#Kaffeesätze (12): Aus dem Leben einer Hobbylosen

Gina und ich sind beide große Fans von Kaffeedates mit Süßkam. Deswegen gibt es unsere #Kaffeesätze. Wenn eine von uns etwas beschäftigt und ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach. Und trinkt dabei genüßlich einen Kaffee.

Wir sprechen uns weder ab, noch wissen wir, welches Thema auf uns zukommt. Das Resultat sollen zwei kleine Kolumnen sein, auf die sowohl Leser als auch wir selbst gespannt sind. Unter dem Hashtag könnt ihr uns finden und mitreden. Diesmal: Hobbys

Ani sagt:

kaffeesaetze_anidenkt

Samstags: Kaffee, Kuchen backen und nur schöne Dinge machen.

Liebe Gina,

als ich kürzlich die Headline „Ich habe keine Hobbys“ gelesen habe, dachte ich mir: Na halleluja, bin ich wohl doch nicht die Einzige. Denn ich habe wirklich keine. Glaube ich. Und das kam so:

Früher, als das Poesiealbum in der Klasse weitergereicht wurde und du mit Stolz sagen konntest, ja, ich darf da auch reinkrixeln!, kam auch schon die nächste Herausforderung: Die Zeile für die Hobbys. Ich wollte hier immer etwas richtig Kreatives reinschreiben, nicht nur das, was alle anderen auch machen. Kino gehen, Diddl, Musik hören. Letztlich standen allerdings genau diese drei Bausteine für meine komplette Freizeitbeschäftigung.

Irgendwann, als ich mich traute, fernab dieser alltäglichen Dinge genau das zu kommunizieren, was ich wirklich gerne tat (Theater spielen, schreiben), hatte ich endlich was in der Tasche. Meine Hobbys waren außergewöhnlich (auch wenn ich zugeben muss, dass ich das Briefmarken sammeln tatsächlich nicht ausgelassen habe)! Und so wichtig für mich, dass ich letztlich genau das tat, was die meisten Menschen tun, die ihre Leidenschaften brav pflegen und gedeihen lassen: Ich habe sie zum Beruf gemacht. Erst die eine, dann die andere. Der Umkehrschluss? Seit Jahren bin ich wieder hobbylos. Was für eine Tragödie, ein Teufelskreis par excellence.

So oft lausche ich Gesprächen, in denen Sportarten und Freizeitaktivitäten fallen, die mir entweder gar nichts sagen oder mich schaudern lassen. Und dann frage ich mich immer: Ist mein Leben wirklich so langweilig, wie es mir scheint? Warum kann ich mich nie aufraffen, meinem Freund endlich den Wunsch zu erfüllen, auch nur einen verdammten Sonntag lang in die Kletterhalle zu gehen?

Warum ist Basteln das Grauen für mich und Gesellschaftsspiele der Tod?

Ich finde darauf keine Antwort, außer eine höchst ehrlich Vermutung: Was ich nicht kann, mag ich nicht. Darunter fallen eben auch viele Hobbys anderer. Und Mensch ärgere dich nicht.

Deswegen bin ich aber kein Einsiedler und wenn mich jemand fragt, ob ich am Wochenende etwas unternehmen möchte, dann ist es gut möglich, dass ich diese Frage bejahe. Ich koche gerne mit Freunden und ich würde am liebsten viel öfter wandern gehen, da ich leider immer wieder vergesse, dass die Alpen ja doch sehr nah sind. Aber alles, was mit einer gewissen Ausdauer und einem gewissen Engagement verbunden ist, hat bei mir keine Chance. Außer eben genau die Dinge, mit denen ich mittlerweile mein Geld verdiene.

Ich glaube, Gina, du kannst nachvollziehen, warum es mich manchmal so erfüllt, Samstagabend (heute) zuhause zu sitzen und zu schreiben, weil da diese Idee in meinem Kopf kreist, die eventuell ein neues Buch werden könnte. Und warum mich genau das davon abhält, zum Spieleabend eines Bekannten zu gehen. Ich weiß, ich weiß … wenn wir Geschichten schreiben wollen, sollten wir uns auch ab und an unter diejenigen mischen, die für unsere Inspiration stehen. Stimmt absolut.

Und weißt du was? Mir war das lange Zeit sehr unangenehm, zu leben ohne Hobbys. Ehrlich.

Ich dachte so oft, mein Alltag sei öde und wenn ich nicht gerade auf Reisen etwas Verrücktes erlebte, passierte einfach gar nichts. Das stimmt aber nicht. Mein Leben ist einfach nur leise. Die meiste Zeit jedenfalls.

Und das ist genau das, was ich brauche, um den Leidenschaften meine vollste Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdient haben.

Sag mal, hast du Hobbys? Und wenn nicht, wollen wir mal wandern gehen?


Gina sagt:

kaffeesaetze_gina_anidenkt

Ginas Freitagskaffee: In ihrem Lieblingscafé in Köln, wo sie sich jeden Freitag mit kreativen Köpfen trifft und an verschiedenen Projekten arbeitet.

 

Liebe Ani,

das Wichtigste vorweg: Zum Wandern gehen bin ich gerne bereit. Wir beide, entspannt und glücklich durch die Alpen spazierend, eine leichte Brise weht durch die Haare, die Rucksäcke gefüllt mit Picknickleckereien und eine Kamera um den Hals. Wir lachen, wir erzählen uns Geschichten, alte und neue, keiner unserer schicken Wanderschuhe drückt und wir kehren pünktlich und genau im richtigen Grad erschöpft abends ins Brauhaus ein, um auf einen gelungenen Ausflug anzustoßen. Ein Bild für die Götter nicht wahr? Und da liegt auch schon das Problem verborgen:

Ich liebe die Idee von gewissen Beschäftigungen mehr, als dass ich die Beschäftigung liebe.

Die doofe Realität funkt mir dann dazwischen, wenn ich in der Yogastunde, statt mich gekonnt von einer Position in die nächste zu verbiegen, ordentlich ins Schwitzen komme und mein herabschauender Hund ganz schnell aussieht wie ein sterbender Schwan. Sie holt mich ein im Tanzkurs, im Weinseminar und wenn der Freund mich zum Campen mitnimmt und mich vor Ort statt Lagerfeuerromantik und Naturnähe Ameisen und Zelthaare erwarten.

Du siehst, auch ich bin stets auf der Suche nach etwas, das man als Hobby bezeichnen könnte. „Du brauchst doch einen Ausgleich“, sagen Freunde, wenn sie hören, wie viele Stunden man sich so mit dem Schreiben und Fotografieren, dem Reisen und Social Media beschäftigen kann – und zwar oft sieben Tage die Woche. Und weil das so viele Menschen sagen, mache ich mich eben auf die Suche nach jenem „Ausgleich“ – wohlwissend, dass das, was ich am liebsten tue, eigentlich schon meine Tage erfüllt.

So wie du sagst, du magst es nicht, Dinge zu tun, die du nicht besonders gut kannst, ist es bei mir vor allem so, dass ich das, was ich tue, immer mit hundert Prozent machen will. Hundert Prozent meiner Zeit, hundert Prozent meiner Energie. Und wenn mich dann ein Hobby rundherum erfüllt, dann wird es sofort in dieses Freelancerleben integriert und damit dann auch im Nullkommanichts genau das: Ein Job.

Und so war dann das erste, was mir zu deinem Vorschag einfiel eben nicht, „was für eine herrliche Idee, ein paar Tage in den Alpen zu verbummeln und auszuspannen“.

Nein, in meinem Kopf rasen die Gedanken: traumhafte Fotomöglichkeiten, spannende Menschen treffen, ein Kaffeesätze-Alpenspezial!

Aber jetzt mal ehrlich? Ich liebe meine kleine Welt aus Überstunden aus Leidenschaft, aus zwölf Stunden Arbeit an Sonntag und Dienstagmorgenden im Café. Lieber schwänze ich mal eine Verabredung, weil ich so gerne noch ein bisschen weiter arbeite, als mich fünf Tage lang durch die Arbeit zu quälen und nur für die Verabredung am Wochenende zu leben.

Und so verbleibe ich dann, hobbylos und glücklich,

deine Gina.


Alle Kaffeesätze zum Nachlesen gibt es hier.

5 comments

  • Da kann ich mich direkt mit einklinken. Nur, dass ich auch noch einen „langweiligen 9-to-5-Bürojob“ habe. Genau das war auch mal mein „Problem“. Ich war in meinem Studium relativ eingespannt: Uni von 8 bis halb fünf oder fünf, dazu die Fahrtzeiten von ca. einer Stunden und dann noch Arbeiten, die abgegeben werden mußten, lernen, Geld verdienen. Da blieb keine Zeit für Hobbies. Dann war das Studium vorbei und mein erster Job war im Außendienst: 8 – 17 Uhr inkl. 1 Stunde Mittag und abends mußten noch Berichte geschrieben und Daten gepflegt werden. Gut, wenigstens die Wochenenden hatte ich dann schonmal, aber auch eine Fernbeziehung… Irgendwann hab ich meine derzeitige Stelle angetreten, relativ feste Arbeitszeiten, inzwischen Single. Und immernoch kein Hobby. Eine zeitlang bin ich im Fitnessstudio aktiv gewesen. Dann kam mein Mann dazu, Hausbau, Hocheit, und er hat ein intensives Hobby, dazu einen Sohn und noch weitere Interessen. Von daher bin ich froh, wenn ich einfach mal meine Ruhe habe und NICHTS tun kann. Ich brauch kein Hobby!

    LG Stephi

    • Hey Stephi,

      danke dir für deinen Einblick, ich hab bei deinem letzten Satz echt gelacht. Mir geht’s ähnlich und vielleicht ist Ruhe haben mit Buch lesen o.Ä. auch ein Hobby 😉
      Alles Liebe,
      Anika

  • Also wenn ihr das mit dem Wandern doch irgendwieirgendwoirgendwann mal durchziehen wollt – gebt Bescheid. 🙂

  • „Ich liebe die Idee von gewissen Beschäftigungen mehr, als dass ich die Beschäftigung liebe.“

    Die besten Aussage aller Zeiten 😀 Ich kenne das nur zu Gut. Meine Hobby war auch immer nur
    mit Freunden treffen 😀 😀

Join the discussion

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.