal dieses Tinder erklären und vom letzten schlechten Date erzählen, aber das sind auch diejenigen, die über das Wisch&Weg lachen können, die Spaß daran haben, weil das Prinzip des Dating total neu für uns alle ist. Einige von ihnen haben ihren Partner genau dort gefunden. Und die sind jetzt vergeben, halleluja.

 

Selbstoptimierung my ass!

 

Ich möchte gar nicht leugnen, dass wir eine Generation der Selbstoptimierer sind, auch ein paar Egozentriker finden sich unter uns. Viele von ihnen schauen kaum nach links oder rechts, es sei denn, sie wischen und wenn sie das tun, verwechseln sie den potenziellen Partner mit der Auswahl an der Käsetheke – ich kann mich nicht entscheiden, vielleicht will ich das auch gar nicht, also bitte von allem ein bisschen was.

Doch ich finde es ziemlich einfach gestrickt, dass das nun die Hauptgründe sein sollen, warum Beziehungen nicht mehr funktionieren würden. Meine Güte, dann optimiert euch doch gemeinsam! Geht zusammen zum McFit, geht zusammen auf Reisen, schreibt gleichzeitig eure Abschlussarbeit. Findet Lösungen für die Zustände, mit denen ihr nicht zufrieden seid – es liegt an euch und nicht an den anderen.

Und, mal ehrlich: So eine kleine Welt zu bauen, in der wir dann für alle Zeit sitzen und für die komplizierte Problematik eine sehr schlichte Antwort parat haben, ist bequem, jaja. Wir müssen uns allerdings fragen, ob wir für den Fall, dass sich die Oma beim 80. Geburtstag über den Kirschkuchen beugt und fragt, wann wir denn endlich mal jemanden mitbringen würden, diese Antwort wirklich geben wollen. Und ob wir sie uns selbst überhaupt noch abkaufen.

 

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15 comments

  • „Beziehungsunfähig“, so ein überflüssiges, blödes, nichtssagendes Wort. Entweder, man möchte keine Beziehung. Dann ist das auch völlig in Ordnung. Oder aber, es hat schlicht und weg einfach nicht gefunkt. Das konnte man doch früher auch ehrlich sagen? Seit es dieses Wort gibt, braucht man nicht mehr ehrlich zu sein oder sich mit dem, was nicht stimmt, auseinanderzusetzen. Man hat nun eine generell Ausrede und dann ist das alles einfacher. Ich glaube auch noch an Kompromisse.
    Ich glaube an „Ich lebe in einer Beziehung, in der noch repariert wird was kaputt zu gehen scheint und nicht einfach ausgetauscht wird.“

    • Oh, dein letzter Satz ist so toll. Ich bin gerade wirklich etwas erleichtert, dass ich nicht die Einzige bin, die das nervt und das schlichtweg und komplett anders sieht. Danke!

  • Hah – da hast du wohl meinen Nerv getroffen. Meinen Nerv, der mir immer wieder einzuflüstern scheint, dass ich ‚beziehungsuntauglich‘ bin, weil ich eigentlich noch keine richtige Beziehung geführt habe mit bald 27 Jahren. Andererseits ist da mein Kopf, der beharrlich darauf pocht, dass kein Mensch beziehungsunfähig sein kein, auch ich nicht.
    Und dann sind da die Momente, wie zum Beispiel gestern abend, als ich auf der Hochzeit meiner Freundin tanzte, angenehm angeschickert und dannmitansehen musste, wie der ‚Eine‘ mit einer anderen sehr innig tanzte. Und ich für einen Moment darüber nachdachte, ob Selbstmord eine Option ist und die Band einen Augenblick danach laut ‚Let it be‘ spielte (ungelogen!).
    Nein, ich würde mich nicht wegen sowas umbringen, auch wenn es schmerzhaft ist. Dafür ist das Leben viel zu schön.
    Und nein, ich mache mich nicht verrückt, weil ich keine Beziehung führe und irgendwie auch noch nie in den Genuss gekommen bin. Ich denke darüber nach, ja. Besonders, wenn man mitbekommt, dass der Singlepart im Freundeskreis sinkt und man auf der letzten verbleibenden Eisscholle schwimmt. Ich hoffe und glaube daran, dass auch irgendwann das Eis meiner Scholle schmilzt.
    Solang muss ich Geduld haben.
    Beziehungsuntauglich bin ich nicht. Denn ‚Jeder Topf findet seinen Deckel!‘.

    Liebe Grüße,
    Linda

    • Liebe Linda,

      erstmal danke für dein sehr persönliches Feedback!
      Ich kann gut nachvollziehen, wie es dir dabei geht, aber lass bloß nicht den Kopf hängen. Eine Freundin von mir hatte auch jahrelang keinen Partner und dann hat sie den Richtigen kennengelernt und nach nicht mal zwei Jahren Beziehung geheiratet und somit die ganze Clique „überholt“ – das klappt schon 😉 Ich war in den letzten Jahren auch mehrmals alleine auf Hochzeiten und selbst, wenn man vergeben ist, ist das Single-Dasein am Tisch nicht besonders angenehm – I feel you xx

  • Super Text – ich denke genauso. Natürlich ist es schlimm – habe ich jahrelang erlebt, wenn man sich verliebt und der andere nicht will – oder wenn man sich einfach nie verliebt. Ist man dann bezieiungsunfähig? Ich war meine ganzen 20er lang Single oder in komischen on und off Tragödien – war gerne alleine – und manchmal auch nicht. Habe mich selbst gefeirt und bin in Liebeskummer verskunken. Nun seit drei Jahren glücklich liiert. Und? Habe ich beschlossen, einfach nicht mehr beziehungsunfähig zu sein? So ein Quatsch. Das Schicksal hats gerichtet – und es hat einfach mal gepasst. Ich glaube nicht an eine Generation beziehungsunfähig – ist der Freundeskreis über dreißig oder auch schon davor, gehts los mit Hochzeiten, Babies und Co. Ich bin mir sicher, das wird bei den heute 25 Jährigen in fünf Jahren auch so sein.

    • Achso: Und genauso OK ist es natürlich Single zu sein und keine Beziehung zu wollen. Es ist doch schön, dass die Konvention sich langsam verändert und alle Lebensmodelle zulässt – ein Generationen Phänomen kann ich allerdings wirklich nicht beobachten.

      • Vielen Dank für deine Kommentare und den Einblick! Ich finde, du hast das sehr schön auf den Punkt gebracht. Grüße!

  • Endlich mal jemand, der wieder klar bei Verstand ist und nicht nur mit dem ganzen Hype mitschwimmt…

    „Man kann, wenn man will“

    BRAVO und PERFEKT – mehr will ich dazu nicht sagen!!

  • GENAU! Ich kann diese ganzen Generation Y-Texte wirklich mehr ertragen. Ständig werden wir alle als beziehungsunfähige Einhörner dargestellt, die im Leben sowieso gerade alles falsch machen. Ahja, danke für die Differenzierung!

    • Stop, bitte nicht die Einhörner mit reinziehen! 😉
      Ja, Differenzierung ist derzeit passé, leider. Das müssen wir ändern. Danke!

      Liebste Grüße,
      Anika

  • Hallo Anika,
    ich habe deinen Blog ganz zufällig über „im Gegenteil“ gefunden 🙂 Reiseblogs finde ich ganz fantastisch und dein Blog gefällt mir sehr gut.
    Nun zum Thema: ich kann dieses Wort „Beziehungsunfähig“ nicht mehr ertragen. Ich denke, unsere Gesellschaft sucht nach Ausreden, warum man länger Single ist. Doch irgendwie gibt sich damit die Gesellschaft sehr zufrieden als „Beziehungsunfähig“ abgestempelt zu werden. Wieso nur?
    Ich selbst bin seit vielen Jahren glücklich vergeben. Der Großteil meines Freundeskreis ist ebenfalls in festen Händen und die Singles? Die wollen lieber einen Partner an ihrer Seite.
    Tatsächlich habe ich bei „im Gegenteil“ das erste Mal vom Begriff gelesen. ;D
    Viele Grüße
    Natalie
    https://www.livolett.de

  • Liebe Anika,
    ich bin durch einige Blogrolls auf deinen Blog gekommen und finde es richtig toll, so authentisch geschrieben, genau solche Menschen mag ich. 🙂 Alleine reisen oder mit dem Partner, das finde ich super. Ich bin auch ab und an alleine gereist.
    Auch schließe ich mich euch an, dass wir diese Schublade „Beziehungsunfähig“ gar nicht brauchen. Ich selbst bin seit über 5 Jahren Single (nach einer langen 7-jährigen Beziehung), mal genieße ich das Alleinsein von ganzem Herzen, mal habe ich Liebeskummer… aber ich sehe es genauso, dass das dazugehört, alles seine Zeit hat, auch wenn ich ab und an eine Phase habe, dass mir ein Partner sehr fehlt. Jedoch glaube ich gar nicht, dass es Singles schlechter gehe als andere, wir haben alle gute und schlechte Zeiten, egal welchen „Status“ wir haben. Da sprichst du mir aus dem Herzen. 🙂 Danke dir!
    Liebe Grüße Lea

    • Vielen Dank, liebe Lea, für deine Worte. Ich bin wirklich froh, mit dem Text einige angesprochen zu haben. Im Nachhinein hat mich das sogar etwas überrascht, da ja so viele mitlaufen bei den Worten „Generation Beziehungsunfähig“.

      Liebst,
      Ani

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