Aus der Ich-Perspektive
Vor allem diejenigen unter euch, die meine Texte seit 2011 lesen, werden festgestellt haben, dass es hier derzeit die typische Anika-Kolumne seltener zu lesen gibt. Nur ab und an, wenn ich mich kaum halten kann und meinen Emotionen die weiße Fläche bieten muss, damit auch meine Gedanken sich ordnen können.
Zum einen ist es so, dass ich für ajouré eine wöchentliche Kolumne schreibe und glaubt mir, es ist gar nicht so einfach, alle sieben Tage einen hoffentlich lesenswerten Text zu verfassen, der gleichzeitig Witz, Tiefe, Mehrwert und eine fehlerfreie Rechtschreibung vereinen soll, vor allem, wenn man eine Zeit lang fünf von sieben Tagen seinem alltäglichen Job nachgeht und weder eine brennende Meinung dazu hat noch etwas Spannendes abseits dessen erlebt. Dazu kommt, dass ich keinen Fernseher besitze und viele Nachrichtenmeldungen bewusst nicht verfolge, was heißt, dass ich mich nicht mit allem auseinandersetze, was an (Falsch-)Meldungen auf uns niederprasselt.
Aber, und ich glaube, das ist der wichtigste Punkt, warum ich immer weniger Kolumnen schreibe: Ich glaube, es gibt einfach mehr zu entdecken, als Sätze, die mit Ich anfangen. Nehmt das bitte nicht wörtlich, ich sage das überspitzt und bin selbst jemand, der seine Tage damit verbringen könnte, gute und auch verdammt schlechte Kolumnen zu lesen. Einfach, weil ich der Meinung bin, dass ich mich durch subjektive Meinungen und emotionale Darstellung mehr bilden kann, als mich von Dauerpessimismus niederschmettern zu lassen. Und nein, ich sehe natürlich nicht alles schwarz-weiß, ich bin mir der Grautöne der augenzwinkernden Kolumnen durchaus bewusst, kenne Autoren, die mehr reflektieren und Fragen stellen, als die eigene Meinung mit dem Presslufthammer in die Köpfe der Leser zu pressen.
Es ist nur so, dass ich derzeit etwas müde bin, zu aktuellen Themen eine Meinung zu bilden. Beispielsweise weiß ich selbst nach über einer Woche nicht, wie ich zur #icebucketchallenge stehe. Was anfangs eine vielleicht gute Idee war, ist mittlerweile bei den meisten Nominierten reine Selbstinszenierung, die mir die Suppe versalzt. Auch bin ich es derzeit extrem leid, wie sich die Gruppen Fleisch vs. Vegan gegeneinanderstellen und keiner müde wird, dem anderen unerbittlich die Schuld in die Schuhe zu schieben. Ich habe dazu zwar meine ganz klare Meinung und die tue ich auch gerne kund, aber ich kann sie einfach nicht mehr lesen, die pseudo-geistreichen Artikel über Themen, von denen der Autor leider derjenige ist, der am wenigsten Ahnung hat. Die Artikel getreu nach dem Motto: Hauptsache mal was sagen.
Meike Winnemuth hatte, als ihr die Stern-Kolumne angeboten wurde, irgendwie so schön gesagt, dass sie sich doch kaum noch über etwas aufregen könne, sondern so harmonisch gestimmt sei. Sie hat die Kolumne trotzdem angenommen und schreibt sie in meinen Augen jede Woche sehr erfrischend, auch wenn ich – wie sollte es auch anders sein – nicht immer ihrer Meinung bin. Aber ich kann ihre Aussage gut nachvollziehen.
Hat man außerdem schon ein paar Jahre Schreiberei auf dem Buckel, fängt man an, sich im Kreis zu drehen. Das ist der Punkt, an dem man merkt, dass Schreiben (vor allem auf Knopfdruck) wirkliche Arbeit bedeutet und man mit reinem Talent nicht automatisch weit kommt. Einfach, weil Geschichte sich im Kreis dreht, weil sich die gängigen Probleme und Thematiken im Kreis drehen, weil wir uns alle so oft im Kreis drehen.
Da ist mehr als die Ich-Perspektive. Etwas, das ich durch die Schauspielerei gelernt habe und in meine Arbeit mit einfließen lassen durfte. Es gibt immer mehr als dich und es gibt immer mehr, als deine eigene Position zu den Dingen. Dinge, die allesamt über uns stehen. Letzten Sommer habe ich beispielsweise ein gebrochenes Mädchen spielen dürfen, die nach dem Selbstmord ihres Freundes zur Flasche greift und am Ende den Bruder des Verstorbenen angräbt. Würde ich selbst auch so reagieren in dieser Situation? Keine Ahnung, Buddha/Gott/Allah/ sei Dank. Aber ich habe gelernt, mich in andere hineinzuversetzen. Zumindest so weit ich kann.
Denn es gibt meist mehr als nur eine Wahrheit.
Da draußen sind unendlich viele Dinge, die ich nicht verstehe. Gleichzeitig ist mein emotionaler Kosmos nicht bereit zu akzeptieren, dass so vieles auf dieser Welt schief läuft. Aber ich glaube zu wissen, dass ich manches in meinem eigenen Leben richtig mache und das überträgt sich hoffentlich auf meine Mitmenschen, die sich derzeit noch mit den Fragen beschäftigen, deren Antworten ich (für mich) längst gefunden habe. Muss ich deswegen immer und immer wieder darüber schreiben? Ich denke, das ist eine rhetorische Frage.
Im Allgemeinen wende ich mich dem zu, was kommt. Mal reise ich mehr und habe das Bedürfnis, alles darüber aufzuschreiben, dann wiederum liege ich nachts wach und verfasse in Gedanken das nächste Kapitel meines Romanes. Und derzeit ist da auch wieder die Poesie, von der ich mich über so viele Jahre hinweg abgewandt habe.
Es kommt immer was Neues. Und es kommen Leute, deren Zeit es ist, großartige Kolumnen zu schreiben. Die sich über alles und jeden eine Meinung bilden können und diese mitteilen möchten. Im ganz klassischen Kolumnen-Stil.
Nicht nur Gedanken-Placement betreiben, sondern Mehrwert schaffen.
Ich möchte derzeit einfach lieber erzählen. Von Eleni, meiner Protagonistin, die ich so gut verstehen kann. Von Lukas, der mich fasziniert, ich ihn allerdings gleichzeitig schütteln möchte. Von diesem Strand, an dem ich mein Glück gefunden habe. Oder von dem Blumenstrauß, der vor mir steht, und die Sonne, die gerade durch die Wolken bricht.
Ich mag das Aufbrechen zu neuen Ufer. Heißt nicht, dass man das Festland für immer verlässt. Heißt nur, dass man sich treiben lassen kann und dabei trotzdem und ganz bewusst das Steuer in der Hand hält.


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Ja. Ja. Vielleicht. Ja. Nick. Nick. Ganz schön erfasst, was so mein Dilemma mit den ich-Beschreibungen ist bzw. ist mir lustigerweise jetzt eigentlich klar geworden, dass ich mal mehr aus dem ich schreiben kann/darf/sollte.
Ein schöner Text!
Liebe Grüße
/inka
PS: #icebucketchallenge ja! Wenns hilft, auch nur ein paar Euronen mehr zu sammeln, und das tut es anscheinend, mach ich jeden Blödsinn mit. Ich würde sogar zu so einer mega spießigen Aids-Gala gehen!
DEINE Aktion fand ich wunderbar. Hab sehr gelacht. Ich glaube, ich habe einfach nur furchtbare Angst, nominiert zu werden
Danke dir, meine Liebe!