Südafrika: Land der Extreme

Es folgt ein Gastbeitrag von Christina Wunder:
Reisen heißt Neues sehen, Abenteuer erleben, seine Grenzen kennen lernen… Man schlüpft heraus aus seiner Wohlfühlzone und erlebt magische Dinge. Das heißt zum Beispiel: Vor lauter Aufregung fast platzen; geradezu überwältigend beeindruckt sein; den Sonnenuntergang so schön finden, dass man nicht mehr denken kann. Faszination als Extremzustand.
Einer der intensivsten Extremzustände ist aber auch Angst. Lähmende, die Gedanken vernebelnde Angst. Solch eine Angst habe ich zum ersten und bisher einzigen Mal während meines Aufenthalts in Südafrika gespürt.
Meine Freunde, die ich in Stellenbosch besucht und mit denen ich die vorherigen Wochen verbracht hatte, waren am Vortag abgereist. Jetzt würde ich alleine nach Kapstadt fahren und danach entlang der Garden Route weiterziehen: Elefanten, Zebras, Abenteuer! Damals wusste ich noch nicht, dass ich bald den Tafelberg erklimmen, mit einem Gummiseil an den Füßen von einer Brücke springen oder auf einem Strauß reiten würde.
Mit einer Mischung aus Traurigkeit wegen ihrer Abreise und Aufregung vor den bevorstehenden Wochen als Alleingänger, beschloss ich, ins Kino zu gehen. Es war Mitte Juli – also Winter – und bereits ab 18 Uhr dunkel. Orientierungsfähigkeiten besitze ich grundsätzlich nicht, daher bin ich zu 100% von Google Maps abhängig. Blöd also, dass die Kompassfunktion meines Handys kaputt war… natürlich verlief ich mich.
Ich bin kein besonders ängstlicher Mensch und hatte vorab Freunde und Familie beruhigt: Kapstadt ist zwar gefährlicher als Koblenz, aber tagsüber ist es doch relativ sicher. Und abends eigentlich auch, wenn man sich nicht gerade alleine rumtreibt.
Aber nun stand ich da, in der tiefsten Dunkelheit, war alleine und hatte mich hoffnungslos verlaufen. Ich wusste weder, wie ich zum Kino, noch wie ich zurück zum Hostel komme. Und das in einer Stadt, in der die Anwohner bei jeder zweiten Ecke anhalten und dir erzählen, was dort schon Schlimmes passiert ist – oder wo und wann sie selbst schon ausgeraubt wurden. Ich versuchte trotzdem, weiter mit Google Maps herauszufinden, wo ich war – und wo ich hinmusste – aber es war zwecklos. Nachdem ich etwa fünf Minuten lang auf der Stelle herumgeirrt war und auf ein Wunder gehofft hatte, das mir Orientierungsvermögen einhauchen würde, stellte ich fest: ich könnte mir auch gleich eine LED-Tafel mit der Aufschrift OPFER über den Kopf halten. Hilfloser kann man nicht aussehen.
Also steckte ich das Handy weg und lief weiter. Lief weiter, bis ich wirklich verzweifelt war. Es waren kaum noch Menschen auf der Straße – nur fragwürdige Gestalten, die an Ecken herumlungerten und mich argwöhnisch beobachteten. Ich hatte Angst. Ich versuchte mich abzulenken, aber das einzige woran ich denken konnte, waren die beiden schwedischen Touristinnen, die letzte Woche beim Spazierengehen überfallen und vergewaltigt wurden. Und das um 19 Uhr abends.
Nach sich endlos hinziehenden Minuten war da ein junger Mann, der mit einer solchen Zielstrebigkeit die Straße entlanglief, dass ich so etwas wie Vertrauen fasse. Ich nahm meinen Mut zusammen und frage ihn, ob er mir erklären kann, wie ich zum Kino komme.
Er sah mich erst verwundert an, dann grinste er breit: „No problem lady, I take you there.“ Und sofort begab er sich, leicht an meinem Ärmel ziehend, in eine kleine Gasse.
Oh Gott. Hastig sagte ich nein danke, ich finde es schon, wenn du mir nur erklärst wie ich dort hinkomme. Die Furcht ließ meine Stimme unangenehm zittern.
„Ach komm schon, Sweety, sei nicht so. Das macht mir nichts aus.“ Zwinkern. Grinsen.
Ich warf einen Blick zurück und sah die beiden Männer, die mich vorher schon beobachtet hatten und wägte meine Optionen ab. Zögerlich folgte ich ihm in die Gasse, während ich mein Pfefferspray, das ich für Notfälle dabei hatte, in meiner Jackentasche krampfhaft umklammerte. Als mein Freund es mir vor meiner Abreise gegeben hatte, hatte ich nur mit den Augen gerollt… als ob ich so was bräuchte. In dem Moment aber war es das einzige, das mich vor den Tränen bewahrte.
Ich war wie gelähmt vor Angst. Roboterartig bewegten sich nur meine Beine, trugen mich zittrig vorwärts. Ich setzte einen Schritt vor den anderen und fragte mich, was jetzt wohl passieren würde und wie ich nur so dumm sein konnte, mich im Dunkeln zu verlaufen.
„Wie heißt du?“
„Christina“, presste ich hervor.
„So so, Christina. Und woher kommst du? Du bist ja offensichtlich nicht von hier, wenn du so spät rausgehst und dich auf noch verläufst“, grinste er mich an und blieb stehen.
Oh Gott, oh Scheiße. Ich wünschte, ich wäre an diesem Abend in meinem 6-Bett-Zimmer geblieben, hätte mir einen heißen Kakao gemacht und ein Buch gelesen.
Dann ging er weiter, sah mich an und sagte schelmisch, fast bedrohlich:
„Weißt du, du solltest wirklich nicht alleine hier rumlaufen… ich könnte dir wehtun, weißt du. Niemand hört dich schreien. Hier passiert so viel, dass dir sowieso keiner helfen würde…“Er blieb wieder stehen, packte mit festem Griff an meine Schulter.
Ich war unfähig, mich zu regen. Konnte nicht denken, geschweige denn rennen. Ich war wie gelähmt. Machte mich auf das Schlimmste gefasst, die noch unvergossenen Tränen schnürten mir die Kehle zu.
Was wird jetzt passieren? Wird es schrecklich wehtun? Könnte ich mich wehren?
… Und plötzlich standen wir vor dem Kino.
Erst war ich überrascht und verwirrt. Dann, als mein Gehirn mir langsam signalisierte: es ist okay, breitete sich Erleichterung in meiner Magengegend aus und löste die verkrampfte Übelkeit ab.
Der junge Mann – seine Hand ruhte noch immer auf meiner Schulter – sagte: „Bitte versprich mir, dass du nie wieder in diesem Land einen fremden Mann nach dem Weg fragst. Wenn du den Weg nicht kennst, bleib zu Hause.“ Ich war immer noch unfähig zu sprechen. Meine verkrampfte Hand ließ das Pfefferspray in der Jackentasche los.
Er grinste mich wieder an, mit demselben Grinsen wie vorhin. Aber diesmal erschien es mir weniger bedrohlich. Er verabschiedete sich und ging, ohne sich noch einmal umzusehen. Ich war so erleichtert, wieder im Hellen zu sein, dass ich, immer noch zitternd, ins Kino stürzte und meine Tränen endlich laufen ließ.
Ich merkte nicht, dass der Film schon halb rum war. Wen kümmert das schon?
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…Und jetzt? Warum erzähle ich dir das? Nicht, um dir Angst zu machen, auf keinen Fall! Ich habe aus dieser Zeit unglaublich viele schöne Erlebnisse mitgenommen und würde keine einzige Sekunde davon eintauschen.
Ich reise immer noch gerne und viel, auch alleine (mein nächstes Wunschziel ist die Transsibirische Eisenbahn: von Moskau nach Wladiwostok, yeah!) Aber ich bin vorsichtiger und aufmerksamer geworden. In Ländern, in denen ich weiß, dass es gefährlich sein könnte, verabrede ich mich lieber mit jemandem, als spätabends noch allein loszuziehen; nehme lieber ein Taxi zurück, als mich zu Fuß unwohl zu fühlen.
Diese „Regeln“ sind banal und irgendwie selbstverständlich. Und auch wenn ich weder vorher total verantwortungslos war, noch jetzt übertrieben ängstlich bin: Ich bin dankbar für dieses Erlebnis, weil es mich aufgeweckt hat.
Hattest du ähnliche Erfahrungen? Ich freue mich riesig über Kommentare und Erfahrungsberichte.
Da hab ich grad mitgefühlt (und gefiebert)- zum Glück ist das Ganze gut ausgegangen! Es ist immer eine Gratwanderung mit dem Angst haben, sich fürchten, aber nicht verrückt machen oder gar abhalten lassen, überhaupt was zu unternehmen (Ich denke da an die Auswärtiges Amt-Seite, nach der Lektüre will man ja das Haus gar nicht mehr verlassen). Interessanter und super geschriebener Artikel! Weiterhin gute und sichere Reise(n)
LG Aylin
Liebste Aylin,
ja, mir geht es da genauso. Mittlerweile rufe ich das Auswärtige Amt auch meist nur auf, um nachzusehen, ob man Visum etc. benötigt. Ich finde solche Erfahrungen sehr wichtig, auch wenn man sie niemandem wünscht. Aber wenn sie gut ausgehen – was auch Gott sei Dank meist der Fall ist – hat man ne Menge dazugelernt. Oder, Christina? ?
In der Tat! Ich hab mich heute Nachmittag noch mit einer Bekannten unterhalten, die genau das Gleiche über die Seiten vom Auswärtigen Amt gesagt hat.
Das ist ein bisschen wie mit der Oma – wenn’s nach ihr ginge, bliebe man immer zu Hause, wo es sicher ist
Aber wie gesagt, die gesunde Mischung aus Vorsicht und „naiver“ Lebensfreude macht’s!
Liebe Grüße,
Christina
Na das ist eine Geschichte, die einem zu denken gibt. Zum Glück ist nichts passiert…Aber denkst Du jetzt, im Nachhinein, dass es vielleicht sogar besser ist, dass das Ganze passiert ist, weil es einen vorsichtiger macht?
LG, Madita
Liebe Madita,
Definitiv! Dieses Erlebnis hat mich auf positive Weise erschüttert und aufgeweckt, dafür bin ich sehr dankbar!
Viele Grüße,
Christina
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