WWW

Ich liebe „Was-wäre-wenn…?“-Spiele!

 

Leider.

Durch diese Neigung schwanke ich immer zwischen einer prognostizierten Weltuntergangsstimmung und einer klaren Struktur meiner zu erledigenden Aufgaben – Fluch und Segen.

Was wäre wenn? Das ist so eine Frage, über die Frauen ihre Alleinherrschaft beanspruchen. Ich kann mich an keinen Mann erinnern, der das mal mit weit aufgerissenen Augen und zusammenhangslosen, in sich verschluckenden Sätzen panisch gestottert hat. Frauen dafür umso mehr. Ich kann mich beispielsweise gut daran erinnern, wie die Mädchen aus meiner Schauspielschule jeden Abschlussabend in der Garderobe standen und mit Tränen in den Augen stammelten: „Was soll ich machen, wenn ich heute bei meinem Monolog nicht weinen kann? Gestern kam auch nur eine Träne!“ Hätte die Gute einfach mal ihre persönliche Panikattacke mit in die Rolle genommen, wäre sie wohlmöglich auf der Bühne zusammengebrochen und danach in den Spielhimmel gelobt worden. Aber ich konnte mich da selbst nicht ausschließen, ich hatte die gleichen dämlichen Gedanken. Während die Jungs in stoischer Buddha-Ruhe mit dem iPod in ihren Ohren im Eck saßen, waren meine Hände schweißnass und ich kauerte vor und zurück schaukelnd auf meinem Stuhl.

Meinen Freund nerve ich mit „Was wäre wenn“-Spielchen auch bis zum Verderben, aber er hat mittlerweile unglaublich gut gelernt, wie er mit diesen sinnlosen Gedankenspielen umzugehen hat, um mir die Angst zu nehmen und aber auch gleichzeitig die Lust daran. Wie das geht? Er beantwortet mir meine Fragen, und zwar so detailliert und nachvollziehbar, dass mir schnell die Muse wegrennt, die meine Panik noch kurz vorher gefüttert hat. Ach man.

Die Vorzüge meiner Spinnereien zeigen sich definitiv in meiner Produktivität und Struktur. Was wäre, wenn Ende der Woche alles ein bisschen knapp wird mit zwei Drehtagen, dem Flug am Abend und den zwei Deadlines am Mittwoch? Was ist, wenn ich das nicht schaffe? Lieber mal schnell einen Plan machen, das Kuchen backen verschieben und am Samstag brav alles abarbeiten, was es vorzuarbeiten gibt. Denn ich liebe es, to-do-Listen abzuhacken. Je mehr geschafft ist, desto freier ist mein Kopf, um emotional wieder verrückt spielen zu können. Das ist wie Fenster und Türen öffnen, damit die Inspiration hineinfluten kann. Mit einer vollen to-do-Liste klopft sie nur vorsichtig, aber dreht sich lieber um und geht, verständlicherweise.

Wenn ich ab nächstem Mittwoch dann unter Langeweile leide, weil ich alles schon früher geschafft habe, dann bin ich erstens stolz und zweitens sowieso kaputt und kann daher alles machen, was ich liebe:

Am Morgen mit frischem Kaffee „The Mindy Project“ im Bett gucken.

Inspirierende Fotos suchen auf tumblr.

Packen, und zwar über Stunden hinweg, denn es kommen nur Lieblingssommerkleidchen und Bikinis ins Köfferchen. Dann wieder auspacken, weil zu viel. Dann aber wieder einpacken. Was wäre, wenn die Auswahl zu gering ist und ich etwas zwei Mal anziehen müsste? Fataler Fehler.

Und so kommt es, dass ich gestern die Recherchearbeit für die gesammelten Kolumnen meines ersten Buches abgeschlossen habe und sie ins Lektorat schicken konnte. Harr Harr. Und einen – wie ich finde – wunderbar passenden Titel dazu ausgesucht zu habe. Es macht so viel Spaß, vor dem Urlaub alles abgeschlossen zu haben. Und sich zu langweilen, weil alles getan ist.

An meiner emotionalen Panik muss ich allerdings noch etwas arbeiten. Etwas ist in diesem Bezug ein unnötiges Füllwort. Als ich diese Woche mit Freundinnen in einer Bar saß und ihnen davon erzählte, dass Urlaub und Drehtage eventuell kollidieren könnten, Ewigkeiten mein Problem ausführte und danach bereit war für Lösungsvorschläge ihrerseits, schauten mich alle drei nur an und meinten – auch hier wieder mit stoischer Ruhe: Na dann buch doch den Flug einfach um. Ist ja nicht der Rede wert, wenn du das mal durchrechnest. Außerdem passt es ja zu dir, so ne Tohuwabohu-Aktion. Fliegst du halt um sechs Uhr morgens nach, mei, kannst du gleich wieder was drüber schreiben. Haha.

Aha. War im ersten Moment richtig beschämt, dass ich da selbst nicht draufgekommen war. Hatte mich eventuell zu sehr in meinen Was-wäre-wenn-Fragen verstrickt. In einer Angelegenheit lasse ich mir meine Theorien jedoch nicht nehmen. Beim Träumen.

Was wäre, wenn du morgen die Prüfung bestehst und zwar so gut wie du dich nicht gewagt hast zu träumen?

Was wäre, wenn deine Green-Card-Antrag genehmigt wird und du auf einmal wirklich anfangen kannst, Pläne zu schmieden?

Was wäre, wenn du dich morgen in einen Surfer mit Wuschelhaaren verliebst und er dir ein Flugticket nach Kauaʻi zusteckt?

Was wäre, wenn du hier und jetzt glücklich bist?

Dann wärst du glücklich. Ab jetzt.

 

Join the discussion

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.