#Kaffeesätze (7): Stress, stressiger, deutsch.

[Gina und ich sind beide große Fans von Kaffeekränzchen mit Sojamilch und Schoki. Deswegen gibt es unsere #Kaffeesätze: Wenn eine von uns etwas beschäftigt und unbedingt über eine Angelegenheit ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach, ob sie will oder nicht. Und trinkt dabei genüsslich ein Käffchen. Wir sprechen uns weder ab, noch wissen wir, welches Thema auf uns zukommt. Das Resultat sollen zwei kleine Kolumnen sein, auf die sowohl Leser als auch wir selbst gespannt sind. Unter dem Hashtag könnt ihr uns finden und mit diskutieren.]

 

Ani erzählt:

Nachmittags im anidenkt.-Büro!
Nachmittags im anidenkt.-Büro – sieht gar nicht nach Stress aus, ne.

Gina, kannst du dir vorstellen, warum die Kaffeesätze so spät bei dir eintrudeln? Ich hatte so viel Stress in den letzten Wochen. Und damit hätten wir das Stichwort parat: Stress. Ein Begriff, der mich nervt, sobald ich ihn ausspreche. Oder schreibe. Denn ehrlich gesagt, was soll das eigentlich, mit diesem ganzen Stress? Egal, wen ich anrufe oder mit wem ich spreche, zugespielt werden immer die gleichen Antworten Ausreden. Diese Woche nicht, ich bin super verplant. Nein, ich schaffe das heute nicht mehr, es ist einfach zu viel zu tun.

Jap. Jap. Jap. Diese Worte verlassen ständig meinen Mund, nur langsam fallen sie mir zumindest auf und ich fange an, mich nicht mehr ausstehen zu können. Denn woran liegt eigentlich dieser Stress? Ha, ich weiß es, ich weiß ich! Darf ich?

Teilweise daran, dass ich zu viel Zeit damit verbringe, meine to-do-Listen zu ordnen und pink anzustreichen, um sie dann kurz vor dem Einschlafen umzuwerfen und blau zu bemalen. So in etwa. In der Zeit, in der ich mich organisiere, hätte ich einfach mal anfangen können.

Auf der anderen Seite – vor allem beruflich – überschlage ich mich regelrecht. Bearbeite mehrere Aufträge gleichzeitig und schreibe nach Feierabend am Blog weiter. Wenn ich dann in diese ungläubigen Was-du-hast-das-schon-alles-erledigt-Augen blicke, dann klopfe ich mir innerlich stolz auf die Schulter. Und falle dabei nach vorne um, denn ich bin vollkommen fertig.

Stress. Grauenvolles Wort. Kein Wunder, dass Ausländer die Deutsche Sprache so hart und rau finden, sind die Deutschen doch durchgehend gestresst und benutzen daher wahrscheinlich ausschließlich diesem Substantiv verwandte Worte in ihrem Sprachgebrauch. Mir wird so einiges klar.

Die von mir sehr geschätzte Buchautorin Louise L. Hay hat mal gesagt: Stress gibt es nicht, er ist eine Erfindung der Gesellschaft. Ich hoffe, das ist wirklich so, denn dann haben wir es in der Hand, ihn in alle erdenklichen Abgründe zu stoßen. Und uns später, pfeifend und mit Grashalm im Mund, auf der nächstbesten Blumenwiese niederzulassen.

Ein Geständnis zum Schluss: Ich schreibe diesen Kaffeesatz auf der Arbeit. Huch. Aber nicht, weil ich privat keine Lust drauf hätte, im Gegenteil: Ich habe Bedenken, dafür keine Zeit zu finden. In diesem Sinne die immer gleiche Moral von der Geschicht’: Ich habe verstanden, nur umsetzen tu ich nicht.

 

Gina erzählt:

Diese Foto hat Gina im brandneuen Fräulein Frida Café geschossen.
Diese Foto hat Gina im brandneuen Fräulein Frida Café geschossen.

 

Liebe Ani, ich gebe dir da absolut Recht: Früher lautete die smalltalkkonforme Antwort auf die Frage „Wie geht es dir?“einfach nur „Gut!“. Heutzutage ist das anders. Da folgt in der Regel noch ein kleiner Nebensatz a la: „Ich bin derzeit aber total im Stress.“Vielleicht darf es einem heute nicht mehr einfach nur „gut“gehen. Das wird nämlich schnell mit Müßiggang gleich gesetzt und wer heutzutageZeit dafür hat, der ist scheinbar einfach nicht gefragt genug. Stress zu haben bedeutet ja auch, gebraucht zu werden, eine wichtige Position im Job oder im Leben anderer Menschen einzunehmen. In diesem Sinne: Alles richtig gemacht!

Durch die Floskelhaftigkeit des Ausdrucks hört aber auch niemand mehr so genau hin. Es wird immer schwerer zu signalisieren, dass man gerade wirklich eine anstrengende Zeit durchmacht – wenn doch alle immer so im „Stress“sind, welches Recht hat man da noch Hilfe einzufordern, wenn wirklich alles über dem Kopf zusammen schlägt?

Jetzt ereilen neuzeitliche Krankheiten wie „Burn Out“ja besonders häufig eine bestimmte Menschengruppe – nämlich die, die ihren Job von Anfang an wirklich lieben. Die Perfektionisten, die alles selber machen, nur um sicher zu stellen, dass es auch richtig gemacht wird. Ich glaube, liebe Ani, du könntest dazu gehören. Ich tue es auf jeden Fall. Ich arbeite an tausend kleinen Dingen, die ich alle unheimlich gerne tue – bis die Masse von Leidenschaften mich erdrückt.

Jetzt sagst du aber auch, du seist vielleicht einfach nicht effizient genug. Malst bunte To-Do-Listen. Updatest den Terminplaner in der Cloud und dann ertönt das „Ping!“, wenn wieder eine E-Mail in den Posteingang trudelt. Kleine Prokrastinationshelfer, die dem Arbeitsalltag den nötigen Glamour verleihen. Die vom Wesentlichen ablenken – aber was ist denn das Wesentliche?

Ani, ich drücke dir die Daumen, dass du bald wieder durchatmen kannst. Gerne auch, um in Ruhe Grashalme zu kauen. So lange du dein Bestes gibst und auf dich und deinen Körper hörst, sind die eddingneonfarbenen Lichtblicke auf deiner To-Do-Liste vielleicht immer noch nicht effizient, aber auf jeden Fall das geringste Problem. Und die Kaffeesätze, die können im Zweifelsfall auch mal warten.

 

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