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Links neben mir sitzt ein Mann Mitte Zwanzig, der seit Jahren eine Fernbeziehung führt. Und nicht diese Bottrop-Berlin-Geschichte, sondern Deutschland-Malaysia und weil beide aufgrund verschiedener Jobs und dem Studium nie länger als ein paar Monate am gleichen Orten bleiben, verschiebt sich das Beziehungsmodell immer wieder zwischen Ghana und Südafrika, zwischen Malawi und Jordanien.

Continue reading „Hört auf, euch den Stempel „beziehungsunfähig“ aufzudrücken!“

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besser: Jörg Pilawa ist schuld.

Ich sitze im ICE von Würzburg nach München. Mir gegenüber sitzen zwei Männer, die geschäftlich in Köln waren. Beide kommen aus dem Umland von Nürnberg und unterhalten sich im tiefsten Fränkisch und in sehr langgezogenen Sätzen, gefüllt mit sehr wenigen Worten, darüber, wie sehr man seine Heimat und sein Zuhause doch wertschätzt, wenn man mal weg gewesen ist.
Mein Blick wandert nach draußen, an den mit schweren Wolken behangenen Himmel und die satten, grünen Wälder darunter. Ich bin nach wie vor zwischen zwei Welten. Dabei war ich gar nicht in Köln.

„Köln ist schon sehr hektisch. Die Leute rennen alle herum. Wie in New York. Da ist Nürnberg schon beschaulicher.“

„Findest du, dass Köln hektischer ist als andere Städte?“

„Nein. Aber Nürnberg ist halt beschaulich. Da weiß man, was man hat“.

„Hmmmmmmm.“

Während der Eine krampfhaft versucht, mit seinem Arbeitskollegen eine halbwegs taugliche Konversation zu führen, kommt beim Anderen immer nur ein sehr lautes und nicht enden wollendes hmmmmmmm als Antwort.

„Na, mal schauen, was meine S-Bahn so macht.“

Pause. „Sie kommt pünktlich.“

„Hmmmmmmm. Dann kann ja nichts mehr schief gehen.“

Nicht aufgrund meines Jetlags, sondern aufgrund des langweiligsten Gespräches aller Zeiten schlafe ich ein. Gleich.

„Mal schauen, ob ich am Nürnberger Bahnhof noch ein paar Mitbringsel für die Kinder finde…“

„Hmmmmmmmm…“

Ich verstehe zwar nicht, warum man Mitbringsel in Nürnberg kauft, wenn man in Köln war, aber gut. Ich zwinge mich, das unkommentiert zu lassen, und starre weiter aus dem Fenster.

 

Es muss niemand in die weite Welt, wenn er nicht will. Wer sich in Köln fühlt, wie ich mich in New York, der hat vielleicht eine verschobene Wahrnehmung, aber auch das ist in Ordnung. Aber was ich merke, wenn ich den beiden so zuhöre und innerlich auch schon in das meditative hmmmmmm einstimme, ist, dass ich mir eine Sache ganz besonders gerade wünsche:
Alltag. Ich wünsche mir ein bisschen Regelung in meinem Leben. Mein Bett, das ich bezogen habe mit meinen Laken. Meine Küche, die sauber ist, weil ich sie putze. Meine Freunde um mich, die toll sind, weil es meine sind. Ich wünsche mir ein Leben ohne Gefühlschaos und ohne Zeitverschiebung zu Menschen, mit denen ich sprechen möchte.

Trotzdem komme ich nicht umhin, mich zu fragen: Ist Alltag gleichgestellt mit Langeweile? Die beiden Männer waren noch keine 40 Jahre alt und trotzdem strahlten sie eine Lethargie aus, dass ich fast unter den Tisch gerutscht wäre. Sie hätten es eventuell nicht bemerkt.

Ich weiß, dass jeder das Leben anders lebt. Und sieht und fühlt. Aber man darf doch auch was erleben im Alltag, oder etwa nicht? Man darf doch die geregelten Laufbahnen Deutschlands nicht automatisch in einen luftleeren Raum platzieren und das war’s dann.

Ich mag Alltag. Ich brauche ihn, um überhaupt weg zu wollen. Und ich finde, er kann sehr spannend sein, wenn man sich beispielsweise auf den Weg macht, zwischen all den Gewohnheiten kleine Geschenke und Neuigkeiten zu entdecken. Und vor allem: Zeit zu haben. Denn der Alltag kann, wenn man so will, eine Ewigkeit bedeuten. Ich glaube, wir alle nutzen ihn schlichtweg falsch. Deswegen ist er auch so in Verruf geraten, deswegen steht fast jeder mit ihm auf Kriegsfuß.

„Naja, Alltag halt.“ Hängende Schultern.

„Ach, nichts Besonderes, eigentlich das Gleiche wie immer.“ Trauer im Blick.

„Der Alltag hat unsere Beziehung kaputt gemacht.“ Kräuselnde Lippen.

Vielleicht brechen gerade deswegen so viele Deutsche aus und gehen reisen für längere Zeit. Vielleicht sind die Deutschen deshalb das Land mit der größten Reiselust. Weil ein geordnetes Leben innere Unruhe verursachen kann. Vielleicht auch, weil es einfacher ist, ab und an auszubrechen, anstatt kontinuierlich den Alltag für sich zu gewinnen.

Wir fühlen uns getrieben, sicherlich nicht immer, aber manchmal, zwischen all den leuchtenden Ziffern der korrekten Abfahrtszeiten und der Schlaftablettenausstrahlung öffentlich-rechtlicher Fernsehmoderatoren.

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Es ist 4:45 Ortszeit, als ich ein Geräusch höre, das ich so noch nie zuvor gehört habe. Eine Art Knall, allerdings immens laut und irgendwie blechern. So durchdringend, dass ich mir vorstellen kann, wie laut es gewesen sein muss, wäre man direkt dort gewesen. Am Ort des Geschehens und nicht ein paar hundert Meter oder vielleicht ein paar Kilometer weit weg.

Ich bin hellwach. Nicht wirklich aus Sorge, eher aus Nervosität. Neugier und Anspannung. Was war das? Im Halbschlaf murmelt mein Freund, dass es ein Donner in den Bergen gewesen sei. Doch nachdem innerhalb von Sekunden aus allen Himmelsrichtungen Sirenen zu hören sind, ist mir klar, dass es kein Donner war, der mich aus dem Schlaf hat hochschrecken lassen.

In den 80er Jahren war Medellín die gefährlichste Stadt der Welt. Ich hatte diesem Label bezüglich immer Mexico City im Kopf. Oder auch mal Rio. Wahlweise wäre auch Johannesburg eine Option gewesen. Medellín war da nie dabei gewesen, im Gegenteil, ich hatte mich jahrelang nicht mit Kolumbien beschäftigt. Noch vor 10 Jahren ist hier die Armee mit Panzern durch die Straßen gefahren. 10 Jahre - das ist keine Zeit.

Und heute? Medellín hat Charme, vor allem die Kolumbianer selbst, diese kleinen, fröhlichen Menschen. Und kaum ein Europäer ist hier zu sehen, zumindest nicht, wo ich mich aufhalte. Das ist irgendwie mal so richtig angenehm.

Aber die Stadt selbst? Eine Stadt zum Wohnen, ganz simpel. Hier ist nichts mit touri-typischem Sightseeing. Kein Eiffelturm, keine geheime Bucht, kein höchstes, größtes oder schönstes Gebäude der Welt. Es gibt nicht wirklich was zum Anschauen, mal abgesehen von dem immer noch seltsam auf mich wirkenden Bild eines Polizisten mit Maschinengewehr an jeder Straßenecke.

Ich habe noch nicht herausgefunden, ob ich mich durch die allgegenwärtige Anwesenheit der Polizei sicher oder eher unsicher fühle.

Allerdings kann man sich hier gut treiben lassen, so lange man die Augen offen- und seine Wertsachen festhält:
Dann fängst du an, die Menschen zu beobachten. Dein eigenes Treiben und das um dich herum. Dann siehst du auf einmal die freundlichen Gesichter, die dir dein Spanisch im Anfangsstadium ansehen und dir vor dem ersten Wort freundlich die Karte reichen. Du siehst die Crackabhängigen, die unter der Metrotrasse wohnen und so fertig sind, dass sie sich studenlang für die einfachsten Streichholzspiele begeistern können. Und du riechst den allgegenwärtigen Duft der Blumen, denn die Stadt hat dem Land mindestens eine Sache zu verdanken:
Die Pracht der Pflanzen, das überbordende Grün, das sich durch Medellín zieht und als Hoffnungsschimmer zwischen immens hässlichen Betonbauwerken die Tristesse unterbricht. Noch nie habe ich eine Stadt gesehen, die so grün und gleichzeitig so voll von trostlosen und grenzüberschreitend hässlichen Gebäuden ist. Denn ja, hier steht man auf Beton. In allen Variationen.

„So weit ich gehört habe, haben sich Obdachlose in die Luft gesprengt“. Sagt Margarita, unsere zwangsneurotische Vermieterin, und liest weiter in ihrem Buch, als sei nie etwas gewesen. Ich bin überwältigt, schockiert und irgendwie vor allem interessiert … an dieser Stadt, die als Leitbild für alle anderen gefährlichen Städte weltweit gilt. Medellín, das so an sich gearbeitet hat und alles dafür tut, seinen todernsten Ruf zu verlieren. Und doch … ist da immer noch so viel übrig, von dem wir alle gar keine Ahnung haben. Schon gar nicht, wie man damit umgehen soll. Also gehe auch ich zu meinem Tagesablauf über. So, als ob nie etwas gewesen wäre.

mein Hinterhof. Und Baum und Bank.

Hollywood?

 

Weiterführende Lektüre:

  • Für Marianna habe ich einen Liebesbrief an Medellín geschrieben: Diese Stadt ist verdammt hässlich.“
  • Für ZEITjUNG habe ich die Escobar-Führung von „Palenque Tours“ getestet und sehr viel über die Geschichte der Stadt erfahren: „So einfach ist die Geschichte nicht.“

Außerdem sehr zu emfehlen: Narcos auf Netflix - zeichnet ein sehr authentisches Bild der Zeit um Escobar und den Aufstieg und Fall des Drogenkartells Medellín. Außerdem sind tolle Aufnahmen der Stadt dabei!

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Die letzten Wochen waren, Hand aufs Herz, die Abwechslungsreichsten meines Lebens. Zumindest, so weit ich mich zurückerinnern kann und ich kann mich leider nicht mehr an mein fabulöses Kleinkindalter erinnern.

So viel ändert sich gerade in mir und um mich herum. Ich habe viele neue Menschen kennengelernt und mich von ein paar anderen verabschiedet. Das ist nicht immer einfach, aber es ist wichtig. Außerdem jagt ein neuer Job den Anderen… und das Schönste ist, dass ich dabei Anerkennung erlebe. Die, für die man sich nicht aufopfern oder verkaufen muss, sondern es ist die, die von selbst kommt und man auf sich regnen lassen kann.

Dann war da diese fabelhafte Lesung. Und natürlich die ITB, die weltgrößte Tourismusmesse, die ich zum ersten Mal dieses Jahr besucht habe. Zwei Tage lang habe ich mehrere Weltreisen erlebt, bin von Land zu Land gelaufen und in so viele verschiedene Kulturen eingetaucht. Es war wirklich fabelhaft, auch wenn meine Füße etwas anderes berichten. Hört nicht auf sie.

Und jetzt. Jetzt sitze ich zwischen Kleiderbergen, weil ich mich nicht entscheiden kann, was ich auf meine zweimonatige Reise mitnehmen möchte. Hat jemand schon mal für zwei verschiedene Klimazonen gepackt? Einmal Tropen, einmal Frühling? Als hätte man nicht genug damit zu tun, überhaupt zu packen.
Packen steht für mich als Aufbruch zu neuen Ufern. Und Ausbruch. Aus dem Alltag und all den Dingen, die man kennt. Denn so oft ich meinen riesigen Rucksack vom Schrank hole, so neu ist es doch jedes Mal.

Aber ich sitze nicht nur zwischen den Kleiderbergen, sondern zwischen tausend verschiedenen Empfindungen und Wahrnehmungen. Ich stelle mir so viele Fragen, beispielsweise, ob all meine Pläne finanziell möglich sein werden oder ich nicht doch am Ende unter der Brücke nächtigen muss? Ich frage mich, ob ich meinen Arbeitgebern gerecht werde beziehungsweise bleibe, wenn ich von zwei anderen Kontinenten aus schreibe. Mal schwitzend in einer Hängematte, mal frierend in einem Coffeeshop.

Und ich frage mich natürlich, wie es ist, den Anderen nach sechs Wochen wiederzusehen und ob dieses Kribbeln in der Magengrube die Schmetterlinge sind, die man sich immer so sehnlichst herbeiwünscht? Werden wir es schaffen, zum dritten Mal an einem Flughafen oder Bahnhof aneinander vorbeizulaufen?
Und werde ich jemals aufhören, sinnlose Fragen zu stellen, deren Antworten ich doch sowieso in naher Zukunft erfahren werde? (Nein, werde ich nicht.)

Außerdem, wo sich das Thema „Sitzen“ hier langsam als Hauptthema herauskristallisiert, sitze ich fast immer zwischen Fernweh und dem Bedürfnis, mich unter meiner Bettdecke zu verkriechen. So sehr sehne ich mich manchmal nach beidem, dass ich mich frage, ob ich zum Reisen überhaupt gemacht bin und wenn nein, bin ich dann dafür geeignet, seit fast sieben Jahre an einem Ort zu leben? Wenn ich ehrlich bin, zieht es mich an so viele andere Plätze. Nicht zum Reisen, sondern zum Leben. Und trotzdem stehe ich hier still, mache meine Entscheidungen von anderen Menschen abhängig und drehe mich im Kreis. Zumindest, was das Umziehen betrifft, denn mit einem vierten Umzug würde ich definitiv den Kreis der Innenstadt schließen. Wenigstens komme ich hier in München ein bisschen rum.

Nein, ich will nicht unfair klingen. Ich bin so unglaublich dankbar für die letzten 10 Wochen, für dieses Jahr 2014. Schon jetzt hat es das ganze letzte Jahr durch eine Bandbreite an Gefühlen und Chancen übertrumpft. Ich sollte mich kurz kneifen, einen Moment bitte…

…so. Ich glaube, ich werde mich jetzt ein bisschen ordnen. Das kann ich am besten, wenn ich unterwegs bin, denn da fange ich so richtig an zu philosophieren reflektieren. Und ich schreibe an diesem verdammten Roman weiter, in dessen Charaktere ich schon längst verliebt bin und sie mir fast ein bisschen leid tun, wenn ich mir vor Augen halte, was ich ihnen alles aufbürde. Aber schließlich will niemand darüber lesen, wie jemand 350 Seiten lang über eine Blumenwiese hüpft. Also, Drama, Drama, Drama.

Und wenn ich wiederkomme, dann ist alles immer noch beim Alten und gleichzeitig alles ganz neu. Wie eine alte Parkbank, die frisch gestrichen wurde, jedoch immer noch den gleichen Sitzkomfort bietet. Ja, so wird’s sein.
Es wird noch viel besser werden, dieses Jahr, ich möchte ab jetzt jeden Monat ein weiteres Sahnehäubchen drauf setzen, bis der ganze Turm umfällt und ich in einem riesigen Sahnebad sitze. Und mir die Finger abschlecke, weil’s einfach so verdammt gut ist. Könnt ihr das sehen? Also, ich kann es sogar schmecken.

Abschiedszeilen.