Do not take me for granted.

Die englische Bezeichnung dafür, etwas nicht als gegeben oder selbstverständlich anzunehmen, trifft es für mich auf den Punkt. Do not take me for granted. Nicht meine Arbeit, nicht meine Liebe, nicht meine Nerven, nicht meine Zeit, nicht mein alles. Und die Kraft dieses Satzes würde ich am liebsten aufsaugen.

Im Laufe jeden Jahres kristallisiert sich relativ schnell bei mir heraus, wohin die Reise in diesem Jahr geht. 2017 ist es vor allem ein Wort, das ständig aufploppt; ein Begriff, den ich früher nie so richtig verstanden habe, in falsche Schubladen packte, oder ihm kaum Bedeutung beigemessen habe. Wertschätzung.
Ja, kenn ich. Wertschätzung hat was mit Danke sagen zu tun. Okay, easy. Zumindest für viele unter uns. Aber was ist, wenn ich behaupte, dass Wertschätzung nicht da anfängt, wo die meisten aufhören, nämlich beim Danke sagen für eine bereits erbrachte Leistung, sondern vielmehr die Basis von allem ist. Eine Einstellung, die an nichts gebunden ist. Die da ist. Ich schätze es wert, dass bestimmte Menschen Teil meines Lebens sind. Mein Empfinden für sie fängt bei ihrer Existenz an. Einfach, weil es sie gibt.

 

Berufliche Wertschätzung = Bezahlung

 

Wertschätzung im Beruf fängt bei mir da an, dass ich auf (persönlich verfasste) E-Mails reagiere, sind es auch noch so viele. Dass ich jedes Projekt, das ich annehme, und zwar vom Reiseführer hin zum Debütroman, wertschätze. Weil ich es machen darf, weil es meine Miete zahlt, weil es Spaß macht – und weil hinter jedem Auftrag ein Mensch steht, der mich und meine Arbeit sieht und mir deshalb seine Anfrage in meine Hände legt.

Ich schreibe darüber, weil ich auch die andere Seite zu spüren bekomme, und zwar so richtig. So oft erhalte ich E-Mails von seelenlosen PR-Agenturen, die mich bitten, für Reichweite zu arbeiten, wtf. Bezahlung? Nicht vorhanden.
Auch fein: Ich wurde angefragt, eine wöchentliche Kolumne für ein Internetportal zu schreiben. Honorar war keins ins Sicht. Wie sie auf mich gekommen sind? Durch mein Buch. Jeder Mensch, der ansatzweise geradeaus denken an, fragt keine Autorin an, aus Spaß am geschriebenen Wort zu arbeiten.

 

Letztes Beispiel, das mir den Stecker gezogen hat: Kürzlich sollte ich im Rahmen einer Veranstaltung lesen. Ich bekam weder Infos zur Uhrzeit noch zum Ablauf, ein paar Tage vorher erreichte mich allerdings die Bitte, die Veranstaltung auf meinen Social Media-Kanälen zu teilen. Als ich darauf hinwies, dass ich noch nicht mal eine feste Zusage hätte, geschweigedenn im Programm stehen würde, kam lediglich zurück: „Okay. Ist das nun eine Absage?“
Das war alles. Die geringste Form von Wertschätzung ist für mich die Basis für respektvolles Miteinander. Wie unsichtbar sie für andere ist, merke ich immer wieder.

 

Wertschätzung im Alltag = Menschlichkeit

 

Die Art und Weise, wie so viele mit ihren Mitmenschen umgehen, beschämt mich oft, um ehrlich zu sein. Wir sind alle vorne mit dabei, wenn es mal wieder darumgeht, das Profilfoto auf Facebook in einem Flaggenmuster anzustreichen und wir sind alle vorne mit dabei, den nächsten Protestmarsch in die Timeline zu spülen. Die Maske des Schein über all dem Sein und am Ende bleibt wie viel übrig? Im Kleinen, im Alltag, im analogen Leben, das es nach wie vor gibt? Welche Mitmenschen sehen wir überhaupt? Wem helfen wir über die Straße, welches Projekt unterstützen wir, für wen haben wir noch Zeit, wie oft sind wir freundlich zueinander, und zwar einfach so?

Privat lade ich Freunde gerne mal zum Kaffeetrinken ein und übernehme die Rechnung. Oder sage ihnen, was ich toll an ihrer Persönlichkeit finde, weil ich weiß, wie schwierig es ist, sich selbst zu sehen. Oder ich unterhalte mich mit Fremden auf der Straße, was im Ausland manchmal so viel einfacher scheint als in Deutschland. Mein Freund ist darin sehr gut, er quatscht jeden an, bei dem er das Gefühl hat, dass er ein Gespräch sucht; meist sind es alte Menschen. Wie bereichernd es ist, sich zehn Minuten über den irre schönen Garten der Villa Lenbach am Königsplatz zu unterhalten und dann weiterzugehen, habe ich früher unterschätzt.

 

Ein Hoch auf die Basis

 

Wir leben in sehr spannenden Zeiten und ich bin mir sicher, dass darin viel Positives liegt. Wie die Menschen weltweit zusammenwachsen, ist richtig schön anzusehen. Da kann man auch mal kurz innehalten und den Hach-Moment genießen. Genauso wichtig ist es aber, dieses Ding mit der Wertschätzung endlich in den Alltag fließen zu lassen. Es fängt im Kleinen an, bei der Basis, und die stärkt den Charakter. Vom Buchtitel, der ins Auge fällt und man sich sofort angesprochen fühlt, über ein nettes Kompliment eines Freundes, hin zu einer Lobeshymne vom Chef bis zum grandiosen Jahresurlaub in Neuseeland. Alles hängt zusammen, das Lächeln auf der Straße ist nicht weniger wert als das neue MacBook. Do not take anything for granted.

Heute, an einem Tag, an dem ich einen tollen Auftrag angenommen, spontan einen Flug gebucht habe, aber auch gleichzeitig eine Veranstaltung absagen musste und mich tierisch über jemanden ärgerte, bin ich genau hier, jetzt, mittendrin, in einem großen Chaos. Aber. Alles ist gut. Kommt Zeit, kommt Rat, kommt Neues. Ich übe mich jeden Tag darin, absolut nichts als selbstverständlich anzusehen und nein, niemand hat gesagt, dass es einfach ist. Aber es macht auf lange Sicht so vieles einfacher. Zum Beispiel die Sache mit dem Verständnis für andere – und deren Chaos.

Don’t take ever anything for granted. Und Euch, jeden Einzelnen, der hier vorbeischneit und meine Texte liest, Euch habe ich noch nie für selbstverständlich genommen. Über Euch freue ich mich jeden Tag.


Copyright Headerfoto: Maximilian Heinrich | maxplusone.net

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9 comments

  • Wie wahr, liebe Ani – vor allem, was du über die berufliche Wertschätzung schreibt. Nur die Leidenschaft und die Freude am Schreiben alleine reicht nun mal nicht für die Miete… aber ich kann schon nicht mehr zählen, wie oft ich das „rechtfertigen“ musste.
    Bleib dran!
    & ein Dank auch an dich für deine Blogtexte.

  • „Do not take me for granted.“ bzw. „Do not take anyone/anything for granted.“
    Das erscheint so offensichtlich, ist es aber leider nicht.
    Ein toller Text. Vielen Dank dafür, liebe Anika.
    Auf dass möglichst viele Auftraggeber/Kunden/Freunde/Menschen allgemein ihn lesen… 🙂

  • Vielen Dank für diese Zeilen. Das wunderbare am Wertschätzen der eigenen Person, anderer Menschen, Dinge und Lebewesen ist: die positive Kraft, die daraus entspringt, gibt uns das Gefühl stets am ganz genau richtigen Ort zur ganz genau richtigen Zeit zu sein. Liebe Anika, danke fürs Erinnern.

  • Lieben Dank für Deinen einfühlsamen Text. Er hat mich wieder an mich selbst erinnern lassen.
    Viel Erfolg für Deine Buchprojekte. a

  • Hallo Ani
    Du sprichst ein Thema in so herrlicher Weise an, dass in einer Zeit, in der sich die meisten hinter Tastatur und Selfies verkriechen, immer wichtiger wird. Die Verbindlichkeit ist heute ebenso gesucht, wie Anstand und Respekt.
    Hab es gern geteilt. Dein Standpunkt entspricht meiner Vorstellung

  • Vielen DANK für diesen wirklich wertvollen Beitrag. Mir ist es auch schon aufgefallen das die Arbeit vieler Leute, vieler begabten Menschen, sehr oft einfach selbstverständlich gesehen wird. Und oft wird dann „die eine Hand wäscht die Andere“ gespielt, anstatt dem anderen das angemessene Geld zu zahlen. Nicht weil man es müsste, oder weil man es nicht gerne für einen Freund tun würde. Sondern einfach weil man damit zeigt, das einem die Arbeit des Anderen (noch) etwas Wert ist. Weil man die Arbeit des Anderen schätzt. – BIsher kannte ich diesen englischen Satz nicht, aber ich werde ihn in meinem Herzen bewahren. DANKE nochmals dafür.

  • Wertschätzung ist nötig, damit Würde (jene von der auch das GG spricht) nicht zur hohlen Phrase verkommt …
    Ich glaube deshalb muss auch die Wertschätzung eher ein dauerhafter Vorgang sein als ein punktueller, wie Du schreibst.

  • Danke Euch allen für Eure tollen und interessanten Kommentare!

  • Toll geschrieben. Und so wahr. Danke dafür!

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