Das Flugzeug fliegt über meinen Bildschirm. Du fliegst über meinen Bildschirm. Von Istanbul über Griechenland und das Mittelmeer nach Afrika, wieder ans Meer, an den Golf von Guinea. Endstation: Cotonou, Benin.
Alle paar Minuten aktualisiere ich den Tab. Jedesmal bewegt sich das Flugzeug ein kleines Stückchen weiter. Ich kann deine Reise verfolgen. Ich kann sehen, wo du bist.
Als du vor ein paar Wochen das Angebot bekommen hast, die Länderkoordination der Organisation One Dollar Glasses zu übernehmen, also sprichwörtlich das Konzept in einem weiteren Land aufzubauen, war ich – und das weißt du – mehr als skeptisch.
Nicht, dass ich es dir nicht zutraute, diese Verantwortung zu stemmen, denn um ehrlich zu sein, traue ich dir fast alles zu, sondern, weil ich mir nicht sicher war, ob das nun das Richtige sei. Mitten in der Masterarbeit diesen Plan zu fassen, dann zuzusagen und drei Wochen nach Abgabe nach Westafrika zu fliegen. Alleine. Ich war angefressen, beobachtete die hübschen Paare durch den Münchner Sommer flanieren und fragte mich, warum wir nicht einfach die Koffer packen und auf große Reise gehen würden. Oder nichts tun, aber das einfach zu zweit.
Dann haben wir uns hingesetzt. Haben die Thematik besprochen, haben Richtlinien gezogen und sind Kompromisse eingegangen. Ich habe gespürt, dass ich gegen ein so gutes, soziales Projekt wie dieses nicht mithilfe meiner Erste-Welt-Problematik argumentieren möchte. Denn natürlich hätte ich gerne den Spätsommer mit dir verbracht.
Ich wäre gerne ein paar Tage nach Venedig geflogen, mit Zwischenstopp am Gardasee, dabei Eis in rauen Mengen verschlingen und so tun, als wäre es der erste Tag der ersten Liebe.
Wenn ich ehrlich bin, dann war mir allerdings von Anfang an klar, dass du es machen würdest. Du könntest und würdest diesen Job nie ablehnen. Und ich weiß, wie sehr es dich seit Jahren nach Afrika zieht, denn mir geht es da genauso und ich glaube, ich habe diesen Kontinent nur so lange aufgeschoben, weil ich wusste, dass er mich, auf welche Weise auch immer, verändern würde.
Aus Skepsis wurde also Neugier und aus Neugier wurde irgendwann unbändiges Wollen. Es gab keine Optionen mehr für mich, nur noch die, mitzukommen. Dich zu unterstützen, bei dem, was du vor Ort leisten würdest. Ohne Französischkenntnisse, die über Floskeln hinausreichen. Ohne das Wissen, wie Land und Leute ticken. Ohne Optikerkenntnisse. Und ohne jemals selbst eine der Brillen gebogen zu haben. Aber jetzt habe ich benötigtes Material für die Herstellung im Koffer und stehe bereit zum Abflug.
Alles, was ich vorweisen kann, ist ein Freiwilliges Soziales Jahr, das ich geleistet habe, Empathie und Motivation. Ich hoffe, das reicht. Und wenn nicht, dann setze ich mich in ein Eck, beobachte und schreibe. Ich schreibe alles auf, was du sagst und was ich sehe, und am Ende schicke ich es raus aus Afrika.
Ich muss ehrlich sagen, dass dein Mut, dein Wille, deine Ausdauer und deine grenzenlose Geduld bei diesem Projekt mich jeden Tag aufs Neue fasziniert haben. Manchmal wütend gemacht haben, traurig oder genervt. Wie du immer wieder die Brillen selbst hergestellt hast, in Workshops Optikerkenntnisse eingeholt und zwischendurch Französisch gepaukt hast.
Und jetzt, wo du weg bist, wo ich wirklich sehe, dass du das durchziehst, kann ich sagen, dass ich niemanden kenne, der Chaos und Unsicherheit mit so viel Offenheit entgegentritt.
Weißt du, als meine Oma letzte Woche von meinem Plan erfahren hat, da hat sie ihren Geldbeutel herausgekramt und gesagt: „Hier sind 50 Euro. Das ist mein eigenes Geld, nicht mal das von Opa. Nimm‘ das mit und gib es jemandem, der es braucht.“
Mittlerweile sind es 150 Euro. Von Menschen, die einfach helfen wollen. Das ist in dieser aktuellen Situation, in der wir uns alle befinden, unglaublich berührend. Danke, Oma, du bist die beste, und danke an alle anderen auch.
Ich freue mich unglaublich auf zehn Tage Benin, auch wenn ich Respekt davor habe, nach Westafrika zu fliegen, in ein Land, wo es Hotelzimmer ohne fließendes Wasser gibt und ganze Städte nachts dunkel sind.
Ich weiß nicht, was mich erwartet und genau deshalb versuche ich ebenfalls nichts zu erwarten. Aber ich glaube, und das sagt mein Bauchgefühl, dass es wichtig ist, etwas zu tun. Wenn ich Gutes tun kann, muss ich Gutes tun. Eine einfache Formel.
Und wenn ich deshalb ab sofort zu den Gutmenschen gezählt werde, dann ist das ein Stempel, mit dem ich leben kann.
Informationen zu One Dollar Glasses (Auszug von der Homepage)
- 150 Millionen Menschen auf der Welt bräuchten eine Brille, können sich aber keine leisten. Sie können nicht lernen, nicht arbeiten und nicht für ihre Familien sorgen.
- Unsere Lösung: Die EinDollarBrille. Sie besteht aus einem leichten, flexiblen Federstahlrahmen und fertigen Gläsern aus Kunststoff, die einfach eingeklickt werden. Die EinDollarBrille kann von den Menschen vor Ort selbst hergestellt und verkauft werden. Der Materialpreis liegt bei rund 1 US Dollar, der Verkaufspreis bei 2-3 ortsüblichen Tageslöhnen.
- Die EinDollarBrille wird durch ausgebildete Fachkräfte im jeweiligen Land auf einer eigens dafür entwickelten Biegemaschine produziert. Diese Biegemaschine ist das Kernstück des Konzeptes der EinDollarBrille. Sie kommt ohne Strom aus und ist quasi wartungsfrei, so dass sie in jedem noch so abgelegenen Dorf funktioniert.
- In einem 14-tägigen Intensiv-Training werden Frauen und Männer in der Herstellung und dem Verkauf der Brillen ausgebildet, sie können sich damit für die Zukunft eine eigene Existenz aufbauen.
- Arme Menschen haben oft nicht das Geld, um in die Stadt zu reisen und dort eine Brille zu kaufen. Deshalb kommen die Optiker zu den Menschen in die Dörfer und versorgen sie vor Ort mit den passenden Brillen. Die Messung der Sehstärke erfolgt regulär durch staatlich zugelassene Augenärzte und Optometristen. Fehlen diese, können auch die EinDollarBrille-Optiker einen Sehtest mittels Sehprobentafel durchführen.
- Im Gepäck haben sie einen Kasten mit Linsen von -6 bis +6 Dioptrien und fertig gebogene Rahmen unterschiedlicher Größen. Sind die richtigen Linsen gefunden, werden diese in den Rahmen eingeklickt. Gleich im Anschluss daran erhält der Patient die passende Brille.
- Nach ihrer Ausbildung arbeiten die Handwerker selbstständig und eigenverantwortlich. Durch den Verkauf der Brillen für einen Gegenwert von 2-3 ortsüblichen Tageslöhnen können die Menschen ihre Materialkosten decken und gleichzeitig genug verdienen, um sich und ihre Familien zu ernähren.
Vormals oft arbeitslose Menschen erhalten so eine neue Zukunftsperspektive. Die Herstellung der Brillen kann in Heimarbeit erfolgen. So können insbesondere Frauen gleichzeitig arbeiten und sich um ihre Kinder kümmern. - Kinder können dank der EinDollarBrille wieder am Unterricht teilnehmen, Eltern können wieder arbeiten und für ihre Kinder sorgen, ältere Menschen können wieder lesen.
Fotocredit: Deniz







Schön, dass du in dieses wunderbare Land fiegst. Was ich allerdings nicht verstehe, warum du als Gutmensch abgestempelt werden solltest, nur weil du dir Benin und die Arbeit von deinem Freund ansiehst?
Also bitte ein bisschen auf dem Boden bleiben, weil grundsätzlich lese ich deinen Blog sehr gerne.
Liebe Elisa,
der letzte Satz ist eine Anspielung auf unsere aktuelle Flüchtlingslage und die Kuriosität dieses Wortes. Ich verstehe nicht, was das mit „auf dem Boden bleiben“ zu tun hat, da ich bereits als Gutmensch bezeichnet wurde und deswegen darauf Bezug nehme und es öffentlich mache. Ich persönlich finde, dass wir viel mehr über die Absurdität dieses Begriffs sprechen müssen.
Gruß,
Anika
„Ich weiß nicht, was mich erwartet und genau deshalb versuche ich ebenfalls nichts zu erwarten.“-So ein toller und wahrer Satz, den nehme ich gleich mal in die Zitate Sektion in meinem Notizbüchlein auf
Ich selbst fliege in drei Tagen nach Bolivien und da passt das wie die Faust auf’s Auge!
Das Projekt klingt übrigens toll, vor allem weil die Menschen dann vor Ort ja letztendlich selbstständig und unabhängig sein sollen, ein sehr wichtiger Punkt!
Viel Erfolg und viele interessante Eindrücke bei dieser Reise
wünscht dir Janina
Liebe Janina,
wow, Bolivien – viel Spaß! Seitdem ich in Kolumbien war, möchte ich den ganzen Kontinent sehen.
Danke für deine lieben Worte – die Organisation ist übrigens auch in Bolivien vertreten. Für den Fall, dass dich das vielleicht interessiert.
http://www.eindollarbrille.de/projekte/bolivien.html
Alles Liebe,
Anika
Schön, dass du nach Westafrika fliegst.
Erwarte nichts und das Land wird dir so viel mehr zurück geben und zeigen. Ich bin sicher, dass dich Westafrika bzw. Benin verändern werden. So ist das mit dem afrikanischen Kontinent. Er verändert und er bereichert.
Das Projekt klingt auch toll, vor allem, weil es nachhaltig angelegt ist.
Ich selbst habe zusammen mit meinem Verlobten vor 2 Jahren ebenfalls eine eigene Hilfsorganisation gegründet für die Kinder in Ghana, also quasi ums Eck von Benin und kann daher nur sagen – lass die anderen einfach denken. Wenn sie dich, nur weil du dich sozial engagierst, abstempeln und als Gutmenschen bezeichnen, dann ist das eben so. Solange du hinter dem stehst, was du tust ist es auch völlig egal, von anderen abgestempelt zu werden.
Hab eine gute Reise und nimm viele Erfahrungen und Erlebnisse mit nach Hause.
Grüße Westafrika von mir.
Liebe Grüße
Das klingt gut und vielen Dank für deine lieben Worte! Verrätst du mir, wie eure Hilfsorganisation heißt?
Lieben Gruß,
Anika
Liebe Anika,
gerne. Hab eine gute Reise.
Unsere Hilfsorganisation heißt Amebii Ghana e.V. Falls du mal reinschauen magst findest du weitere Infos unter http://www.amebii-ghana.com.
Ich bin schon gespannt, was du nach der Reise zu erzählen hast.
Take care und liebe Grüße,
Wibke
Vielen Dank, ich schau’s mir an!
[…] in Afrika wurde mir bewusst, dass der Satz „das ist eine andere Welt“ mindestens genauso fälschlich und […]
[…] im Tierschutz engagieren, wenn es genug Menschen gibt, denen es nicht gut geht?“, „Warum in Afrika helfen, wenn auch in Deutschland Menschen auf der Straße leben?“, „Du bist nur Vegetarierin? Wie […]