Nutellatage, Rotweinnächte.

„Gereizt, genervt, Schreibblockade, irrationale Überlegungen bezüglich einem Leben auf einer Insel, wahlweise mit M.“
Das habe ich gestern einer Freundin geschrieben, die mich gefragt hat, wie sich mein Travelblues gestaltet. Aber es ist nicht nur das, warum ich grimmig dreinblicke, es ist die Lücke in meiner Gesamtsituation.

Dass es so viele Menschen gibt, die im Schlafanzug schreiben, ach was, die eine so enge Verbindung zu ihrem Schlafanzug, einer Assipalme auf dem Kopf und ihrer Kaffeemaschine pflegen, wie ich, macht mich irgendwie glücklich. Seitdem ich Anika Deckers fabelhaftes Geständnis „Würdevoll verwahrlosen“ gelesen habe, fühle ich mich wirklich… endlich mal… so richtig… verstanden.
Denn ich, ich schreibe am liebsten im Bett!

Wenn ich sage, dass ich heute geschrieben habe, dann habe ich effektiv und wirklich zwei bis drei Stunden getippt. Den Rest der Zeit laufe ich meist ziellos durch die Wohnung, schaue in den Kühlschrank, dusche, schaue aus dem Fenster, staube sämtliche Flächen ab (mit dem Finger), sitze am Tisch und überlege erneut, meist über das, was ich bereits überlegt habe, gieße meine Blumen und ach ja, verbringe unnötigerweise extrem viel Zeit im Internet, um nach weiteren drei Stunden produktionslosem Nichtstuns so viel sinnfreien Input zu haben, dass mir am Ende gar nichts mehr einfällt.

Es ist Fluch und Segen zugleich. Die Sache mit dem home office. Ich liebe es mehr als alles andere, aber wie bei allen großen Lieben muss man sich ab und an arrangieren, damit es funktioniert.
Blöd formuliert: Du musst der Typ dafür sein. Und du musst es aushalten können, am Ende eines Tages manchmal nur zwei passable Sätze in deinem Text weiter zu sein als am Abend zuvor. Das nennt man dann keinen Lauf haben. Die Frage, die sich mir da manchmal stellt: Lohnt sich das? Schwierig.

So wenig Aufwand ich um das geschriebene zu schreibende Wort betreibe, umso besser. Ich brauche keinen Lippenstift, um eine heiße Liebesgeschichte zu kreieren, das geht auch in Wollsocken und dem Schlafi von Mama, den es zu Weihnachten gab. Muss man ja niemandem erzählen.

Genau deswegen schminke ich mich im Schnitt nur zwei Tage die Woche und das sind genau die Tage, an denen ich das Haus verlasse (ausgenommen das Wochenende, denn wenn Freunde auf einmal Zeit haben, traue ich mich auch nach draußen).

An allen anderen verwahrlose ich vor mich hin. Das allerdings mit Stolz.

Denn manchmal ist das so: Ich wache morgens auf und habe die Idee und ich spüre, ich muss jetzt sofort zu meinem Laptop greifen und loslegen und dann flitzt es los, das Wort, und am Ende habe ich gegen 10:45 und ein paar Sekunden, die vernachlässigt werden können, ein ganzes Kapitel geschrieben und redigiert und nochmal umformuliert und erneut redigiert und es steht und alles ist gut. Der Rest des Tages ist ein großes Geheimnis in Form von elender Prokrastination, schließlich hat man hat ja schon was Großes geleistet heute.

So geht es mir seit Tagen. Ich finde die Charaktere, die ich erschaffe, unsympathisch und verstehe sie nicht, ich lasse sie aber mal machen und schaue, was passiert. Oder ich erfinde Charaktere, in die ich mich Hals über Kopf verliebe und mich dann ärgere, dass es sie nicht gibt, zumindest ausschließlich in meinem Hirn und das hilft wirklich niemandem.

Jemand, der hier wahrscheinlich lieber unbekannt bleibt, der mir aber bei netten Rotweinabenden Gesellschaft leistet und Hilfestellungen bietet, hat mir mal gesagt, dass es beim Schreiben nicht immer nur um Inspiration geht. Klar, kommt sie heute nicht, schreibe ich halt morgen, tüddelü, die Muse küsst, denn sie ist dazu verpflichtet. Das ist schließlich ihr Job.

Nein, falsch gedacht, die Muse macht wat se will und Schreiben, das ist verdammt harte Arbeit. Vor allem dann, wenn nichts geht, außer der Deadline, die rennt. Dann heißt es noch mehr Verloddern, nur das kochen, was eben da ist, eine extrem fragwürdige Affäre mit dem Nutellaglas anfangen (sowie zu Ende bringen) und von vorne. Und wieder von vorne.

Ich liebe meinen Beruf. Mein Beruf ist so viel für mich, dass ich gar nicht wüsste, welcher Mensch übrig bliebe, wäre er weg.

Ich mag die Höhen und Tiefen, weil ich sie brauche, um ebenfalls über Höhen und Tiefen schreiben zu können. Und ich sag’s euch, so viele Artikel, die derzeit offline schlummern und wahrscheinlich nie das Licht der Welt erblicken werden, befinde ich mich definitiv in einer Tiefphase.

Ist aber auch okay. Muss halt nur irgendwann zu Ende gehen. Bis dahin betrachte ich meine Haut, die sich schält, und beweine die Bräune, deren Verlust damit einhergeht, dass Mauritius nur noch eine wunderschöne Erinnerung ist. Was mich übrigens an eine Zeit erinnert, in der ich höchst motiviert war, aber das ist wiederum eine andere Geschichte.

Auch dieser Text ist Teil meiner Prokrastination, hellau. Mittlerweile ist es 17:55 Uhr, hui, das ging schnell. Ich schenke mir, ganz unbewusst, ein Glas Rotwein ein. Nix afterwork, sondern mittendrin. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen: Das Beste entsteht in angetrunkenen Zuständen. Nur was genau, das wird nicht verraten.

 

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19 comments

  • Herrlich!

    Ich schreibe am liebsten im Zug. Möglichst wenig Ablenkung und vor allem kein Internet.

    Macht auch Sinn, sich mal anzusehen, welche großen Schriftsteller alle ein Alkoholproblem hatten … erschreckend :-O

    Tatsächlich würde man wohl ohne die Tiefen nicht annähernd zu schätzen Wissen, wie gut es ist, wenn ein Artikel fliesst 🙂 Leider brauche ich auch das Feedback von außen, das wäre mein Alptraum bei der Erstellung eines Buches, weil es so lange ausbleibt. Respekt diesbezüglich vor dir. Da ist so ein Blog viel leichter!

    • Schön, dass du Spaß hattest : )

      Und ja, das ist wirklich nicht einfach, zwischendurch so wenig Feedback zu bekommen. Sobald man Agenten oder Menschen vom Fach an der Seite hat, wirds besser, weil Mama, Papa, Freund und Freundin finden das Geschriebene ja immer gut, das hilft dann oftmals nicht so wirklich weiter…

      Aber zu dem Alkoholproblem hab ich dir schon auf Facebook geantwortet: Stimmt, kann sein, dass das früher ausgeprägter war. Heutzutage können sich das viele nicht so wirklich leisten, und ich meine nicht finanziell, sondern im Bezug auf Konkurrenz, Abgabetermine etc. Ein Gläschen, um in die richtige Stimmung zu kommen, wenn so gar nichts geht, ist aber nicht verkehrt.

      Lieben Gruß,
      Anika

  • Ahhhhhhhhhhh super! Der beste Text, den ich seit langem gelesen habe 🙂
    Und ich stimme dir hier, hier und dort auch und da… ja und dort und ach ÜBERALL zu.

    Hab ein schönes Wochenende!

  • „Ein Feld, das nicht prach gelegen hat, kann keine gute Ernte hervorbringen“ …..vielleicht hilft es dir den Druck raus zu nehmen….

  • Ach du Liiiiiebe, wie schön. Ich schreibe auch gerne im Bett. Sehr gerne sogar oder auch mal im Café. Ich freue mich schon, wenn du ab Juli mal nach Berlin kommst und wir den ein oder anderen oder anderen oder anderen Rotweinabend machen.

    Küsschen nach M! <3

  • […] und es wirkt so, als würde sie ihre Texte einfach aus dem Ärmel schütteln. Mit dem Text “Nutellatage, Rotweinnächte” hat sie sich selbst übertroffen. Ich wollte bei jedem Satz ein Ausrufezeichen hinkritzeln. […]

  • […] kann ich drei Stunden wandern gehen und mich nach niemandem sehnen. Und ich kann auch ein ganzes Wochenende im Bett verbringen und mich dem bittersüßen Nichts-Tun hingeben. Aber ist es nicht meist so, dass wir danach erst […]

  • liebe anika, der text von anika decker hatte mich schon beruhigt und wenn ich jetzt deinen lese, geht’s mir noch besser! ich denke auch immer, ich verwahrlose vollends, wenn ich mittags um 12.00 immer noch mit wahlweise pyjama- oder jogginghose und das, was du als assipalme bezeichnest am laptop am küchentisch (hier schreibe ich) erwische. dann war ich zwar schon mindestens fünf stunden produktiv, aber habe dabei nicht nur geschrieben, sondern auch die möbel vom staub befreit (ohne staubbtuch), überlegt, dass die blumen mal wieder wasser bräuchten etc. mein rotwein ist der kaffee, ach, es wäre doch zeit, sich mal wieder einen cappuccino zu kochen? trotz aller negativen gedanken, dass ich im home office verlottere, alle außer mir brav um 9.00 ins büro stiefeln und ich hier so (vermeintlich) unstrukturiert vor mich hinschreibe, liebe ich dieses gefühl, denn es bedeutet auch freiheit. liebe grüße vom schwabinger küchentisch, natürlich in jogginghose 😉 alexandra

  • […] jetzt mal ehrlich? Ich liebe meine kleine Welt aus Überstunden aus Leidenschaft, aus zwölf Stunden Arbeit an Sonntag und Dienstagmorgenden im Café. Lieber schwänze ich mal eine […]

  • […] zähle mich nicht zu den Menschen, die nicht wissen, was sie wollen. Ich wusste schon immer, was ich will, und trotzdem gehöre ich zu dieser Generation – nicht nur, weil ich 28 bin, sondern, weil […]

  • […] Lagerfeuer sitzen wir, eine Flasche Wein zwischen uns, und das Holz knistert. Jetzt, wo der Winter beginnt, sind die Tage angenehm warm, die […]

  • […] lieb ist, ich bin ein höflicher Mensch), dann schwanken die Zuhörer meist zwischen dem Bild eines faszinierendem Glamourleben, das sich so in ihre Köpfe einnistet, dass ich das Rattern hören kann. Oder sie schenken mir eben […]

  • […] Nutellatage, Rotweinnächte. – anidenkt.de […]

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