Abwesend, accidentally.
"We don't make mistakes - we just have happy accidents."(Bob Ross, Maler, Held meiner Jugend)
Der Teufel liegt im Detail.
Bevor ich mich mit einem Glas Rotwein und Buch ins Bett verkrümeln wollte, sollte noch kurz eine Abwesenheitsnotiz im Mailprogramm eingerichtet werden. 16 Tage Reisen, da wollte ich zumindest, was meinen festen Job belangt, ungestört sein. Beim Mailprogramm vom Mac ist diese Einstellung ganz gut versteckt, aber meine mittlerweile durch das Bloggen stark kaum ausgeprägte, technik-affine Seite sollte das hinbekommen. Und dann bin ich leider, aus welchen unnachvollziehbaren Gründen auch immer, irgendwo in meinem Postfach falsch abgebogen…
Ich war fix und fertig. Ich, die Perfektionistin, die ironischerweise erst hier einen Appell an funktionierende Kommunikation startete, veranlasste das aktive Herausschicken der Notiz an jeden meiner Kontakte. Doch das war nicht das Ende. Nachdem ich auf Facebook Schadensbegrenzung durch Entschuldigungs-Status versuchte, ging das große Lachen los. Es stellte sich heraus, dass nicht jeder meiner Kontakte eine Mail bekommen hatte, sondern eine Mail pro jemals geschriebene Email. Innerhalb der nächsten fünf Minuten kamen ca. 500 Emails vom allseits beliebten Mailer Delivery Agent zurück in meinen überforderten Briefkasten. Ich schloss daraus, und ich bin verblüfft, dass ich innerhalb meiner Panikattacke solch sinnvolle Gedankengänge formen konnte, dass meine kleine, allerdings wirkungsvolle Notiz unvorstellbar oft rausgegangen sein muss, weil die Mailaccounts mittlerweile dicht machten. Virusalarm, Hackerangriff, was auch immer.
Hieß beispielsweise für geschätzte Kollegen zwischen 40 und 50 Stück. Ich versank im Erdboden.
Kurz darauf wurde mein Account gesperrt. Ich war offiziell der Hacker meines eigenen Kontos. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass ich es nicht mehr rückgängig machen konnte. Also rief ich bei 1und1 an, der Firma, bei der ich mich mittlerweile richtig gut aufgehoben fühle, haben sie mich doch schon in so schweren Stunden technischer Meisterleistungen meinerseits begleitet. Und wiedermal hat sich der Service bewährt. Mein Ansprechpartner rief mir erst mal “Oh mein Gott!” entgegen, als ich ihm die Misere erklärte. Ich fühlte mich verstanden in der Dramatik der Situation. Dann gab ich mich als den Hacker meines eigenen Kontos aus. Da lachte er und meinte aufmunternd: “Na Frau Landsteiner, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Wissen Sie, das ist doch schön, dass nun jeder von Ihrem Urlaub weiß. Viel Spaß!”
Ich fing ebenfalls an zu lachen. Vor allem, weil nach und Antworten von meinen Kontakten zurückkamen.
“Ich muss jemanden einstellen, um die 200 Mails zu löschen. Just kidding.”
“Sehr süß!”
“Ich schick dir morgen alle 20 Mails zurück”
“Das ist ja ein sehr subtiler Hinweis, um dir einfach nur einen mega-schönen und wohlst verdienten Urlaub zu wünschen!”
“Na, dann wissen wir ja Bescheid, Frau Landsteiner!”
Ich war verzückt vom Humor und dem Hang zur Ironie meiner Mitmenschen. Doch als mir einfiel, dass nicht nur nette Kollegen, sondern auch beispielsweise das Kulturreferat München von mir zugespamt wurde, kam unweigerlich die Perfektionsistin zum Vorschein.
Ich setzte mich hin (plus Rotwein, minus Bett) und verfasste eine kurze Entschuldigungnotiz, welche ich an alle verschickte, die meiner technischen Ignoranz zum Opfer gefallen waren.
Dieses Erlebnis entstammt der Kategorie: “Dinge, die kein Mensch braucht, aber man doch was Schlaues draus ziehen kann”. Oder der letzten Seite einer zu meiner Jugendzeit bekannten Mädchenzeitschrift, auf der peinliche Geschichten von Lesern gesammelt wurden. Die wurden dann immer in Ampelstufen gegliedert – Peinlichkeitsfaktor 1-3.
Ich kann mich schlecht locker machen bei so etwas. So flappsig ich spreche und schreibe, so diskret und vor allem konkret bin ich auf der anderen Seite. Diverse Freunde von mir hätten sich einfach ins Bett gelegt und sich dümmlich in den Schlaf gegrinst. Bei mir sind die Schafe sogar nachts durch mein Postfach gehüpft, anstatt friedlich durch meine Träume zu springen.
Ich hatte mir wirklich einen Kopf gemacht. Darüber, was nun Menschen denken könnten, die nun wissen würden, dass ich im Urlaub sei. Fragezeichen Fragezeichen Ausrufezeichen. Denn das war es, nicht mehr. Meine Güte! Keine Nacktfotos in der iCloud, keine peinliche Nachricht, die eigentlich an den Partner, aber dann seltsamerweise doch den Weg zum Chef gefunden hat. Nö. Nur, dass ich vorerst nicht zu erreichen bin.
Und nun? Mal abgesehen davon, dass ich a) aus der Erfahrung gelernt habe und b) nie wieder eine Abwesenheitsnotiz erstellen werde, ist mir auch klar geworden, dass das Universum definitiv pro Urlaub ist. Und das sollte ich wohl allen so mitteilen. Vor allem aber mir selbst, sonst wären die rund 400 Mails nicht zurückgekommen und hätten mich so unfassbar überfordert. Klingt logisch, ist auch so.
Ich hatte übrigens am nächsten Morgen damit gerechnet, dass so einige wütende Antworten in meinem Postfach liegen würden. Darüber, ob ich denn unfähig sei, eine statt 20 Nachrichten zu schicken oder dass andere, weitaus wichtigere Mails, keinen Platz mehr finden konnten. Aber nichts, im Gegenteil. Kaum Reaktion, außer ein paar belustigte Zweizeiler. Da atmete ich tief ein und aus – wir nehmen uns schlichtweg zu wichtig. Ständig, durchgehend. Denken, unsere Probleme erscheinen dem Nächsten genauso unausweilich.
Nein, tun sie nicht. Den meisten sind sie herzlich egal. Und die, die dich mögen, verzeihen dir deine Menschlichkeit gut und gerne.
Abwesenheitsnotiz für die kleine Minderheit, welche die Originalausgabe nicht erreicht hatte:
Ich bin dann mal woanders. Bin trotzdem zu erreichen, weil, naja, das hat ja nicht so ganz geklappt.
(Bildquelle: haiden goggin (flickr) via cc by sa 2.0)
5 Kommentare zu “Abwesend, accidentally.”
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Oktober 12, 2014 um 11:14 am
Absolut sympathisch und einfach Teil einer jeden Biographie (den Mail-Ausrutscher meine ich). The joy of daily life … frei nach Bob Ross : ) Gute Reise! Jutta
Oktober 12, 2014 um 11:56 am
Hätte ich dir auch eine schicken sollen? Du hättest bestimmt gelacht
Danke dir, liebe Jutta!
Oktober 13, 2014 um 2:39 am
Liebe Ani, das hast Du wunderbar und zuckersüß “aufgearbeitet”. Ich bin zumindest ein klein wenig froh, dass Dir dieses Mini-Fauxpas passiert ist, denn so ist dieser super Artikel entstanden <3 Und nun:
Einen absolut wunderbaren, erlebnisreichen Urlaub!
LG Aylin
Oktober 13, 2014 um 4:57 am
Aylin, so kann man es natürlich auch sehen
Danke dir!
Oktober 14, 2014 um 5:15 pm
Du wirst es nicht glauben, aber just gestern habe ich eine eMail-Flut von anderen Stelle bekommen und an dich gedacht! Ich hätte geschmunzelt und dir eine Schmunzel-Antwort geschickt. Einen tollen Aufenthalt in Shanghai wünsche ich dir! Jutta