#Kaffeesätze (9): Die neue Ehrlichkeit

Gina und ich sind beide grosse Fans von Kaffeedates mit Süßkram.. Deswegen gibt es unsere #Kaffeesätze: Wenn eine von uns etwas beschäftigt und unbedingt über eine Angelegenheit ihren Senf dazu geben möchte, dann tut sie das. Die Andere zieht nach. Und trinkt dabei genüsslich einen Kaffee.

Wir sprechen uns weder ab, noch wissen wir, welches Thema auf uns zukommt. Das Resultat sollen zwei kleine Kolumnen sein, auf die sowohl Leser als auch wir selbst gespannt sind. Unter dem Hashtag könnt ihr uns finden und mit diskutieren.

 

Ani sagt:

Ich krieg diesen verfluchten Schaum nicht hin. Ansonsten ist es bei mir morgens ganz gemütlich.
Ich krieg diesen verfluchten Schaum nicht hin. Ansonsten ist es bei mir morgens ganz gemütlich.

Liebe Gina,

ich bin heute morgen um halb 9 aus dem Bett gekrochen, habe Kaffee gekocht, dann bin ich mit einer heißen Tasse voll Hoffnung auf Wachsamkeit zurück ins Bett, danach zur Arbeit, habe dort kontinuierlich prokrastiniert, bin mit müden Augen nach Hause gelaufen und habe nun ein schlechtes Gewissen.
Ich bin Teil der Neuen Ehrlichkeit. Tut das weh? Nicht so wirklich. Ganz ehrlich! Hä? Von vorne.

Die New Sincerity-Bewegung gibt es schon seit einigen Jahren. Die Vertreter unserer Generation wären Menschen wie Lena Dunham (mit der ich relativ wenig anfangen kann) oder Bon Iver (mit dem ich beyond viel anfangen kann). Stundenlang mit Kopfstimme über Liebeskummer säuseln? Mein Metier. Aber unterm Strich sind die beiden, eben wie alle authentisch bepinselten Ehrlichkeitsfanatiker, in erster Linie schlichtweg aufrichtig. Und das finde ich wiederum löblich, als Gegensatz zu unserer perfekt dressierten Zirkusgesellschaft schon fast notwendig.

Aber – und das aber kommt auf Stichwort – die Frage ist doch:
Wer kann mit dieser aufblitzenden Ehrlichkeit umgehen?

Das ist nämlich gar nicht so einfach. Ich rede hier nicht nur davon, wie schwierig es sein kann, ein aufrichtiges Kompliment annehmen zu können, sondern von ebendiesen Vertretern der New-Sincerity-Bewegung: Ehrlich zu sein kann weh tun, kann hart sein. Und manchmal wendet man den Blick von der Fairness und Freundlichkeit ab, wenn unkontrollierbare Worte herauspurzeln, wollen sie doch einfach nur gehört werden.
Beispiel: Würde deine Freundin ein sehr unvorteilhaftes Kleid tragen, würdest du das wahrscheinlich so nicht formulieren. Du würdest ihr vielleicht sagen, warum es dir nicht gefällt, aber wenn sie dich nicht nach deiner Meinung fragen würde, würdest du vielleicht einfach nur die Klappe halten und deine Gedanken unter den Teppich der Geschmackssache stopfen.
Würde aber Kim Kardashian in ebendiesem Outfit auf der Bühne stehen, wärst du in deiner Wortwahl kaum zu bremsen.

Klar, die Kimmy kennst du nicht persönlich und sowieso mag die keiner, nicht mal Kanye.

Ehrlichkeit richtig einzuschätzen, zu nutzen und präsentieren zu können, ist nicht Jedermanns Sache. Sie ist schließlich eine Tugend und die kommt nicht von ungefähr.

Ich tue mir manchmal schwer, aufrichtig zu sein. Weil ich niemanden verletzten will, indem ich etwas sage, das verletzen könnte. Aber gleichzeitig macht es mich rasend, wie sich so viele Menschen durch ihr eigenes Leben mogeln. Dabei kann Ehrlichkeit doch wirklich wundervoll sein. Ungemein befreiend. Und genau diesen Spagat, zwischen Notwendigkeit der Worte und Sanftmut im Ausdruck, den möchte ich lernen.
Ganz ehrlich.

 

Gina sagt:

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Bei Gina gab es heute Morgen den Kaffee schwarz, während sie sich durch „Wild“ ackert.

 

Liebe Ani,

es gibt diese Menschen, bei denen bekomme ich schon beim bloßen Zuhören Knoten im Bauch. Es sind solche, die irgendwann achselzuckend im Gespräch die Worte fallen lassen „Ich bin halt n’ ehrlicher Typ!“. Was sie damit sagenwollen: Ich bin aufrichtig, unverfälscht & so klug, dass du meine Meinung berücksichtigen solltest. Was bei mir ankommt: Ich bin ignorant und nehme mir unter dem Mantel der „charmanten Ehrlichkeit“ einfach heraus, meine stumpfe Meinung allen vor den Latz zu knallen. Und jetzt darfst du dich nicht mal beschweren, denn ich bin eben so!

Nope, auf diese Ehrlichkeit darf gerne verzichtet werden!

Eine andere Form der Ehrlichkeit ist die gegenüber sich selbst. Und ist es nicht genau diese, die unsere Herzen im Sturm erobert, wenn Bon Iver davon singt, vor Weltschmerz nicht mehr aus dem Bett zu kommen?

Wir wollen doch nur die Gewissheit, dass die anderen Menschen allesamt noch viel verkorkster sind als wir. Und sich auch noch trauen, das öffentlich auszusprechen!

Das ist eine Art der Ehrlichkeit, die ich in jeglicher Hinsicht feiere. Eine, die (und ja, ich kann es oft selbst nicht mehr hören) so manches Mal verloren geht, zwischen all den Statusupdates und den Instagrambildchen von der einzigen ordentlichen Ecke des Zimmers (schuldig im Sinne der Anklage!). Eine, die uns allen das Leben sehr erleichtern würde, wenn wir nicht ständig das Gefühl hätten, jede kleine Unperfektion verschleiern zu müssen.

Am Ende darf man sich unter dem Mantel der New Sincerity wohl einfach mal an die eigene Nase fassen. Das ist der Schluss, den zumindest ich ziehe, irgendwo zwischen den Stühlen der Sanftmut und Notwendigkeit, wie du es nanntest. Nicht anderen permanent die eigene Weltsicht unter die Nase reiben, sondern mal ganz offen und ehrlich die eigenen Macken aufzeigen. Dann warten, was passiert.

Meine Verkorkstheit im Tausch gegen deine sozusagen.

Und es funktioniert: Öfter mal die klassischen Muster des Smalltalks zu durchbrechen sorgt vielleicht für Überraschung, aber nach kurzer Irritation auf der Gegenseite eben doch häufig für eine angenehme.

Am Ende des Tages tut ein unvorteilhaftes Kleid an meiner geliebten Freundin niemandem weh. Ehrlichkeit mag eine Tugend sein, aber Höflichkeit ist es auch. Kim jedoch, die wird niemals darunter leiden, dass ich meinem Umluft Luft mache.

Vielleicht geht es am Ende einfach um die Frage: Bewirken wir mehr Gutes oder Schlechtes mit unseren Worten? Also, jetzt mal ehrlich.

 

 

2 comments

  • Ich glaube, dazu gibt es keine Alltime-Antwort. Ich gehöre ja eher zu den „zu ehrlichen“ Menschen und muss immer noch lernen, mich ab und zu mal zurück zu halten. Das würde ich definitiv nicht als tolles Vorbild bezeichnen.
    Und Leute wie Lena Dunham schon gar nicht. Erstens sehe ich die GIRLS-Mädchen absolut nicht als Beispiel meiner Generation … und zweitens habe ich doch recht oft eher den Eindruck, dass sie sich bewusst hässlich macht. Früher nannte man das von mir aus Punk. Aber nicht Ehrlichkeit.

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