#Kaffeesätze (11): Weil eine Meinung im Kopf noch lange keine Meinung ist

Gina und ich sind beide grosse Fans von Kaffeedates mit Süßkram. Deswegen gibt es unsere #Kaffeesätze: Wenn eine von uns etwas beschäftigt und unbedingt über eine Angelegenheit ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach. Und trinkt dabei genüsslich einen Kaffee.
Wir sprechen uns weder ab, noch wissen wir, welches Thema auf uns zukommt. Das Resultat sollen zwei kleine Kolumnen sein, auf die sowohl Leser als auch wir selbst gespannt sind. Unter dem Hashtag könnt ihr uns finden und mit diskutieren.

 

Gina sagt:

Kaffeesaetze

Gina sitzt Samstagmorgens am liebsten mit ihrem Freund im Café und brainstormt über die neuesten kreativen Streiche.

Liebe Ani,

es geht mir gut. Sehr gut sogar. Ich lebe in einer schönen Wohnung mit dem besten Menschen, den ich kenne, in einer Stadt, deren Ecken und Kanten ich toll finde, und in der ich wunderbare Menschen getroffen habe. Mein Kühlschrank ist voll, mein Herz ist voll, auf meinem Wohnzimmerboden steht eine Reihe von gerahmten Postern – Aufnahmen meiner Reisen in diesem Jahr.

Doch dann. Ein falsches Wort vom Kollegen, ein schiefer Blick in der U-Bahn, und das Wetter vor dem Fenster ist auch scheiße. So viele wunderbare Projekte, so viel in Planung, dass ich in der Redaktionssitzung mal kurz aufstehen und auf dem Klo heulen muss, weil grad alles zu viel wird. Es ist Sonntag, und ich schimpfe, dass ich gar nicht lebensfähig bin, weil ich wieder vergessen habe, vor Sonntag noch Klopapier einzukaufen.

Und genau da ist sie wieder, diese unsympathische Person meiner selbst!

Sie verwickelt sich in eigene Befindlichkeiten bis ihr, zumindest zeitweise, komplett die Perspektive verloren geht. Während die Medien Bilder zeigen von Kamerafrauen, die nach Flüchtlingen treten, von Tausenden, die auf ein Bett für die Nacht hoffen. Und sich immer mehr Menschen trauen, furchtbare Dinge in sozialen Netzwerken zu verbreiten, die mittlerweile scheinbar so akzeptiert sind, dass man das nicht mal mehr anonym machen muss.

Aber ich weiß auch, man kann sich online streiten oder den Like Button so energisch klicken wie man will, am Ende des Tages zählt doch nur, ob man danach rausgeht und auch mal mit anpackt, was organisiert oder zumindest den Mund aufmacht, wenn jemand im Umfeld den Klassiker „Ich bin ja kein Nazi, aber…“ los lässt (und sich im Anschluss schleunigst fragt, in welcher Gesellschaft man sich eigentlich tagtäglich so aufhält).

Man kann nicht alles richtig machen und schon gar nicht allen recht. Da hört man dann Sätze wie: „Warum im Tierschutz engagieren, wenn es genug Menschen gibt, denen es nicht gut geht?“, „Warum in Afrika helfen, wenn auch in Deutschland Menschen auf der Straße leben?“, „Du bist nur Vegetarierin? Wie inkonsequent!“ – tzz!

Es geht mir gar nicht darum, an dieser Stelle wieder aufzubauschen, was derzeit eh medial thematisiert wird. Es geht mir um alles, was schief läuft derzeit, die kleinen und großen Dinge, das Unrecht an Menschen hier und anderswo, an Tieren, an der Umwelt. Dass das manchmal so viel ist, dass es lähmen kann, aber dass es eben das nicht tun darf. Dass die einzige Chance, die wir haben, ist, all dem so viel Liebe entgegen zu setzen, wie wir zu geben im Stande sind, in jeglicher Form.

Und sich selbst zu kneifen, wenn man sich mal wieder im Alltagsgejammer verliert.

 

Ani sagt:

Cappuccino und kleiner Tiramisu in der Bar Centrale in München

 

Liebe Gina,

mit deinen Worten triffst du gerade, und da bin ich sicher nicht die einzige, einen wunden Punkt bei mir.

Vor ein paar Tagen bin ich aus Bénin zurückgekommen. Nach 10 Tagen Westafrika sitze ich wieder in meinem kuschelweichen Bett, trinke Kaffee, der per Knopfdruck frisch in meiner Küche gemahlen wird und bestelle einen höchst überfälligen Wollpullover bei Zalando.
Während ich diese Zeilen schreibe und ein kleines Schamgefühl meine Wirbelsäule empor kriecht, versuche ich mir gleichzeitig auf die Schulter zu klopfen. Wofür? Dafür, dass mir mein Luxus zumindest bewusst ist und ich ihn dankbar genieße.

Wir erleben gerade wirklich heftige Dinge. Bilder, die sonst nur über den Bildschirm flirren, und die wir jederzeit wegzappen können, sind greifbar geworden und spielen sich vor unseren eigenen Augen ab. Als ich vor einem Monat im Hauptbahnhof in München stand und meine Spenden abgab, beobachtete ich, wie die ankommenden Flüchtlinge aus Österreich und Ungarn aus dem Zug stiegen. Ich habe das Bild, obwohl an sich kaum mit Dramatik untermalt, fast nicht ausgehalten. Weil mir bewusst war, was hinter ihnen lag und weil ich gleichzeitig wusste, dass ich es trotzdem nie verstehen und ganz begreifen kann. Weil’s mir schlichtweg zu gut geht.

Dann, in Afrika, als ich mich in jedes einzelne Kind verliebt und sein Schicksal aufgenommen habe, wurde mir klar, dass mein Glück, so zu leben, wie ich leben kann, gleichzeitig bedeutet, Verantwortung für andere zu übernehmen. Wie du sagst: Nicht nur den Button drücken, nicht nur schreiben, sondern hingehen, anpacken, Mund aufmachen. Und wenn’s nur Kleinigkeiten sind, wie mein iPhone zu spenden anstatt zu verkaufen.

Es gibt eine Sache, die ich nicht leiden kann, Gina. Wenn Menschen nicht reflektieren.

Dabei ist damit so unglaublich viel gewonnen. Denn läuft es gut mit der Reflexion, merkt man, dass es gar nicht mehr ohne geht, und das ist der erste Schritt, in Zeiten wie diesen. Das heißt nicht, dass man von nun an ein schlechtes Gewissen beim nächsten Strandurlaub haben muss. Im Gegenteil – genießen! Und schätzen. Denn sich und sein eigenes Leben zu geißeln ist nicht Sinn der Sache. Aber bewusst leben – ein Stück weit.

Es ist nicht leicht, den eigenen Alltagstrott zu durchbrechen. Weil wir alle Angst vor Veränderung, vor Verurteilung und Auseinandersetzung haben. Aber ich finde, wir sind schlichtweg dazu verpflichtet, nicht zu schweigen. Und unser Leben zu überdenken, immer und immer wieder. Wie heißt es im Englischen so schön? There’s no harm in trying.

 

One comment

  • Hi ihr zwei,
    ihr habt ein Thema angesprochen, dass uns alle betrifft aber doch anscheinend oft so wenige kümmert. Ich frage mich häufig, wie Menschen es schaffen, NICHT zu reflektieren. Wie sie es schaffen, so viele Dinge aus dem leben auszublenden und zu übergehen. Aber ich glaube, wir sind verdammt gut darin, uns selbst zu belügen. Die kleinen Stiche im Brustkorb und das leichte ziehen in der Magengrube zu ignorieren. ‚Ich glaub, der letzte Kaffee war zu viel‘. Und ja, es stimmt: Wir können nicht jedem helfen und die Welt retten. Aber jeder kann seinen Teil dazu beitragen, sie ein Stückchen besser zu machen, einen Moment des Glücks, der Dankbarkeit, des Aufatmens zu spenden. Ich persönlich versuche, durch Gespräche und Diskussionen ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Bei mir selbst und bei anderen. Auch ich kann mir viele Dinge nicht wirklich vorstellen, musste weder flüchten noch ins Gefängnis oder auf der Straße leben. Aber ich kann versuchen, zu verstehen, indem ich darüber mit anderen rede. Am besten auch mit Betroffenen (was manchmal durch eigene Hemmungen bei heiklen Themen gar nicht leicht ist). Schwieriges Thema auf jeden Fall, diese Selbstreflexion!

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