Neuntausendzweihundertachtundsiebzig.

Wir können positive Affirmationen machen, um die Dinge zu erreichen, die wir uns vornehmen. Wir können Sport machen, um Körper und Geist in Einklang zu bringen. Wir können zur Therapie gehen, um zu lernen, wie man den Kopf lenkt und nicht weiterhin von ihm gelenkt wird.

Wir sind lernfähige Wesen und zumindest teilbegabt, was das Leben an sich angeht. Doch wenn man jahrelang, teilweise Jahrzehnte lang, ein Pessimist war oder sich nur von Hiobsbotschaften hat leiten lassen, dann wird es ein bisschen schwierig, von heute auf morgen umzuschalten und einfach glücklich zu sein. Über das was ist, minus der Angst darüber, was kommen mag.

Ich mag es, öfter mal den persönlichen Weltuntergang anzukündigen. Zu leiden und im Selbstmitleid zu versinken, ist auf eine perverse und leider menschliche Art und Weise manchmal ein großes Fest. Kaum wann anders bekommt man derart viel Zuneigung und Aufmerksamkeit, als wenn man darauf hindeutet, wie schlecht die Zeichen für einen stehen würden.

Ich würde dich so unglaublich gerne einfach bitten, nicht zu gehen. Stattdessen zu bleiben und unsere Ordnung nicht durcheinander zu bringen.

Am Einfachsten geht das leider mit den Umständen, die einen zwar selbst betreffen, die man jedoch nicht ändern kann. Zum Beispiel, wenn nahe stehende Menschen Entscheidungen fällen, mit denen man persönlich nicht klar kommt.

Osho sagt, dass wir für alles, was in unser Leben tritt, Verantwortung übernehmen müssen, weil es ein Teil von uns wird – ob wir wollen oder nicht. Und irgendwie macht das doch auch Sinn, schließlich werden wir durch alles beeinflusst, was wir erleben. Wir bilden uns sowieso automatisch darüber eine Meinung, dann können wir auch gleich lernen, damit umzugehen.

Es ist sowieso schwer, einen Einfluss auf Dinge oder Menschen zu nehmen. Gerade Freundschaft besteht darin, miteinander zu wachsen, und wenn man in verschiedene Richtungen wächst, dann ist das der Lauf des Lebens. Ich kann nur für mich eine Verantwortung tragen: Die Verantwortung, einen für mich passenden Weg zu gehen. Und gleichzeitig niemanden zu drängen, umzukehren und zu überlegen. Jeder hat seine Chance, jeder hat das Recht zu gehen. Oder eben zu bleiben.

Ich weiß, du hast deine Gründe. Aber ich habe auch meine.

Egal in welchen Bereichen wir straucheln, uns eventuell unfair behandelt fühlen oder vielleicht sogar gar nicht gesehen werden, ist alles, was wir tun können, Verantwortung für uns zu übernehmen. Was auch sonst? Schreiend und mit dem Fuß stampfend gegen die Wand rennen, in der Hoffnung, wahrgenommen zu werden? Nein, manchmal ist es besser, Entscheidungen im Stillen zu treffen. Unverblümt und nur mit sich selbst. Ungetrübt vom Meinungsschwall anderer Leute, die sowieso auch anders handeln als du.

Wenn mich eine Nachricht erreicht, mit der ich nicht umgehen kann, dann weine ich erst mal ein paar Tage. Das sind auch die seltenen Tage, in denen ich fähig bin, zu schweigen. Und wenn ich dann anfange, meine niedergeschriebenen Reden zu schwingen, merke ich immer wieder, dass ich an der Entscheidung der Person weder etwas ändern kann noch sollte. Manchmal ist Akzeptanz der richtige Weg. Vorausgesetzt, es gibt überhaupt richtig und falsch. Doch in dem Moment, in dem ich etwas wirklich komplett akzeptiere, fällt so eine unglaubliche Last ab, die einem die Augen öffnet, dass man die ganze Zeit die Luft angehalten hatte. Und auf einmal atmet man wieder ein, und sei es auch unter Wasser, wie Lilly Lindner so schön sagt. Sei es noch so widerstrebend von außen zu betrachten, Fakt ist, da ist Verantwortung übernommen worden, da atmet wieder jemand.

Akzeptieren heißt nicht, dass man mit dem Lauf der Dinge einverstanden ist. Aber es heißt, dass man endlich Frieden machen möchte und einsieht, dass die größte Stärke darin liegt, zu vertrauen und das Leben in die Hände der Zeit zu legen.

Geh. Aber komm bitte wieder zurück.

Wenn alles so einfach wäre, wie es sich in Worte fassen lässt, würde die ganze Welt durch heimische Straßen tanzen, wie sie es für Pharrell Williams’ Video tun. Doch bis es so weit ist, freue ich mich persönlich auch an traurigen Stunden in meinem Leben. Denn ohne diese hätte es keine dunklen und Cobain-geprägten 90er gegeben. Lionel Richie hätte nie „Hello“ gerufen und sehnlichst auf das Echo gewartet. Und Shakespeare (oder sein persönlicher Schreiberling) hätte den Herz-Schmerz nicht so zeitlos auf die Bühne gebracht, dass man ihn noch heute in jeder Zelle pochen hört.

Auf die durchweinten Nächte, die Schmerzen in der Brust und die Wut im Blick. Wenn das mal nicht lebendig macht.

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