90 Minuten.

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Seit Stunden höre ich die Trommeln und Tröten, die vom Stadion in mein Hotelzimmer dringen. Es ist Länderspieltag, Bénin gegen Mali, und ganz Cotonou steht Kopf - denn derzeit herrscht Fußballverbot.
Die Regierung wartet auf Gelder seitens des Fußballbundes, und da diese nicht getätigt werden, darf vorerst nicht gespielt werden. Für eine fußballverrückte Nation wie Bénin nur schwer zu ertragen. Die Regelung gilt allerdings nicht für Länderspiele, und deswegen macht sich die ganze Stadt auf den Weg zum Stadion - zwei Deutsche mittendrin.

Als ich mein Ticket entgegen nehme und das läpprige Papier betrachte, spricht Modeste, unser Übersetzer, aus, was ich denke: Viele Karten kommen vom Schwarzmarkt. Welche wirklich offiziell sind, kann man überhaupt nicht sagen.

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Modeste erklärt, dass das generelle Problem sei, dass viel zu viele Eintrittskarten abseits des offiziellen Verkaufs gedruckt werden und somit nicht alle einen Platz im Stadion finden. Er vermutet sogar, dass der Fußballbund direkt dahintersteckt, um sich die zusätzlichen Einnahmen in die eigenen Taschen zu stopfen. An einem weiteren Eingang, der unter tosendem Lärm nun ebenfalls verriegelt wird, können wir gerade noch hineinspähen. Die Ränge im Stadion sind nicht einmal halbvoll.

Warum die Türen geschlossen werden, lässt sich nur vermuten. Ich glaube, die Polizei ist mit dem Ansturm restlos überfordert und beschließt deswegen, die drängelnden Menschen nicht hereinzulassen. Dass jeder einzelne, der draußen steht, ein Ticket in der Hand hält, interessiert hier niemanden. Umgerechnet zwei Euro kostet es. Das entspricht dem Tagesmindestlohn in Bénin. Nicht im Preis enthalten ist die Absicherung, das Spiel zu sehen. Eine Eintrittskarte, die nichts verspricht.

Ich stehe verloren mittendrin in einer aufgewühlten Masse, die mich viel zu stark an die Bilder der Love Parade vor einigen Jahren erinnert. Ich muss raus hier, das ist es nicht wert. Außerdem kann ich die Gefahr überhaupt nicht einschätzen.
Dann, und ohne Vorwarnung, sehe ich, wie zwei Polizisten vollkommen grundlos den drängelnden Menschen Tränengas direkt in die Augen sprühen. Ich drehe mich um und schaffe es rechtzeitig aus der Menschentraube heraus, mein Herz klopft bis zum Anschlag.
„Das ist nicht Bénin“, sagt eine Frau, die an mir vorbeigeht, und schüttelt den Kopf.

 

Als ein Polizist uns Weiße mit den Kameras in der Hand für Presseleute hält, wird uns angeboten, das Stadion betreten zu dürfen. Ich schlucke und sehe, wie Modeste seine große Chance wittert. Dann blicke ich in die enttäuschten Gesichter um mich herum. Alte Männer und kleine Kinder, Frauen, die ihre Babys auf dem Rücken tragen, Verkäuferinnen, die mit ihren Körben vor dem verschlossenen Stadion stehen, sie alle blicken mich an.

Und da soll ich nun an ihnen vorbeimarschieren, um meine Rolle als privilegierte Weiße perfekt zu untermauern? Ich kann das nicht. Ich bleibe draußen.

Zu beobachten, wie die Menschen an jedem Eingang sich immer wieder auf Diskussionen einlassen oder sich an die Holztüren pressen, um durch die Schlitze schauen zu können, ist kaum zu ertragen. Ich halte die Bilder in Fotos fest und jetzt auch in Worten, zumindest versuche ich es, weil es eine der vielen Situationen ist, die ich in den kommenden 10 Tagen noch erfahren werde: Jeder, der hier ansatzweise etwas zu sagen hat, jeder, der auch nur den kleinsten Profit für sich herausschlagen kann, der greift kräftig zu. Zurück bleibt die arme, die ehrliche, die unfassbar freundliche Bevölkerung. Diejenigen, die so wenig wollen, und selbst das nicht kriegen.

Wir laufen einmal um das Stadion herum, reden, schweigen, schütteln die Köpfe.
Doch bevor ich in meinen desillusionierten Gedanken vollkommen verschwinde, werden wir lautstark von einem großen Mann angesprochen, der mit einigen anderen zusammensteht und uns zu sich winkt. Schnell werden die klassischen W-Fragen abgeklappert. Wo kommt ihr hier, wie heißt ihr, wie gefällt es euch hier? Die Stimmung der Männer ist locker und herzlich, nach jedem Satz wird erst mal lautstark gelacht und sich gegenseitig anerkennend auf die Schulter geklopft.
Der Mann sagt schließlich, und das ist der Moment, der mich wirklich umhaut, dass er uns so sehr dankt dafür, wie gut sich Deutschland um die ankommenden Flüchtlinge kümmert. Zeitgleich legt sich eine seltsam angenehme Stille über die vorher laute und euphorische Gruppe.
Es fühlt sich an, als würde für einen Moment die Zeit still stehen. Damit jeder das Bild ehrfürchtig betrachten kann, damit jeder begreifen kann, was hier passiert, zwischen zwei Deutschen und 20 Afrikanern. Etwas, das sich schlicht und ergreifend Menschlichkeit nennt.

Das Bild wird wieder angeschubst. Der Mann fügt hinzu, dass er beobachtet, wie Bekannte, die nach Frankreich oder Holland geflohen sind, kurze Zeit später mit dem Flugzeug zurückgebracht werden. Doch niemand ist dabei, der nach Deutschland aufgebrochen war. Er schüttelt uns aufrichtig die Hände und wir stehen, umringt von rund 20 Augenpaaren, einfach nur so da. Alles verschwimmt.

Ich bin nicht gut mit Emotionen in der Öffentlichkeit. Und dann wiederum, wer ist das schon?

Letztlich bin ich froh, dass ich nicht dazugekommen bin, das Fußballspiel anzuschauen. Auch, weil ich im Nachhinein erfahren habe, dass zwei Menschen über die Ballustraden der Ränge gestürzt und im Krankenhaus verstorben sind.
Was in 90 Minuten abseits von einem Ball und 22 Spielern passieren kann, davon erzählt Afrika seine ganz eigene Geschichte. Eine, die es vermag, das Herz zu brechen, wenn Kinder im Dreck mit kaputten Autoreifen spielen und es gleichzeitig vor Freude tanzen zu lassen, wenn man der erste sein darf, der mit ihnen Seifenblasen um die Wette pustet.

Erich Fried schrieb ein mal: Es ist, was es ist, sagt die Liebe. Und ich spüre, dass so sehr ich helfen möchte, vieles auf dieser Welt zu verbessern, ich genauso sehr manche Verhältnisse schlichtweg akzeptieren muss. Zumindest vorerst, zumindest als Basis, und vor allem, damit ich es irgendwann verstehen kann. Denn das Verstehen ist hier in Afrika die allerschwerste Aufgabe von allen, die es zu bewältigen gilt.

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