Sie war mir von Anfang an suspekt. Ich glaube, das ist das richtige Wort. Die Frau mit dem schönen Namen Margarita, in deren große Wohnung der Andere und ich für vier Wochen ein Zimmer gemietet haben.
Durch das Reisen ist man dreckige Plätze gewohnt, man stellt seine eigenen Gewohnheiten für einige Zeit in die Ecke und fährt oftmals seine Vorstellungen von Hygiene auf Sparflamme herunter. In Margaritas Wohnung, die eigentlich sehr schön ist und aus der man Vieles hätte machen können, habe ich das aber von Anfang an nicht eingesehen. Zu hoher Preis. Zu viele Dinge, die nicht funktionierten. Ein Regelwerk für uns Untermieter, das sich von Tag zu Tag zuspitzte.
„Margarita, die Dusche in unserem Zimmer ist eiskalt, wie du ja weißt. Kann ich heute in deinem Badezimmer duschen, ich bin krank…?
„Du bist nicht krank.“
„Doch, du weißt, dass ich krank bin. Außerdem, um ehrlich zu sein, ist deine Aussage sehr frech. Wie kannst du entscheiden, wann ich krank bin und wann nicht?“
„In Kolumbien duscht man eiskalt, wenn man krank ist.“
„Aha. In Deutschland nimmt man ein heißes Erkältungsbad.“
„Wir sind aber nicht in Deutschland. Außerdem möchte ich keine Männer in meinem Badezimmer haben. Anika kann dort duschen, wenn ihr die andere Dusche zu kalt ist.“
Margarita ist Sozialarbeiterin. Am ersten Tag meiner Ankunft unterhalten wir uns mit Händen und Füßen. Ich sehe grundsätzlich das Gute im Menschen, möchte nett zu ihr sein, obwohl ich ihre Sprache kaum spreche. Sie erklärt mir, dass sie mit Frauen arbeitet, die unter Gewalt leiden oder litten. Und ab diesem Moment macht einfach alles, absolut alles keinen Sinn mehr.
Die Tage vergehen, an denen die kleine Frau mit dem dicken Hintern in Leggins und Top durch ihre Wohnung schlurft und uns im Sekundentakt auf die Dinge hinweist, die wir falsch machen. Als wir nach einem Ausflug zurückkommen, meint sie, sie hätte geputzt. Ich schaue mich um und sehe eine genauso verdreckte Wohnung wie vorher, mit dem Unterschied, dass der Dreck vom einen in das andere Eck gewischt wurde.
„Ihr habt diese Woche schon zweimal gewaschen, ihr wascht nicht noch einmal.“
„Wir sind aus dem Amazonas zurückgekommen und unsere Kleidung ist verschwitzt und dreckig. Außerdem sind wir zwei Personen. Jeder von uns zahlt hier den vollen Preis.“
„Mein Haus, meine Regeln. Es wird nicht noch einmal gewaschen.“ Sie stellt mir den Wäschesack ins Zimmer. Und in mir brodelt es, all die Gedanken, die herauswollen, jedoch keine Worte finden.
Was damit angefangen hat, dass sie mich strahlend darauf hinwies, lieber zwei statt einen Müsliriegel für den Tag einzupacken, entpuppt sich nach und nach als die Hölle auf Erden. Das Schlimme an der Situation ist, dass der Prozess schleichend kam. Margarita lauerte am Anfang mit einem zuckersüßen Lächeln auf ihren Lippen hinter der Tür, suchte Kontakt und wollte immer wissen, was wir wann und wo und wie geplant hatten. Zwar hasse ich es, bemuttert zu werden, vor allem mit dem Hintergedanken, übermorgen 27 Jahre alt zu werden, aber ich sagte mir, dass das Jammern auf hohem Niveau sei und sie es nur gut meine. Bis sie da waren. Die kalten Anweisungen von früh bis spät und ihre schizophrenen Züge. Und der Kalender, auf dem sie haargenau eintrug, an welchem Wochenende und um welche Uhrzeit wir verreisten und wann wir wieder zurückkehren würden.
„Margarita, wo ist die Zwiebel?“
„Ich habe die Zwiebel weggeschmissen. Die ganze Wohnung hat gestunken und es war eklig.“
„Ich habe sie vor fünf Minuten aufgeschnitten, um sie auf meine schmerzenden Insektenstiche zu legen. Sie lag in der Küche auf einem Zewa. Wie kommst du auf die Idee, meine frischen Lebensmittel wegzuschmeißen, ohne mich vorher zu fragen?“
„Es war eklig.“
Ich betrachte die verklebten Kabel und die kleinen Insektenstraßen in ihrer Küche und überlege, meine Zwiebel aus dem Müll zu fischen.
Die Situation wird unerträglich. Obwohl wir keinerlei Zeit und schon gar keine Nerven haben, eine neue Wohnung zu finden, beschließen wir, drei Tage später auszuziehen. Zwei Tage später mache ich meinen letzten Tagesausflug, dann heißt es vorerst Abschied nehmen von Kolumbien. Ich setze mich beruhigt und in Vorfreude auf New York in den Bus nach Guatape. Nach einer Stunde klingelt mein Handy.
„Die Situation eskaliert hier gerade vollkommen. Margarita will mir nicht das vorgestreckte Geld für den nächsten Monat zurückgeben. Sie will nun einzelne Tage, die wir angeblich über den Monat sind, abrechnen.“
„Ich bin noch nicht einmal 29 Tage hier!“
„Ihre Rechnung ist total wirr, ich habe es nun schon mehrmals vorgerechnet und erklärt, dass es nicht stimmt. Sie dreht völlig durch und droht mir mit Polizei.“
„Ruf Erika an und lass sie versuchen zu vermitteln.“
Ich komme am El Peñol an, steige aus dem Bus und frage einen jungen und sehr hilfsbereiten Kolumbianer, ob ich sein Telefon benutzen könne. Ich rufe zurück und erfahre, dass auch Erika nicht vermitteln konnte und uns riet, noch heute auszuziehen, weil wir ohne Vertrag den Kürzeren ziehen werden.
„Ich schlage hier alles kurz und klein. Weißt du, was sie Erika erzählt hat am Telefon? Dass wir die Wohnung verdreckt hätten und sie schlecht behandelt hätten. Und dass ich ständig gemeine Sachen zu ihr gesagt hätte. Kannst du dir das vorstellen?“
Nein, das kann ich nicht. Nicht einen bösen Satz haben wir gesagt. Im Gegenteil. Ich schlucke. Sie hasst Männer, denke ich mir. Anders kann ich es mir nicht erklären.
„Okay, ich nehme jetzt sofort den nächsten Bus zurück. Und du bleibst ruhig. Denk dran, sie arbeitet als Sozialarbeiterin. Wenn du jetzt anfängst zu toben, holt sie die Polizei und erzählt denen sonst was von häuslicher Gewalt. Dann sitzt du heute Nacht gut und gerne hinter kolumbianischen Gittern und nicht im Flieger nach New York.“
Wir legen auf. Ich atme tief durch und gebe dem hübschen Kolumbianer mit dem netten Lächeln das Telefon zurück.
„Do you want to do the horsebackriding as well?“
Ich schaue ihn an. „I have big problems back in Medellin, I have to turn around.“
„Oh. Do you need anything else? How can I help you?“
Meine Stimme stockt und ich spüre den altbekannten Klos im Hals, der verlässlich meine Tränen ankündigt. Dann setze ich mich auf einen Stuhl und fange an zu weinen. Der Ticketverkäufer fragt mich, was los sei, aber ich kann nicht sprechen, sondern schluchze vor mich hin.
Da sitze ich also. An einer Tankstelle im Nirgendwo und heule. Und alle schauen sie mich an, das blonde Mädchen, das „muchas problemas“ hat und keiner helfen kann. Sie setzen mich in den nächsten Bus zurück und ich fühle mich zwei Stunden lang hilflos.
Ich klingele am Hexenhaus und laufe die Treppen in den obersten Stock. Mein Herz pocht wie wild, aber ich sage mir die ganze Zeit, dass ich mich verdammt nochmal zusammenreißen muss.
In der Küche sitzt sie und ich erkenne sie nicht wieder. Aller Glanz, ihr ganzes Erscheinungsbild ist wie von ihrem Gesicht gefallen. Wie bei einer Maske einfach abgerutscht. Die Haare licht und zerzaust und in einem hässlichen, bräunlichen Ton. Der Blick starr auf den Teller gerichtet. Leer und ignorant zugleich. Sie sieht aus, als hätte sie eine Transformation durchgemacht und ich frage mich, ob ich mitten in einem Exorzismus stehe.
Ich mache mit meinen Händen das Zeichen für Geld. Ich hasse diese Bewegung mit den Fingern. Sie schaut nicht auf.
Ich sage: „Margarita, we are leaving. Diez minutos. Give the money back, otherwise you will get really big problems.“ Sie steckt sich in Zeitlupe die letzte Pommes in den Mund und schaut an mir vorbei, als ob sie blind und stumm zugleich wäre, mich schlichtweg nicht wahrnehmen würde. Ich gehe den Gang entlang zu unserem Zimmer und packe mit dem Anderen den Rest der Sachen.
„Ich habe auf die Rückseite ihrer Bilder „Hexe“ geschrieben.“
„Das solltest du dir sparen, solange sie die Daten deines Passes hat“.
Ich schwinge meinen Rucksack auf den Rücken und reiße damit eins der Bilder von der Wand. Der Rahmen zerspringt. Dann nehme ich mein Handy und filme die Wohnung sowie die Geldübergabe. Beim Abzählen zittert sie wie Espenlaub. Anscheinend haben nicht nur wir Angst.
Drei Tage behält sie ein. Ich habe keine Lust mehr zu verhandeln.
Wir treten aus der Tür und schließen sie hinter uns. Sie geht erneut auf. Die kleine Frau steht im Türrahmen, schaut schräg an uns vorbei und sagt, sie wolle sehen, dass wir das Gebäude komplett verlassen.
Der Andere lacht. Eine Mischung aus Fassungslosigkeit und Verzweiflung.
Ich schaue sie an und sage. „Tú eres loco loco.“ Ich sage es zweimal, weil ich keine Steigerungsform kenne. Sie blickt weiterhin starr auf den Boden und wir gehen.
Alles hinter uns wird egal. Fällt ins sich zusammen wie ein Erlebnis, das man weder glauben noch fassen kann. Alles wird unwichtig. Auf einmal zählt gar nichts mehr, außer das Taxi, das vorfährt, und die Hand, die meine hält.
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6 comments on Die Hexe von Carlos E. Restrepo
Marco Buch
Fesselnd geschrieben, super! Und ‘loco loco’ merk’ ich mir, das klingt viel besser als die grammatikalisch richtige Bezeichnung! Hoffe, Ihr habt es verwunden. Es gibt einfach solche Menschen. Später kannst Du drüber lachen!
anidenkt
Danke, Marco! Du hast vollkommen Recht.
Julia-Maria Eiben
Absolut unfassbare Geschichte. Man fühlt sich beim Lesen genauso hilflos wie ihr!
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Sen gül
selten so gefesselt einen Text gelesen und geschmunzelt. ich liebe deinen blog
anidenkt (author)
Wow. Vielen Dank! Ich freu mich sehr, dass du hergefunden hast.