#Kaffeesätze (8): Von der Gratwanderung, zu viel preiszugeben

[Gina und ich sind beide große Fans von Kaffeekränzchen mit Süßkram. Deswegen gibt es unsere #Kaffeesätze: Wenn eine von uns etwas beschäftigt und unbedingt über eine Angelegenheit ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach, ob sie will oder nicht. Und trinkt dabei genüsslich ein Käffchen. Wir sprechen uns weder ab, noch wissen wir, welches Thema auf uns zukommt. Das Resultat sollen zwei kleine Kolumnen sein, auf die sowohl Leser als auch wir selbst gespannt sind. Unter dem Hashtag könnt ihr uns finden und mit diskutieren.]

Gina erzählt:

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Liebe Ani, ich habe heute eine ganz simple Frage an dich: Was schreibst du? Und du könntest jetzt natürlich den Kopf schütteln und lachend sagen „Na, Worte. Auf Papier.“ Aber ich glaube nicht, dass du das tust. Ich glaube, du verstehst, was ich meine.

Trotzdem versuche ich es mal genauer zu formulieren: Wer schreibt, der holt sich seine Gedanken und Ideen ja zu einem großen Teil aus der Welt, die ihn umgibt. Die Menschen, die einem begegnen und die Orte, an denen man sich befindet, formen mal bewusst, mal unterbewusst, auch das, was am Ende des Tages durchtränkt mit der eigenen Wahrnehmung auf Papier (oder das Word Dokument) gebracht wird. Und in letzter Zeit kam ich öfter an einen Punkt, wo ich mich gefragt habe: Kann ich das jetzt so aufschreiben und veröffentlichen? Will ich das?

[pullquote]…ganz egal, was ihre Erzählungen auslösen oder wozu sie mich inspirieren, es bleiben ihre Geschichten.[/pullquote]

Zum einen natürlich zum Schutz der Menschen um mich, denn ganz egal, was ihre Erzählungen oder Erlebnisse auslösen oder wozu sie mich inspirieren, es bleiben ihre Geschichten. Aber auch im Bezug auf mich stelle ich mir diese Frage, wenn mein Bedürfnis zunächst laut „Mitteilen!“ ruft und im Eifer mögliche Konsequenzen ausblendet. Denn die Herzensnähe eines Themas oder Erlebnisses birgt ja auch stets Gefahr.

Ein, zweimal ist mir das schon passiert. Dann habe ich den Post nachträglich entfernt und mich ein bisschen geärgert über mich, weil ich das Bedürfnis, etwas zu kommunizieren, vor mein Bauchgefühl gestellt habe. Ist dir das auch schon mal passiert? Wo ziehst du die Grenze auf deinem Blog zwischen erfrischend ehrlich und einfach zu privat?

Schreiben ist ja auch immer irgendwie ehrliches Schreiben. Und gerade ein Blog lebt von dem Menschen, der denselbigen führt, der seine Persönlichkeit durchschimmern lässt, zwischen den Zeilen. Auch mal verletzlich ist. Oder wütend. Oder unkluge Entscheidungen trifft.

„Ich hab deinen Blog gelesen“, sagt eine neue Freundin, die erst vor kurzem von meinen Interneteskapaden erfuhr, ganz nebenbei bei einem gemeinsamen Abend. Und obwohl ich weiß, dass ich, wenn ich den kleinen blauen „Publish“-Button drücke, meine Worte und Fotografien in die Welt hinausschicke, wo sie jeder sehen kann, erschrecke ich dennoch immer noch ein wenig, wenn die kleinen Buchstaben auf dem flimmernden Bildschirm plötzlich bei Menschen in der Realität ankommen. Bekloppt, oder?

 

Ani erzählt:

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Liebe Gina, nein, nicht bekloppt. Ich reiche dir die Hand, weil ich das so gut selbst kenne.

Bei mir haben diese Gedanken schon in der Schauspielschule angefangen. Kurz vor der Zwischenprüfung gab es eine ganz tolle Szene für mich, mit viel Geschrei und einem Kampf zwischen der Antagonistin und mir. Irgendwann kamen wir bei den Proben an einen Punkt, an dem mein Lehrer von mir erwartete, dass ich starke Emotionen zeigte, aber ich konnte die Rolle drehen und wenden, sie nachts in meinen Träumen auf den Kopf stellen: Es passierte einfach nichts. In diese Unfähigkeit steigerte ich mich so sehr rein, dass ich eines Tages bei der Probe alles gab, körperlich und seelisch. Ich war puterrot von Energieschüben und heulte und zitterte und schrie, auf einmal klappte alles und am Ende erfüllte betretenes Schweigen den Bühnenraum.

Was ich damit sagen möchte, ist: Ich weiß nicht, ob ich überhaupt so viel von mir preisgeben wollte? Von meiner persönlichen Angst, der Rolle nicht gerecht werden zu können. Das war es nämlich, was hinter meinen Tränen steckte.

Man möchte meinen, das Schreiben sei eine viel langsamere Angelegenheit. Erst mal ganz viel denken, dann ab und an was krixeln, die Worte ausbessern, Synonyme googeln, Absätze schaffen, um den Worten einen nötigen Raum zu geben, ihre eigene Bühne sozusagen. Doch manchmal, wenn ich durch die Straßen laufe und mich ein Gedanke überströmt, dann flitze ich nach Hause, der Text sprudelt, die Finger fliegen und die „Veröffentlichen“-Taste wird ohne zu Zögern im Anschluss gedrückt. Fertig, zurücklehnen – und nun? Werde ich eventuell meinen Mitmenschen mit meinem Schwall an Gedanken und Gefühlen, die kaum Platz machen für eine Betrachtung von außen, auf die Füße treten? Wird sich jemand ertappt fühlen, obwohl er vielleicht überhaupt nicht angesprochen ist?

Früher, als ich noch sehr viel über Liebe geschrieben habe, hörte ich oft den warnenden Satz „das schreibst du aber nicht auf deinem Blog“, bevor eine Freundin ansetzte, mir von ihrem Herzschmerz zu berichten. Und ich fragte mich immer: Wo ist die Grenze, ihre persönliche Geschichte nicht für mich selbst zu nutzen und haben wir nicht alle einen Nutzen, wenn wir darüber reden? Immer?

[pullquote]…weil manches besser unausgesprochen bleibt, bis das Bauchgefühl stimmt.[/pullquote]

Ich habe einige Texte gut verstaut in der virtuellen Schublade, auch Artikel, die ich schon geplant hatte zu veröffentlichen, mich aber in letzter Sekunde um entschieden habe. Weil ich nicht wollte, dass Freunde sich ausgestellt fühlten und weil manches besser unausgesprochen bleibt, bis das Bauchgefühl einfach stimmt.

Blogger, Autoren, Schauspieler, Journalisten, nimm, wen du willst – wir alle wollen doch erzählen. Und nicht nur von uns, sondern vor allem vom Rest der Welt.

 

P.S. Gina hat ihren Blog neu aufgezogen und dem Baby sogar einen neuen Namen gegeben – schaut mal rein, er ist wundervoll geworden (auch wenn er das schon vorher war)

 

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