Carine erzählt ihre Wahrheit. (Buchkritik „Wild Truth“)

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Als ich von der Buchveröffentlichung „Wild Truth“ von Carine McCandless mitbekommen hatte, war mein erster Gedanke: Das muss ich lesen, und zwar sofort.

Mein zweiter Gedanke war skeptisch, jedoch nicht weniger neugierig. Ich fragte mich, warum nach dem Buch von Jon Krakauer und seiner allumfassenden Recherche des Falls Christopher McCandless sowie dem darauffolgenden Film Into the Wild nun auch noch die Schwester ein Wort verlieren musste. Zwar hatte sie über die Jahre sehr viel mit Jon zusammengearbeitet und nur durch ihre Mithilfe ist der Film von Sean Penn überhaupt zu dem geworden, was er ist, aber ein eigenes Buch hatte sie bis dato nicht geschrieben. Warum?

„Die Leute glauben immer, unsere Geschichte zu verstehen, nur weil sie wissen, wie die von Chris endete, dabei wissen sie überhaupt nicht, wie alles begann…“

Kurzum, das ist die Wahrheit. Sehr früh im Verlauf des Buches wird klar, dass die Unstimmigkeiten in der Familie, die vor allem im Film lediglich als an der Oberfläche kratzende Vermutungen dargestellt worden sind, so tiefgreifende Ausmaße hatten, wie man es sich in seinen schlimmsten Albträumen nicht vorstellen mag.
Ich möchte nicht zu viel verraten, nur, dass ich innerhalb der ersten Seiten verstanden habe, dass Carine das Buch schreiben musste, um den Menschen, die ihren Bruder seit 1992 als Idioten, Egoisten und undankbaren Sohn, der seinen Eltern nichts als Kummer bereitet hat, eine neue Sichtweise bieten zu können. Das war sicherlich nicht einfach für sie, sonst hätte sie sich von Anfang an dazu entschieden, Jon Krakauer die ganze Wahrheit schreiben zu lassen - doch damals, als er sie bat, mit ihr über Chris und ihre Eltern zu reden, war sie gerade einmal 21 und in ihr keimte Hoffnung, die Familie könnte doch noch zusammenfinden und durch den Tod ihres Bruders vielleicht zusammenwachsen.

Carine erzählt aus der Ich-Perspektive und weitestgehend chronologisch. Streckenweise bekommt man vor allem in ihr Leben einen Einblick - warum sie so eine starke Verbindung zu ihrem Bruder hatte, sie mit 18 verheiratet und mit 20 bereits geschieden war, dass die Hälfte ihres Lebens von Gewalt und Tragödien beherrscht waren.
Ihre Geschichte liest sich teilweise so erschreckend, dass es schwer fällt, zu glauben, wie ein Mensch all das überleben kann. Und es trotzdem möglich ist, immer wieder aufzustehen und ihr Leben auf Anfang zu setzen.

Ich habe das Buch über die Feiertage gelesen, weil ich es unglaublich interessant fand. Es ist authentisch, voller Zitate und Briefauszüge sowie etlicher Bilder, die ihre Erzählungen perfekt unterstützen und den Leser so intime Einblicke in eine verlorene Familie gewähren, dass man sich unausweichlich Gedanken über die eigene macht und sich immer wieder darin findet, eigene Meinungen zu den berichteten Geschehnissen zu formen.
Außerdem schreibt Carine - sie ist keine große Erzählerin - einfach und doch sehr wortgewandt. Die Geschichte trägt sie, ihre Worte müssen hier nicht viel tun. Das Buch eignet sich daher regelrecht zum Verschlingen.

Wer sich damit schwer tut, den Aussteiger Christopher McCandless zu verstehen, sollte dieses Buch lesen. Und für alle Interessierten an seiner Geschichte generell, ist es sowieso ein Muss.

„Wild Truth“, Carine McCandless, erschienen im btb Verlag, 19,99 Eur0.

Fotocredit Titelfoto: Unsplash

 

4 comments

  • Liebe Ani!

    Vielen Dank für den tollen Buchtipp. Ich habe es genauso wie du verschlungen. Das Verhältnis, was Carine und Chris zu ihren Eltern haben ist bedrückend und die Kindheit der beiden wirklich verstörend. Auch wenn ich den Film liebe, fand ich den Chris darin teilweise irgendwie streckenweise etwas merkwürdig, weil ich seinen Hang zum Dramatischen manchmal etwas übertrieben fand. Nach dem Lesen des Buches, habe ich das Gefühl die ganze Geschichte viel besser zu verstehen, auch, warum Carine die wahre Geschichte erst jetzt erzählen kann.
    Ich freu mich auf weitere Buchtipps von dir!
    Liebe Grüße
    Anne

    • Hey Anne,

      mir geht es exakt genauso. Ich liebe den Film, habe den Charakter aber auch nicht immer verstanden und mich daher mehr auf die Bilder und Geschichte konzentriert. Das Buch deckt alles auf und schließt die Lücken.

      Danke dir, es folgt bestimmt bald mal wieder was.
      Lieben Gruß!

  • […] Carine erzählt ihre Wahrheit. (Buchkritik “Wild Truth”) […]

  • […] An Weihnachten 2014 habe ich das Buch von McCandless Schwester „Wild Truth“ verschlungen. Es bringt sehr viel Licht ins Dunkel und ist eine große Empfehlung für alle, die […]

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